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Stand: 11.06.2014

WWF Preis: Ostsee-Landwirt des Jahres 2014

Der Ostsee geht es nicht gut. Eingespülte Düngemittel entziehen dem Wasser Sauerstoff und fördern Algenblüten. "Für mehr als die Hälfte dieser Nährstoffeinträge in die Ostsee ist die Landwirtschaft verantwortlich", sagt Birgit Wilhelm. Die Landwirte rund um die Ostsee spielen eine entscheidende Rolle, wenn man der Ostsee helfen will.

Die Gewinner 2014: Familie Schumacher vom Hof Radlandsichten © Gunther Willinger / WWF
Die Gewinner 2014: Familie Schumacher vom Hof Radlandsichten © Gunther Willinger / WWF

Mit dem Preis „WWF Ostsee-LandwirtIn des Jahres“ will der WWF Bauern motivieren, durch den Einsatz von weniger Dünger den Schutz der Meere zu verstärken. Der Wettbewerb wurde im Jahr 2009 vom WWF und der Swedbank in Zusammenarbeit mit dem Baltic Farmers Forum for the Environment (BFFE) und Bauernverbänden in den Ostseeanrainerstaaten ins Leben gerufen. In den teilnehmenden Staaten wird je ein nationaler Preisträger von einer Jury ausgezeichnet. In Deutschland setzt sich die Jury aus Vertretern der Wissenschaft, des Naturschutzes, des Landesministerium und des Bauernverbandes zusammen. Unter den nationalen Preisträgern wird ein Gewinner für den gesamten Ostseeraum gewählt. Jeder der nationalen Preisträger erhält 1000 Euro Preisgeld. Der von einer internationalen Jury gewählte Gesamtsieger bekommt 10.000 Euro.

 

Ziel des Wettbewerbs ist es, Beispiele der guten fachlichen Praxis hervorzuheben und Leistungen anzuerkennen, die innovative Maßnahmen zur Minderung von Nährstoffverlusten  maßgeblich vorantreiben. Durch den Wettbewerb sollen die wichtige Rolle der Landwirte und ihre Anstrengungen zum Schutz der Ostsee hervorgehoben werden, sodass andere aus ihrem Beispiel lernen können. Der Wettbewerb dient auch dazu, die Zusammenarbeit im Ostseeraum in Umweltschutz und Landwirtschaft zu fördern. Denn die Überdüngung der Ostsee geht uns alle an. Sie wirkt sich auf alle Staaten aus und wir alle tragen die Verantwortung dafür, dem Problem ein Ende zu bereiten – damit es der Ostsee wieder besser geht.

Der Hof Radlandsichten - Ostsee-Landwirt des Jahres 2014 © Gunther Willinger / WWF
Der Hof Radlandsichten - Ostsee-Landwirt des Jahres 2014 © Gunther Willinger / WWF

Gewinner 2014: Ferienhof Radlandsichten

Der Ferienhof Radlandsichten liegt idyllisch im Hügelland des Naturparks Holsteinische Schweiz nahe der Kurstadt Bad Malente mitten in der Holsteinischen Seenplatte. Die Ostseeküste ist keine 20 Kilometer entfernt. Die Bäche der Region entwässern über die Seen oder direkt in die Ostsee. Mächtige Eichen stehen auf den Feldern. Die „Knicks“ genannten Wallhecken und kleine, auenbestandene Bachläufe sorgen für eine abwechslungsreiche Landschaft.

Seit 200 Jahren in Familienhand

Seit über 200 Jahren bewirtschaftet die Familie Schumacher den Bauernhof Radlandsichten. Frank Schumacher hat den 330 Hektar großen Hof nach der Ausbildung zum Agraringenieur von seinem Vater Gerd übernommen und bewirtschaftet das Acker- und Grünland heute gemeinsam mit einem benachbarten Bauern. Auf den Feldern wachsen Raps, Weizen, Roggen, Gerste und Mais. Die Grünlandflächen dienen als Weideland für Pensionsrinder. Mit den „Ferien auf dem Bauernhof“ erwirtschaftet seine Frau Kathrin Schumacher ein Drittel des Einkommens. Dazu gehören der Hofladen, ein Hofcafé und mehrere Ferienwohnungen. Einige Schwarzbunte Rinder und blonde Haflinger Ponys genießen den Auslauf und das Gras auf den Koppeln. Nicht zu übersehen sind auch die Kinderattraktionen: Vom Spielplatz mit Hüpfburg über die Seilbahn bis zum Hochseilgarten.

An die nächste Generation denken

„Früher galt die Devise immer mehr und intensiver zu produzieren. Heute machen wir das, was für den Boden und den Betrieb gut ist“, sagt Altbauer Gerd Schumacher zurückblickend Und mit Blick auf die Böden fügt er hinzu: „Wenn du was an die nächste Generation zu vererben hast, muss es ja brauchbar sein.“ Offenheit für neue Ansätze, enge regionale Vernetzung und der Wille sich weiterzuentwickeln zeichnen den Betrieb aus. So arbeiten die Bauern mit Forschern der Uni Kiel zusammen, um den Nährstoffeintrag in die Gewässer zu minimieren. Außerdem hat sich der Betrieb in den EU-Projekten Baltic Compass und Baltic Compact engagier. Ihr Ziel ist es, die Nährstoffbelastung der Ostsee durch die Landwirtschaft zu verringern.

 

Auf dem Hof wurde der Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmittel vor allem in den letzten Jahren stark reduziert. Es wurde weniger Dünger gekauft und gleichzeitig der Ertrag gesteigert. Den Einsatz von Herbiziden sieht Gerd Schuhmacher kritisch: „Früher hat man uns dazu geraten Atrazin einzusetzen, heute ist es verboten. Auch Glyphosat ist eine Belastung für den Boden, deswegen wollen wir weg davon. Wir versuchen den Herbizideinsatz durch mechanische Bodenbearbeitung weiter zu reduzieren. Außerdem müssen wir toleranter sein – und auch mal eine Distel stehen lassen.“

Kraniche und Singschwäne – und kein Hochwasser

Kraniche © Dr. Peter Wernicke / WWF
Kraniche © Dr. Peter Wernicke / WWF

Als passionierten Jägern und Naturliebhabern liegt den Schumachers die Artenvielfalt auf ihren Flächen sehr am Herzen. In den letzten Jahren haben sie deshalb Randstreifen angelegt, Amphibienbiotope geschaffen und Gehölze und Knicks gepflanzt. Besonders stolz sind sie auf die renaturierten Flächen an der Sieversdorfer Au. In Zusammenarbeit mit dem Wasser- und Bodenverband Schwentine konnten im Rahmen einer Flurneuordnung zahlreiche Landwirte eingebunden werden. Seit 2007 ist ein wertvolles Feuchtgebiet entstanden, in dem zottelige Rinder auf feuchten Wiesen grasen und im Frühjahr großflächig Sumpfdotterblumen blühen. Die Fließgeschwindigkeit der Gewässer wurde deutlich verringert. Die im Winter überschwemmten Wiesen halten Hochwässer zurück und filtern Nährstoffe aus, so dass das Gebiet wesentlich zur Gewässerreinhaltung beiträgt. Im neu entstandenen Teich rasten Kraniche und Singschwäne, Moorfrösche quaken und sogar der Fischotter ist wieder heimisch geworden. Frank Schumacher zeigt von der Anhöhe aus über das Feuchtgebiet und erklärt: „Es ist mir wichtig,  zu zeigen, dass ich als Landwirt auch etwas für die Gesellschaft leiste.“

Die zwei weiteren Finalisten möchten wir Ihnen gerne vorstellen, da auch diese Höfe für den Ostseeschutz engagieren und gute Ideen entwickeln:

Geflügelhof Jessen-Oxbüll

Familie Jessen vom Geflügelhof Jessen-Oxbüll © Gunther Willinger / WWF
Familie Jessen vom Geflügelhof Jessen-Oxbüll © Gunther Willinger / WWF

Seit 25 Jahren bewirtschaften Julia und Frank Jessen ihren Hof in Oxbüll bei Flensburg. Der Hof liegt nur drei Kilometer Luftlinie von der Flensburger Förde. Der Familienbetrieb bewirtschaftet 105 Hektar Ackerland und hat sich auf die Geflügelhaltung spezialisiert. Drei Ställe beherbergen 11.000 Hühner. Die täglich rund 2500 Eier werden über den Hofladen und in 13 regionalen Supermärkten direkt vermarktet. Im Hofladen können die Kunden außerdem Hähnchen aus eigener Haltung und Schlachtung erwerben. „Viele Kunden kommen her, weil sie sehen wollen wie und wo die Eier und das Fleisch produziert werden“, freut sich Frank Jessen.

 

Landwirtschaft ist für die beiden eine Herzensangelegenheit. An Ideen mangelt es nicht: Seit 2003 betreiben sie etwa pfluglosen Ackerbau. Mit einem Grubber bearbeitet er den Boden nur 5-10 cm tief. Regenwürmer und andere Bodenorganismen danken es und die Gefahr sinkt, wertvollen Humus durch Erosion zu verlieren. Die Erträge sind seither gestiegen. 2500 Hühner leben in einem modernen Freilandstall, für den der Betrieb im Jahr 2003 einen Preis für artgerechte Tierhaltung erhielt. Den Freilandanteil zu erhöhen wäre ein Ziel - genauso wie das Ziel, das Hühnerfutter nicht mehr kaufen zu müssen, sondern auf dem eigenen Acker zu produzieren.

Domäne Fredeburg

Die Jury beim Besuch der Domäne Fredeburg: Herr Dr. Böhm (Thünen-Institut für Ökologischen Landbau), Frau Wilhelm (WWF Deutschland), Herr Wiesler Trapp (Domäne Fredeburg), Herr Gleißner (Domäne Fredeburg), Frau Trapp (Domäne Fredeburg), Herr Dr. Stauß (Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (LLUR), Frau Böttger (Bauernverband Schleswig-Holstein e.V.), Herr Meißner (WWF Deutschland) © Gunther Willinger / WWF
Die Jury beim Besuch der Domäne Fredeburg: Herr Dr. Böhm (Thünen-Institut für Ökologischen Landbau), Frau Wilhelm (WWF Deutschland), Herr Wiesler Trapp (Domäne Fredeburg), Herr Gleißner (Domäne Fredeburg), Frau Trapp (Domäne Fredeburg), Herr Dr. Stauß (La

Die Domäne Fredeburg südwestlich von Ratzeburg ist ein Familienbetrieb der besonderen Sorte. Neben der landwirtschaftlichen Produktion nach Demeter-Richtlinien ist der Hof ein kultureller Treffpunkt. Dazu tragen der Hofladen samt Café, der Spielplatz, Konzerte, Vorträge, Seminare und andere Veranstaltungen bei. Allein 2500 Kinder besuchen jedes Jahr den Hof.

 

30 Menschen leben von den Erträgen des Betriebs. Schlüssel zum Erfolg ist die Vielfalt: Es gibt Rinder, Kälber, Schweine, Hühner, Gänse, an die 100 verschiedene Pflanzen werden auf der Domäne kultiviert. Alles nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft, bei dem sich Ackerbau und Viehzucht ergänzen. Achtjährige Fruchtfolge mit Kleegras, Getreide, Kartoffeln und Lupinen ist die Grundlage für den effektiven Bodenschutz. Als Zwischenfrüchte werden Bienenweide, Buchweizen und Weidelgras gesät, kein Acker geht unbegrünt in den Winter. Als Biohof wirtschaftet die Domäne Fredeburg ohne Mineraldünger und synthetische Pflanzenschutzmittel und leistet somit einen besonderen Schutz für die Ostsee. 

 

Von Oliver Samson

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