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Stand: 16.06.2015

Tonnen für die Tonne

Laut der FAO werden derzeit 1,3 Milliarden Tonnen essbare Lebensmittel unnötigerweise weggeworfen. Damit einher geht eine Ressourcenverschwendung von ungeheurem Ausmaß. Dies betrifft auch Deutschland: über 18 Millionen Tonnen an Lebensmitteln landen hier pro Jahr in der Tonne. Dies entspricht fast einem Drittel des aktuellen Nahrungsmittelverbrauchs von 54,5 Millionen Tonnen in Deutschland. Davon wären bereits heute fast 10 Millionen Tonnen vermeidbar. Umgerechnet werden 313 Kilo genießbare Nahrungsmittel pro Sekunde entsorgt – ob nach der Ernte, bei der Weiterverarbeitung, im Großhandel, im Restaurant oder bei uns zu Hause.

Viele Lebensmittel landen im Müll © iStock / Getty Images
Viele Lebensmittel landen im Müll © iStock / Getty Images

Lebensmittelverschwendung führt zu hoher Verschwendung von Ressourcen...

Alle Lebensmittel, die wir in Deutschland verbrauchen, werden angebaut und benötigen für ihre Erzeugung eine bestimmte Fläche an Ackerland bzw. Grünland. Rechnet man die fast 10 Millionen Tonnen an vermeidbaren Verlusten in den damit einhergehenden Flächenfußabdruck um, so wird eine Fläche von über 2,6 Millionen Hektar mit Agrarrohstoffen angebaut, nur um diese nach der Ernte irgendwo entlang der Wertschöpfungskette zu entsorgen. Dies entspricht fast 15 % der gesamten Fläche, die wir für die Erzeugung der Agrarrohstoffe für unsere Ernährung benötigen.

... und ist schädlich für das Klima

Alle Lebensmitteln, die „umsonst“ produziert werden, sind mit einem spezifischen, je nach Produkt unterschiedlich hohen Klimafußabdruck verbunden – angefangen bei Treibhausgasemissionen, die bei der Düngung frei werden, über den Transport, die Lagerung, die Kühlung, die Weiterverarbeitung bis hin zur Entsorgung. Umgerechnet sind diese 10 Millionen Tonnen mit einem Ausstoß von Treibhausgasen von fast 22 Millionen Tonnen verbunden, was in etwa dem Doppelten des Klimagasausstoßes der deutschen Abfallwirtschaft entspricht.

50 Prozent weniger Lebensmittelabfall bis 2020

Krumm gewachsenes Gemüse ist auch lecker © Selina Pfruner
Krumm gewachsenes Gemüse ist auch lecker © Selina Pfruner

Sowohl die EU als auch die Bundesregierung Deutschlands haben sich bis 2020 das Ziel gesetzt, die Lebensmittelabfälle zu halbieren. Bislang hat die Bundesregierung jedoch keine Strategie vorgelegt, die aufzeigt, wie dieses Ziel erreicht werden kann und vor allem wie sie dieses messen und kontrollieren möchte. Nach wie vor ist auch die Datengrundlage, wie viel Lebensmittelabfall wo entlang der Wertschöpfungskette anfällt, nicht ausreichend. Die Schätzungen für den Bereich Lebensmittelindustrie reichen von 210.000 Tonnen bis zu 4.580.000 Tonnen pro Jahr. Da fragt man sich, bei welchem Wert die Hälfte erreicht sein soll. Der WWF fordert die Bundesregierung auf, noch in 2015 mit der Erarbeitung einer nationalen Strategie gegen Lebensmittelverschwendung zu beginnen, die alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette mit in die Pflicht nimmt. Eine nationale Strategie enthält konkrete Ziele und Arbeitsaufgaben: Datenlücken sollten so schnell wie möglich gefüllt werden; branchenspezifische Handlungsleitfäden erarbeitet und eine gesamtgesellschaftliche Diskussionen angestoßen werden. Wir brauchen einen Ruck, der alle Gesellschaftsbereiche erfasst.

Besonderer Handlungsbedarf: Großhandel, Einzelhandel und Großverbraucher

Auf der Ebene des Groß- und Einzelhandels sowie der Großverbraucher, wie etwa in der Gastronomie oder den Betriebskantinen, belaufen sich die Verluste an Nahrungsmitteln auf fast 6 Millionen Tonnen mit einem Vermeidungspotential von 70 bis 90 Prozent. Der weitaus überwiegende Teil der Nahrungsmittel wäre durch ein verbessertes Management entlang der Wertschöpfungskette, ein anderes Verbraucherverhalten sowie veränderte Marketingstrategien vermeidbar. Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass bereits durch einfache Maßnahmen, z.B. durch die transparente Erfassung des Lebensmittelabfalls oder das Angebot verschiedener Portionsgröße, die Lebensmittelabfälle bis zu 40 Prozent reduziert werden konnten. Eine besondere Vorbildfunktion haben hier die Bildungseinrichtungen (Kindergärten, Schulen, Universitäten) sowie die öffentlichen Kantinen.

Tödliche Verschwendung auf hoher See

Fischfang im Mittelmeer © Isaac Vega / WWF Canon
Fischfang im Mittelmeer © Isaac Vega / WWF Canon

Gut 80 Millionen Tonnen Fisch und Meerestiere holt die globale Fischindustrie Jahr für Jahr aus den Ozeanen. Die derzeitigen Fischereigesetze und Fangmethoden führen laut Schätzungen dazu, dass 38 Millionen Tonnen Meerestiere oder etwa 40 Prozent des jährlichen Weltfischfangs pro Jahr als Rückwurf entsorgt wird. Während in manchen Fischereien kaum Beifang anfällt, landen bei anderen pro Kilogramm der gewünschten Fischart bis zu 20 Kilogramm Meerestiere mit im Netz. Der hohe Anteil an Beifang bringt Arten an den Rand des Aussterbens, bedroht die Basis der Fischerei und zerstört den empfindlichen Lebensraum Meer - ganz abgesehen davon, dass es ethisch nicht vertretbar ist, Lebewesen wie Müll zu behandeln. In der EU gilt seit Beginn des Jahres 2014 ein neues Fischereigesetz. Dieses sieht vor, den Rückwurf binnen vier Jahre bis 2019 zu beenden. Die dafür notwendige Lösung zahlreicher technischer und politischer Probleme steht derzeit auf dem Programm.

Prioritäten zur Verwertung von Lebensmittelabfällen

  1. Vermeidung und Reduktion von Lebensmittelabfällen
  2. Verarbeitung von Lebensmittelresten zu anderen Lebensmitteln
  3. Verarbeitung von Lebensmittelresten zu Futtermitteln
  4. Nutzung von Lebensmittelresten als Bio-Rohstoff
  5. Nutzung von Lebensmittelresten zur energetischen Nutzung
  6. Nutzung von Lebensmittelresten zur Kompostierung

Genießt uns! Gegen die Verschwendung von Lebensmitteln entlang der Wertschöpfungskette

Vom landwirtschaftlichen Betrieb über die Konservenfabrik bis hin zur Spitzengastronomie – im Engagement gegen die Lebensmittelverschwendung spielen alle Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette eine entscheidende Rolle. Denn wenn sie ihren Umgang mit Lebensmitteln nachhaltiger gestalten, können in Deutschland jährlich Millionen Tonnen von Müll und Verlusten vermieden und wertvolle Ressourcen geschont werden. Hier setzt die Initiative „Genießt uns!“ an: Ziel ist es, kleine und mittelständische Unternehmen zu gewinnen, aktiv gegen die Lebensmittelverschwendung vorzugehen. Im Mittelpunkt der Initiative steht die Durchführung eines Lebensmittelchecks. Dieser beleuchtet Ideen und Maßnahmen zur Verringerung von und zum Umgang mit Abfällen. Ein Expertenteam wird die Ergebnisse begutachten und auswerten und die besten Unternehmen in einer Preisverleihung Ende 2015 für Ihre „Leuchtturm“-Funktion mit dem “Genießt uns!“-Award auszeichnen. Zur Initiative gehören neben dem WWF Deutschland die Deutsche Welthungerhilfe, Foodsharing, United Against Waste, der Bundesverband Deutsche Tafel e.V., die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sowie Valentin Thurn, Filmproduzent und Autor und Stefan Kreutzberger, Geschäftsführer von foodsharing. Die Initiative wird durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert und von der FH Münster (iSuN) wissenschaftlich begleitet.

Forderungen des WWF an die Politik

  • Der WWF fordert die Bundesregierung auf, noch in 2015 mit der Erarbeitung einer nationalen Strategie gegen Lebensmittelverschwendung zu beginnen. Dazu gehört unter anderem die Initiierung eines gesamtgesellschaftlichen Dialoges sowie branchenspezifischer Arbeitsgruppen, deren Aufgabe u.a. Identifizierung des Forschungsbedarfes, die Ausarbeitung einer Guten Fachlichen Praxis zu den jeweiligen Branchen sowie die Definition von Maßnahmen ist.
  • Aufbauend auf den Ergebnissen des Aktionsplans tritt 2018 eine nationale Strategie zur Verminderung des Lebensmittelabfalls in Kraft. Sie enthält einen verbindlichen Maßnahmenkatalog und einen konkreten Zeitplan zur Umsetzung des Halbierungsziels bis zum Jahr 2020.
  • Lebensmittel sollten mit einem Herstellungsdatum versehen werden, um eine Grundlage für die Überprüfbarkeit der Vergabe des MHD zu schaffen.

Forderung an die Unternehmen

  • Erfassung und Ursachenanalyse der Lebensmittelabfälle entlang der Wertschöpfungskette. Etablierung von Vermeidungsstrategien.
  • Integration des Aspektes der Vermeidung von Lebensmittelabfällen in die Nachhaltigkeitsberichterstattung.
  • Überprüfung der privatrechtlichen Normen und Verträgen für Lieferanten im Hinblick auf die Verursachung von Lebensmittelabfällen.
  • Externe und interne Kommunikationskampagnen zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen sowie Erhöhung der Wertschätzung für Lebensmittel.

Forderungen an die Verbraucher

  • Vermeiden Sie Lebensmittelabfälle zu Hause, im Restaurant, auf dem Weg, denn jedes Lebensmittel ist mit einem hohen Verbrauch an Energie, Wasser und anderen Rohstoffen verbunden sowie mit Emissionen von Schadstoffen und Klimagasen in die Umwelt.
  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist kein Stichtag zum Wegwerfen von Lebensmitteln. Produkte mit einem MHD können auch nach Ablauf des aufgedruckten Datums bedenkenlos auf ihre Verzehrbarkeit geprüft werden. Nur bei leicht verderblichen Produkten mit einem Verbrauchsdatum (wie bei Fleisch und Fisch) sollte das aufgedruckte Datum beachtet werden.
  • Planvolles einkaufen: Überprüfen sie vor dem Einkauf den Bedarf an Lebensmitteln, machen sie sich eine Einkaufsliste und gehen sie am besten nicht mit leerem Magen einkaufen
  • Beachten Sie Hinweise zur richtigen Lagerung von Lebensmitteln (z.B. vz-nrw.de oder was-wir-essen.de)
  • Teilen Sie Lebensmittel, von denen Sie zu viel haben, im Bekannten- und Freundeskreis oder z.B. über foodsharing.de.
   
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