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Tierschutzlabel könnten die Welt verbessern – wenn alle mitmachen

Einige Lebensmittel tragen bereits neue Label. Die Politik hat geliefert, jetzt sind die Konsumenten dran, tiefer in die Tasche zu greifen. Tun sie es nicht, wird die Ethik verlieren. Ein Kommentar von Markus Wolter und Jörg Luy.

© agrarfoto

Die Hälfte der Deutschen legt Wert darauf, dass ihre Lebensmittel aus besonders tiergerechter Haltung stammen. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage, die das Bundeslandwirtschaftsministerium zur Grünen Woche vorgelegt hat. Die von Infratest dimap durchgeführte Befragung deckt sich mit dem Ergebnis einer repräsentativen emnid-Umfrage vom September 2012. Dort gaben 93 Prozent der Befragten an, dass „Fleisch aus artgerechter Haltung deutlich mehr kosten darf“. Nur sechs Prozent waren anderer Auffassung.

Bereits 1975 kam der australische Ethiker Peter Singer in seinem damals bahnbrechenden Buch „Animal Liberation – A New Ethics for Our Treatment of Animals“ zu dem Ergebnis, dass es streng logisch betrachtet keinen Widerspruch darstellen muss, sich für den Schutz der Tiere einzusetzen und sie dennoch zu verzehren: Wenn jemand dagegen ist, dass Tieren Leid zugefügt wird, aber nicht dagegen, dass sie schmerzlos getötet werden, könnte er konsequenterweise Tiere essen, die frei von allem Leiden gelebt haben und dann sekundenschnell und schmerzlos getötet wurden. Als Konsequenz seiner ethischen Bestandsaufnahme rief Singer zum Boykott von Lebensmitteln aus intensiver Tierhaltung auf. 

Höhere Preise für besseren Tierschutz

Markus Wolter, Referent für Agrarrohstoffe und Tierhaltung beim WWF Deutschland © WWF
Markus Wolter, Referent für Agrarrohstoffe und Tierhaltung beim WWF Deutschland © WWF

Seine Analyse ist bis heute aktuell geblieben. Singers Idee, den von der Bevölkerung geforderten Tierschutz über deren Rolle als Konsument anzustreben, fiel mittelfristig sowohl in Brüssel wie in Berlin auf fruchtbaren Boden. In ihrem Tierschutzbericht 2001 betonte die Bundesregierung bereits vor zwölf Jahren, es sei notwendig, ein allgemeines Bewusstsein für den Tierschutz zu schaffen. Dieser Appell richtet sich allerdings nicht nur an die Tierhalter, sondern auch an Verbraucherinnen und Verbraucher. Erst wenn diese bereit sind, ihre Verantwortung für den Tierschutz zu tragen (das heißt auch höhere Preise für Lebensmittel zu zahlen) werden die Tierhalter, die ihren Tieren ein Mehr an Tiergerechtheit zukommen lassen, eine Chance am Markt haben.

Die Bundesregierung unterstützt entsprechende Bestrebungen nachdrücklich auch im Zusammenhang mit der Neuorientierung der Landwirtschaft. Als Testballon fungierte die stark in der Kritik stehende Haltung von Legehennen in kleinen, zu Batterien zusammengeschlossenen Käfigen ohne Sitzstangen und Bewegungsmöglichkeit. Während Singer sich ausdrücklich für die ethisch relativ unbedenkliche Freilandhaltung aussprach, war es jedoch dem Verbraucher in den Ballungsräumen beinahe unmöglich, Freilandeier zu kaufen.

Eierkennzeichnung in der Europäischen Union

Von der EU wurde daher im Jahr 1999 eine Richtlinie zur Festlegung von Mindestanforderungen zum Schutz von Legehennen verabschiedet, die neben den Haltungsvorgaben Vorschriften über die Rückverfolgbarkeit der in Verkehr gebrachten Eier enthält. Im Ergebnis dürfen in der EU seit dem 1. Januar 2004 Eier nur noch unter Angabe der Haltungsform vermarktet werden. In der Folge verschwanden Käfigeier im Laufe weniger Jahre aus den Regalen des Einzelhandels. Aufgrund fehlender Etikettierungsregeln für verarbeitete Eier, sind sie jedoch in Form von Nudeln, Keksen und Likör bis heute dort präsent und werden vielfach aus dem osteuropäischen Ausland nach Deutschland importiert.

Noch bevor sich der Erfolg der Eierkennzeichnung einstellte, schrieb die EU ein Forschungsprojekt zur Tierschutz-Kennzeichnung von Fleisch und Milch aus. Zwischen 2004 und 2009 bestimmte ein internationales Wissenschaftlerteam im EU-Projekt „Welfare Quality“ Kriterien, deren Einhaltung bei Rindern (Mast und Milchproduktion), Hühnern (Mast und Legehennen) sowie Schweinen eine tierschutzgemäße Tierhaltung sicherstellen würde.

Wo ist der Markt für „unproblematisches Fleisch“?

Schweinehaltung © agrarfoto
Schweinehaltung © agrarfoto

Im Anschluss ermittelten im Jahr 2010 Agrarökonomen der Universität Göttingen für den deutschen Markt, dass voraussichtlich 20 Prozent der Käufer einen höheren Preis für weniger problematisch produziertes Fleisch bezahlen würden, wenn sie dieses im Handel vertrauenswürdig identifizieren könnten. Da solche Produkte trotz Nachfrage bisher kaum angeboten wurden, stellten die Göttinger Ökonomen die Diagnose „Marktversagen“. Die Frage, warum trotz 90 Prozent grundsätzlicher Zustimmung in der Bevölkerung nur etwa zehn bis 20 Prozent der Konsumenten deutliche Kaufsignale ausstrahlen, ist bislang nicht geklärt.

Die zugrunde liegende Frage allerdings, wie viele Konsumenten tatsächlich mitmachen würden, wird sich demnächst beantworten lassen, da mehrere Tierschutzorganisationen, insbesondere der Deutsche Tierschutzbund und Vier Pfoten, in Anlehnung an die „Welfare Quality“-Daten Tierschutzlabel für Fleisch und Fleischprodukte entwickelt haben, die seit einigen Wochen im Einzelhandel zur Etikettierung von Geflügel- und Schweinefleisch genutzt werden.

Tierschutzlabels als glaubwürdige Siegel

In ihrem Tierschutzbericht 2011 erklärt die Bundesregierung, dass die Tierschutzlabel den Verbraucher in die Lage versetzen sollen, besonders tierschutzgerecht erzeugte Produkte zu erkennen und bewusste Kaufentscheidungen zu treffen. Mittelbar soll die Tierschutzkennzeichnung zu einer Verbesserung des Tierschutzes in der Nutztierhaltung beitragen. Den Erzeugern soll die Tierschutzkennzeichnung die Möglichkeit bieten, dem Verbraucher die Einhaltung eines höheren als des gesetzlichen Mindesttierschutzstandards im EU-Binnenmarkt glaubwürdig zu kommunizieren und damit die Nachfrage nach so produzierten Erzeugnissen zu bedienen und dabei den aufgrund der getätigten Investitionen erforderlichen höheren Preis zu erzielen. Die Einhaltung der über den gesetzlichen Vorgaben liegenden Tierschutzstandards wird von den Tierschutzorganisationen regelmäßig überprüft. Klar ist aber auch: Wenn die Label-Produkte jetzt nicht gekauft werden, wird das Angebot wieder verschwinden.

Dies wäre nicht nur ein Rückschlag für die Tiere, sondern auch für die Landwirte. Denn angesichts der fortschreitenden Liberalisierung des Welthandels ist der Tierschutz ein wichtiger werdendes handelspolitisches Thema, bei dem sich ökonomische, ethische, tiergesundheitliche, produktionstechnische und juristische Fragestellungen überschneiden. Für den Landwirt gibt es daher gute Gründe im Bereich Tierhaltung und Fütterung auf eine andere Qualität zu setzen als bisher.

Deutschland als Netto-Exporteur von Fleisch

Die deutsche Nutztierhaltung hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung vollzogen. Während Europa mittlerweile weltgrößter Netto-Importeur von Fleisch ist, wurde die Nutztierhaltung hierzulande deutlich ausgeweitet und Deutschland zum Netto-Exporteur. Die gegenwärtige Konkurrenzfähigkeit der deutschen Nutztierhaltung auf dem Weltmarkt ist jedoch ein fragiles Gut. Das gilt insbesondere für Fleisch. Staaten wie Russland, Brasilien und China bauen derzeit ihre Mastkapazitäten aus und könnten in Zukunft selber exportieren und Druck auf die EU ausüben.

In dieser Situation stellen paradoxerweise die investitionsintensiven Tierschutzlabel eine Chance für die deutsche Landwirtschaft dar. Die „economies of scale“ hatten den Nebeneffekt, mit immer größeren Einheiten immer größere Probleme für die Nutztiere und die Umwelt mit sich zu bringen. Wenn es den Landwirten nun gelänge, dieser unerbittlichen Logik zu entkommen und beim Konsumenten „Made in Germany“ mit der Garantie einer höheren Prozessqualität, einer stärkeren Berücksichtigung der Verbraucherwünsche zu verknüpfen, könnten sie sich selbst eine Nische schaffen.

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