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Stand: 14.07.2015

WWF Preis: Ostsee-Landwirt des Jahres 2015

Der Ostsee geht es nicht gut. Eingespülte Düngemittel entziehen dem Wasser Sauerstoff und fördern Algenblüten. "Für mehr als die Hälfte dieser Nährstoffeinträge in die Ostsee ist die Landwirtschaft verantwortlich", sagt Birgit Wilhelm, Referentin beim WWF Deutschland. Die Landwirte rund um die Ostsee spielen eine entscheidende Rolle, wenn man der Ostsee helfen will.

Die Hofgemeinschaft Klostersee hat den WWF Preis "Ostsee-Landwirt des Jahres 2015" gewonnen (v.l.n.r.): M. Wegerer, B. Todtmann, K. Elenberg, G. Ariberti, D. Maas, A. Ariberti, D. Öllerich, K. Ellenberg, J. Kraul, S. Kraul, davor Alva und Eloa Kraul © WWF
Die Hofgemeinschaft Klostersee (v.l.n.r.): Miriam Wegerer, Benjamin Todtmann, Knut Elenberg, Gerlinde Ariberti, Diane Maas, Alberto Ariberti, Dirk Öllerich, Kristine Ellenberg, Jonathan Kraul, Sophie Kraul, davor Alva und Eloa Kraul © WWF

Mit dem Preis „WWF Ostsee-LandwirtIn des Jahres“ will der WWF Bäuerinnen und Bauern motivieren, durch den Einsatz von weniger Dünger den Schutz der Meere zu verstärken. Der Wettbewerb wurde im Jahr 2009 vom WWF und der Swedbank in Zusammenarbeit mit dem Baltic Farmers Forum for the Environment (BFFE) und Bauernverbänden in den Ostseeanrainerstaaten ins Leben gerufen. In den teilnehmenden Staaten wird je ein nationaler Preisträger von einer Jury ausgezeichnet. In Deutschland setzt sich die Jury aus Vertretern der Wissenschaft, des Naturschutzes, des Landesministerium und des Bauernverbandes zusammen. Unter den nationalen Preisträgern wird ein Gewinner für den gesamten Ostseeraum gewählt. Jeder der nationalen Preisträger erhält 1000 Euro Preisgeld. Der von einer internationalen Jury gewählte Gesamtsieger bekommt 10.000 Euro.

Die Flächen des Betriebs liegen direkt hinter dem Deich an der Ostsee © WWF
Die Flächen des Betriebs liegen direkt hinter dem Deich an der Ostsee © WWF

Ziel des Wettbewerbs ist es, Beispiele der guten fachlichen Praxis hervorzuheben und Leistungen anzuerkennen, die innovative Maßnahmen zur Minderung von Nährstoffverlusten maßgeblich vorantreiben. Durch den Wettbewerb sollen die wichtige Rolle der Landwirte und ihre Anstrengungen zum Schutz der Ostsee hervorgehoben werden, sodass andere aus ihrem Beispiel lernen können. Der Wettbewerb dient auch dazu, die Zusammenarbeit im Ostseeraum in Umweltschutz und Landwirtschaft zu fördern. Denn die Überdüngung der Ostsee geht uns alle an. Sie wirkt sich auf alle Staaten aus und wir alle tragen die Verantwortung dafür, dem Problem ein Ende zu bereiten – damit es der Ostsee wieder besser geht. 2015 wurde erstmals eine Hofgemeinschaft mit dem Preis ausgezeichnet.

Gewinner 2015: Hofgemeinschaft Klostersee

„Das ist Lebermudde. Der Boden ist von der Konsistenz her wie Hefe, den können Sie über Nacht auf die Heizung legen und er trocknet nicht aus. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes, kann man sogar essen!“, sagt Jonathan Kraul, während er sich genüsslich ein Stückchen von der Erde in den Mund schiebt. Die Böden auf Hof Klostersee sind für Jonathan Kraul eine echte Herzensangelegenheit. Er spricht von Lebermudde, Sandblasen und Blättertorf. Behutsam zieht er Muschelschalen und Strohhalme aus den Erdproben, die er am Morgen als Anschauungsmaterial von seinen Äckern geholt hat.

Im Zentrum steht der fruchtbare Boden

Der Boden der Hofgemeinschaft Klostersee © WWF
Der Boden der Hofgemeinschaft Klostersee © WWF

Die Ackerflächen, Wiesen und Weiden von Hof Klostersee an der nördlichen Lübecker Bucht beginnen gleich hinter dem Deich und liegen zwischen zwei Meter über und zwei Meter unter dem Meeresspiegel im Gebiet des ehemaligen Klostersees. Früher durchmischte sich im Klostersee die Ostsee mit dem Niederschlagswasser der umliegenden Niederung (ca. 5700 Hektar) Pflanzenreste, Schilf und Laub sedimentierten auf dem Seegrund. Seit 1862 wurde der See durch die Erstellung von Gräben trockengelegt. Noch heute entwässern ein langer Ringkanal und etliche Gräben das Gebiet über ein Schöpfwerk in die Ostsee. Der See ist verschwunden - geblieben ist die Vielfalt an Böden mit dem extrem nährstoffreichen und schwierig befahrbaren Boden des ehemaligen Seegrunds, Sandinseln und lehmigen Randbereichen, am ehemalig tiefsten Punkt des Sees findet sich die Lebermudde. Es ist ein für die Landwirtschaft extrem anspruchsvolles und vielgestaltiges Terrain und es bedarf wohl eines bodenverliebten Bauern wie Jonathan Kraul, um diese Scholle erfolgreich zu bewirtschaften.

Hofeigene Backstube, Käserei und noch viel mehr

Getreideanbau und Milchkühe sind die Kernbereiche des landwirtschaftlichen Betriebs, der seit 1987 biologisch-dynamisch wirtschaftet. Die hofeigene Backstube und Käserei sorgen für die Veredelung von Korn und Milch. Im Zentrum des Hofes liegt der große Hofladen. Hier werden die meisten Produkte verkauft, der Rest findet seine Kunden in Lübeck oder auf regionalen Märkten.

Die meisten Produkte aus der hofeigenen Backstube und Käserei werden direkt über den Hofladen vermarktet, an den auch ein kleines Café angeschlossen ist © WWF
Die meisten Produkte aus der hofeigenen Backstube und Käserei werden direkt über den Hofladen vermarktet, an demnauch ein kleines Café angeschlossen ist. © WWF

Fünf Ferienwohnungen und ein Altenwohnprojekt mit neun Bewohnern bereichern die Hofgemeinschaft und zusammen mit den fünf Betriebsleiterfamilien und ihren Kindern sorgen sie dafür, dass immer was los ist auf Hof Klostersee. 160 Hektar bewirtschaftet die Hofgemeinschaft. 70 Hektar davon sind Dauergrünland und auf den Ackerflächen wachsen in einer vielfältigen Fruchtfolge Weizen, Roggen, Dinkel, Hafer, Erbsen, Raps und Klee. In den letzten Jahren kamen noch die alten Getreidesorten Emmer und Einkorn dazu. Das gesamte Futter für die Tiere wird auf dem Hof angebaut, Mist und Gülle werden im Winter „auf Platte“ also im betonierten Stallbereich gesammelt, gelagert und bodenschonend ausgebracht. Der Tierbestand ist bewusst so klein gehalten, dass er sich mit der vorhandenen Fläche verträgt. Vielfalt, regionale Vermarktung und geschlossene Kreisläufe sind die Maximen des Hofs.

Mutterkuhgebundene Kälberaufzucht und extensive Beweidung

Als zertifizierter Demeter-Betrieb verzichtet er auf Pestizide und synthetische Dünger. Antibiotika in der Tierhaltung werden durch extensive Haltung und Homöopathie ersetzt. So dürfen die Kälber nach der Geburt eine Woche lang Tag und Nacht bei der Mutterkuh bleiben und werden in den ersten drei Monaten von der Mutter gesäugt. Das mindert zwar den Milchertrag, sorgt aber für kerngesunde Tiere. „Die Kälbersterblichkeit ist bei uns extrem niedrig“, berichtet Benjamin Todtmann, der seit August 2014 für den Kuhstall zuständig ist. Von Frühjahr bis Herbst sind die 65 Kühe und rund 75 Rinder auf der Weide. 30 bis 40 von ihnen haben dann einen ganz besonderen Platz an der Sonne. Gleich hinter dem Deich genießen sie Gras, Kräuter und Seeluft auf der „Stramien“ genannten Weidefläche und sorgen durch die extensive Beweidung für eine große Vielfalt an Tieren und Pflanzen. Knabenkraut-Orchideen, Kiebitze, Rebhühner und Hasen teilen sich die Weide mit den Rindern. Wegen ihrer natürlichen Vielfalt gehört die 34 Hektar große Fläche zum europäischen Schutzgebietsnetzwerk FFH.

Auch bei der Pflege der Wiesen gehen die Klostersee-Bäuerinnen und -Bauern ihren eigenen Weg, denn sie verzichten auf die Neueinsaat und versuchen stattdessen, die einheimischen Pflanzengesellschaften zu fördern und zu erhalten. Durch die schonende Bewirtschaftung und das dauernde Bestreben, noch naturverträglicher zu arbeiten, werden die Nährstoffe im Boden gehalten und entlasten damit die nahe Ostsee.

Kalb auf dem Hof Klostersee © WWF
Kalb auf dem Hof Klostersee © WWF

Hinter dem Haupthaus streckt eine über 300 Jahre alte Eiche ihre mächtigen Äste in alle Winkel des parkartigen Gartens, als wolle Mutter Natur ihre Arme schützend über den Hof und seine Bewohner ausbreiten. Im Gegenzug tut die Hofgemeinschaft viel dafür, damit sich neben Nutztieren und -pflanzen auch möglichst viel wildes Leben bei ihnen wohl fühlt. Jede Ackerfläche ist mindestens auf einer Seite von einer Hecke begrenzt, weitere Hecken und Obstbäume wurden und werden zwischen die Felder gepflanzt. Ende April leuchten die weißen Blüten des Schwarzdorns in der Sonne und überall brummt und summt es am Ackerrand. Ebenso eindrucksvoll sind die haushohen alten Weißdornhecken, die zwischen Mai und Juni blühen. Die Hecken dienen Hasen, Igeln und vielen Singvögeln als Brutplatz oder Versteck. „Mit Rotklee, Inkarnatklee und Raps wollen wir dem Boden die Möglichkeit geben zu blühen.“, sagt Sophie Kraul und ihr Mann Jonathan ergänzt: „Wir arbeiten mit mehreren Imkern zusammen, deren Bienen hier von Frühjahr bis Spätsommer Futter finden: Zuerst Schwarzdorn und Weißdorn in den Hecken, dann Raps und Klee und später Mohn und Kornblume auf den Feldern.“

Von der Deichkante aus blickt man über die Weidefläche mit den schwarzbunten Rindern und wenn man sich umdreht, sieht man die Schiffe auf der Ostsee entlangziehen.  Der nahe Strand lockt Spaziergänger und Badegäste. Hof Klostersee kommt ohne Saisonarbeiter aus. Eigentümer der Gebäude und der betriebseigenen Flächen ist der gemeinnützige Verein „Hof Klostersee e.V.“, der als Ziel die Förderung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, der Kultur und der Sozialarbeit auf dem Lande hat. Diese Art der regional vermarktenden Landwirtschaft sorgt für viele Arbeitsplätze, eine gute lokale Verankerung, gesunde Lebensmittel und eine naturverträgliche Bewirtschaftung. Kurz: der gesellschaftliche Mehrwert pro Hektar ist enorm hoch. Und das nützt am Ende auch der Landwirtschaft als Ganzes.

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