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„Unser Konsumverhalten muss sich drastisch ändern.“

Derzeit leben 7.256.299.777 (13. August 2014, 17:41 Uhr) auf der Erde. Jede Sekunde wächst diese Zahl um 2,6 neue Erdbürger. Aber schon jetzt leiden etwa eine Milliarden Menschen unter Hunger.

Die Tendenz ist steigend, denn im Jahr 2050 werden wir wahrscheinlich neun Milliarden Menschen sein, die unseren Planeten bevölkern. Wie wir es schaffen können, diese Menge mit Lebensmitteln zu versorgen, was muss sich dafür ändern muss und wie wir alle mit diesem Thema verbunden sind, erklärt WWF-Landwirtschaftsexpertin Birgit Wilhelm im Gespräch.

"Ich wünsche mir einen bewussten Umgang mit dem Lebensmittel Fleisch", so WWF-Expertin Birgit Wilhelm. © WWF
"Ich wünsche mir einen bewussten Umgang mit dem Lebensmittel Fleisch", so WWF-Expertin Birgit Wilhelm. © WWF

Wie genau wollen wir denn neun Milliarden Menschen ernähren?

Die Ansichten, wie eine Welt mit neun Milliarden Menschen funktionieren kann, weichen mitunter sehr stark voneinander ab. Beispielsweise gibt es aktuelle Studien, die zu dem Schluss kommen, dass sich die Nahrungsmittelproduktion drastisch erhöhen muss, um so vielen Menschen Nahrung liefern zu können. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass die Landwirtschaft – mit ihrer einseitigen Konzentration auf Produktionsmaximierung – bereits dazu beiträgt, dass wir tagtäglich fruchtbaren Ackerboden für die Produktion verlieren. Wir beuten unsere Lebensgrundlage, den Boden, aus. Nur über eine nachhaltige Nutzungsweise und eine Landwirtschaft, die den Erhalt der natürlichen Bodenfruchtbarkeit wieder ins Zentrum stellt, werden wir es schaffen, neun Milliarden Menschen zu ernähren. Darüber hinaus konnten wir vom WWF mit der Studie „How to feed the worlds growing billions“ zeigen, dass es neben der Produktionssteigerung noch weitere wichtige Ansatzpunkte gibt, um die Welt zu ernähren.

 

Wie kann die Hungerkrise dann überwunden werden?

Schon jetzt leiden über eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt an Hunger. Schon jetzt gibt es also absolut reelle Notsituationen. Und dass, obwohl genügend Nahrung vorhanden ist. Es ist also nicht zwingend notwendig, mehr zu produzieren, sondern wir müssen schlauer arbeiten, gerechter verteilen und weniger verschwenden.

Wir beuten unsere Lebensgrundlage, den Boden, aus. © Michael Poliza / WWF
Wir beuten unsere Lebensgrundlage den Boden aus. © Michael Poliza / WWF

Wie soll das gehen?

Das Grundproblem für Hunger auf der Welt kann ja demnach nicht ein Mangel an Nahrungsmitteln sein. Das Grundproblem ist die Ungerechtigkeit der Armut. Fast die Hälfte der Menschen, die an Hunger leiden, sind selber Kleinbauern. Diese Armut gilt es, zu allererst zu bekämpfen. An zweiter Stelle muss die Verschwendung von Nahrungsmitteln verhindert werden. Damit ist nicht nur gemeint, dass wir Bürger der Industrienationen Essen einfach wegschmeißen, sondern auch die Tatsache, dass teilweise bei der Verarbeitung und dem Transport bis zu einem Fünftel der Lebensmittel verloren gehen, weil die Infrastruktur nicht funktioniert oder auch einfach nur, weil ineffizient gearbeitet wird. Und als drittes, und da sind vor allem wir selbst in der Pflicht: unser Konsumverhalten muss sich drastisch ändern.

 

Was genau ist denn falsch an unserem derzeitigen Verhalten?

Wir müssen es schaffen, den Fleischkonsum zu senken. Die Produktion von Fleisch verschlingt Unmengen von Lebensmitteln. Darüber hinaus strapaziert es die Böden, zerstört die Umwelt. Ich wünsche mir gar keinen strikten Vegetarismus, sondern vielmehr einen bewussten Umgang mit dem Lebensmittel Fleisch.

 

Wird es in Zukunft mehr Vegetarier geben?

Mähdrescher in der Reihe © Birgit Wilhelm / WWF
Mähdrescher in der Reihe © Birgit Wilhelm / WWF

Ich persönlich glaube das schon. Es wird scheinbar immer mehr Menschen bewusst, dass die Fleischproduktion, die aus industrieller Massentierhaltung resultiert, unmittelbar zu Umweltzerstörung und Ungerechtigkeit führt. Dazu glaube ich, dass viele Menschen, denen eine bewusste Ernährung wichtig ist, es merken, dass sie gar nicht so viel Fleisch essen müssen, dass sie sich sogar besser fühlen, wenn sie seltener, aber dafür hochwertigere Fleischprodukte verzehren. Allerdings wird dieses Thema sehr emotional geführt. Jemandem seine Essgewohnheiten vorzuwerfen, ist schon ein starker Eingriff in die Privatsphäre. Daher wird das Thema aus so kontrovers geführt.

 

Gibt es trotzdem etwas, das positiv stimmt und Hoffnung macht?

Durchaus. Ich als Landwirtin finde es sehr schön, dass wieder mehr über Essen geredet wird und vor allem auch darüber, wo es her kommt und wie es erzeugt wurde. Durch die Zentralisierung  der Produktion und auch des Vertriebes, etwa durch Supermärkte, hat sich der Zusammenhang stark aufgelöst. Wie soll ich beim Einkauf im Supermarkt einen Bezug zum Essen entwickeln? Eine Vorstellung davon haben, wie ein gesunder Boden sich anfühlt? Ich bin begeistert von den vielen Heimgarteninitiativen – sogar in der Großstadt Berlin. Es ist ein wunderbares Erfolgserlebnis sein eigenes Gemüse zu ernten und gleichzeitig steigt die Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln und dem Boden, der alles wachsen lässt. Inzwischen wird Ernährung wieder stärker in den Alltag aufgenommen, die Leute machen sich darüber Gedanken, was sie essen. Und das stimmt mich sehr hoffnungsvoll.

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