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EU-Agrar-Reform: „Das Profitdenken muss aufhören“

Am 24. Januar will der EU-Agrarausschuss entscheidende Weichen für die Gemeinsame Agrarreform stellen. Worüber die EU abstimmen will, worüber sich dabei gestritten wird und welche Bedeutung die Bodenqualität  für die Landwirtschaft hat, erklärt WWF-Experte Matthias Meissner im Interview. 

Was genau passiert am 24. Januar?

Der EU-Agrarausschuss, das sind 45 Landwirtschafts-Experten, stimmt ab wie die europäische Agrarpolitik der Zukunft aussehen könnte. Es ist allerdings schon jetzt absehbar, dass die guten Vorschläge der EU-Kommission komplett verwässert werden. Das ist vor allem deshalb so bitter, weil die Reform bis 2020 Gültigkeit haben wird.

Was hat die EU-Kommission vorgeschlagen?

Die EU hat Vorschläge gemacht, die wichtig für den Schutz unserer Böden wären, wie beispielsweise die Fruchtfolge. Die Idee dahinter ist, dass die Landwirte auf ihren Feldern eben nicht nur Mais und Weizen im Wechsel anbauen, sondern das man schlauer arbeitet. Jede Pflanze hat ganz verschiedene Vorlieben, und entzieht dem Boden unterschiedliche Nährstoffe, dementsprechend werden sie als Humusmehrer oder Humuszehrer eingeordnet, das sollte stärker bedacht werden, um die Bodenqualität zu erhalten.

WWF-Landwirtschafts-Experte Matthias Meissner © David Biene / WWF

Als Gegenargument kommt immer, dass eine solche Bewirtschaftung zu kostenintensiv sei, was allerdings nur sehr kurzfristig und sehr profitorientiert gedacht ist. Leider sind wir da noch nicht sehr weit.

Ich war vor zwei Jahren als die  Reformdebatte begann erwartungsvoll, zum jetzigen Zeitpunkt kann ich die Reform nicht mal mehr einen Schritt in die richtige Richtung nennen.

Wie weit ist die Finanzierung geklärt?

Das ist ein anderes ganz großes Thema im Rahmen der Reform der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik. Momentan schüttet die EU jährlich etwa 57 Milliarden Euro an die Landwirte aus. Den Großteil davon erhalten Landbesitzer, 300 Euro pro Hektar Fläche. Diese Direktzahlung erhält jeder, der sich an die Gesetze hält, auch wenn er gar nichts auf seinem Land anbaut. Ein weitaus kleinerer Teil wird ausgeschüttet, um die ländliche Entwicklung zu verbessern, aber auch wenn Landwirte in ökologische Projekte investieren, beispielsweise, wenn sie zwischen eine Fluss und ihrem Feld eine Pufferzone einrichten, Hecken oder Bäume anpflanzen, um die biologische Vielfalt zu erhöhen. Es gibt inzwischen zahlreiche Studien, die sich mit dem Wert der Natur beschäftigen, die versuchen den Wert von Öko-Dienstleistungen beschreiben.

Öko-Dienstleistungen?

Die Natur ist ein Kreislauf. Der Mensch hat angefangen, stark in diesen Kreislauf einzugreifen. Durch den Einsatz von Pestiziden und großflächiger Monokulturen verlieren wir sehr viel biologische Vielfalt. Allein am Beispiel der Bienen ist das ganz gut zu verdeutlichen, welchen Wert die Natur hat. Es gibt ja derzeit ein regelrechtes Massensterben von Bienen. Bienen finden in unserer Landschaft keine Nahrung mehr und verhungern. Fehlen natürliche Bestäuber sinkt auch die Qualität und Menge der angebauten Pflanzen bzw. ihrer Früchte rapide. Daher macht es eigentlich gar keinen Sinn, zu argumentieren, dass der Profit gefährdet sei, wenn man den Vorschlägen der EU folgen würde. Denn der Profit wird unweigerlich sinken, wenn wir unsere Natur weiter so zerstören und auslaugen.

Profitorientierte Bestellung zerstört das natürliche Gefüge. Der Boden droht ausgespült zu werden. © agrarfoto

Warum wird der Vorschlag nicht aufgenommen?

Natürlich liegt es daran, dass eine so wichtige Reform immer mit großen Kompromissen verbunden ist. Die Interessen gehen mitunter recht weit auseinander. Die Mitgliedsstaaten in Osteuropa haben andere Vorstellungen, als die im Westen oder auch die im Süden. Und es ist so, dass es bei der Reform um sehr viel Geld geht. Deshalb ist vor allem der Widerstand der Bauernverbände so groß, weil sie mit aller Macht um den Erhalt ihres Status Quo kämpfen. Es heißt immer recht schnell, dass die Vorschläge der EU-Kommission nicht zu finanzieren wären. Oder auch, dass Europa drohe seine Bedeutung als Agrarmarkt zu verlieren, was allerdings echt ein armseliges Argument ist, wenn man bedenkt, dass die EU gerade einmal vier Prozent der weltweiten Produktion beisteuert. Nun ist es in der Hand der anderen Nichtagrarier des EU-Parlamentes liegt Dinge wieder gerade zu rücken.

Was setzt unseren Böden zu?

Wie schon gesagt ist es nicht sehr sinnvoll die Böden durch kurzfristige profitorientierte Bestellung auszubeuten. Unsere schweren Maschinen sorgen zudem für eine starke Verdichtung der Böden. Gerade bei Pflanzen, die sehr spät im Jahr geerntet werden, wenn die Erde sehr feucht ist, führt das auf lange Sicht zu Problemen. Der Boden wird einfach zusammengedrückt und das natürliche Gefüge zerstört. Die feinen Wurzeln der Pflanzen durchdringen die Erde nicht mehr, genauso wie beispielsweise Regenwürmer. Auf Dauer degradiert so der Boden immer mehr und verliert so ständig an Fruchtbarkeit.

Kann man den Boden nicht einfach durchpflügen?

Theoretisch schon, dann schaut der Boden wenigstens optisch wieder locker aus. Allerdings hilft dies nicht gegen den Verlust von Bodenfruchtbarkeit. Dafür brauchen wir eine Landwirtschaft, die den Boden als wichtigste Ressource und Lebensraum in den Mittelpunkt stellt, so wie es zum Beispiel viele Maßnahmen des Ökolandbaus tun. Mit einer vielfältigen Fruchtfolge, dem Anbau von Leguminosen einer angepassten Bodenbearbeitung, der Einarbeitung von Kompost, oder organischen Dünger wie Mist, wird die Bodenfruchtbarkeit gefördert. Dabei kommt es auf die Förderung des Bodenlebens an und dem Aufbau von Humus.

Durch „einfach pflügen“ wird Humus abgebaut, dass heißt unter anderem auch CO2 freigesetzt. Die wichtigen Ton-Humuskomplexe, die den Boden tragfähig machen und seine Oberfläche vergrößern werden durch „einfach pflügen“ nicht wieder hergestellt. Ohne Humus verliert der Boden seine natürliche Fähigkeit, Wasser zu speichern und er  droht weggespült zu werden. 


Das Gespräch führte Matthias Adler

 

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