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Sind Fischfarmen die Lösung?

Lachsfarm in Norwegen. © Jo Benn / WWF-Canon
Lachsfarm in Norwegen. © Jo Benn / WWF-Canon

Zucht in Aquakulturen

Die Menschen essen immer mehr Fisch. Um die steigende Nachfrage zu befriedigen, wird Fisch auch in Unterwasserfarmen gezüchtet. Eine Entlastung für ihre frei lebenden Artgenossen? Leider nein – der wachsende Bedarf an Futter stellt eine zusätzliche Gefahr für die überfischten Bestände dar.

 

Die Aquakultur ist mit Steigerungsraten von durchschnittlich neun Prozent seit 1970 der am schnellsten wachsende Zweig in der globalen Ernährungswirtschaft. Rund 50 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte werden inzwischen in Süßwasser- und Meereszuchten erzeugt. Das entspricht fast der Hälfte des weltweit konsumierten Speisefisches.

Ökologisch bedenklich

Um Fisch aus Aquakultur zu züchten wird zusätzlich Wildfisch gefangen und verfüttert. Diese Fischereien sind oftmals nicht nachhaltig. Außerdem verursachen Aquakulturen in der Regel große Umweltschäden, wenn Chemikalien, Nahrungsreste, Fischkot und Antibiotika aus den offenen Netzkäfigen in die Flüsse und Meere gelangen. Da die rasant wachsende Aquakultur viel Fläche in den Küstenregionen tropischer und subtropischer Länder vereinnahmt, gehen durch den Bau von Zuchtanlagen wertvolle Lebensräume wie Mangrovenwäldern verloren.

 

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Fisch in Aquakultur zu züchten. Nicht alle Methoden haben schädliche Auswirkungen und sind ökologisch bedenklich: Es gibt auch umweltfreundliche Fisch-Zuchten. Helfen kann dem Verbraucher ein Blick auf Bio-Siegel wie „Naturland“ und „Bioland“, die es inzwischen auch für Zuchtfisch gibt.

 

Der WWF arbeitet außerdem an einem neuen Gütesiegel für nachhaltige Aquakulturen: dem Aquaculture Stewardship Council (ASC). Der ASC soll durch eine objektive Beurteilung von Nachhaltigkeitsaspekten bei Aquakulturen eine zuverlässige Empfehlung für Verbraucher und Händler geben und helfen, die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten zu decken.

Auswirkung der Aquakultur: Massentierhaltung unter Wasser

Fischfarmen können an verschiedenen Stellen und auf verschiedene Weise negative Auswirkungen auf die Umwelt haben. Das beginnt mit der Errichtung der Anlage, setzt sich beim Betrieb fort und endet auch nicht mit ihrer Stilllegung.

 

Schon die Errichtung von Aquakulturanlagen bringt Konflikte mit sich – zwischen Umweltschutz und Fischzucht, zwischen traditioneller Landnutzung und der neuen Fischfarm. Besonders drastisch ist dies bei Shrimpsfarmen – sie liegen in tropischen Gebieten in Afrika, Südamerika und Asien. Für ihre Errichtung müssen an vielen Stellen die ökologisch wertvollen und leider bedrohten Mangrovenwälder weichen. Alleine auf den Philippinen sind für die Errichtung von Shrimpzuchten zwei Drittel der Mangrovenwälder abgeholzt worden. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass seit 1980 3,6 Millionen Hektar Mangrovenwälder weltweit verloren gegangen sind. Ein wesentlicher Grund dafür sind Shrimpzuchten.

 

In den Mangroven lebt eine Vielzahl von Arten und sie sind die Kinderstube vieler Fischarten. Ihre Zerstörung hat massive Folgen für mit ihnen verbundene Ökosysteme, für den Küstenschutz und die Fischerei.

 

Verschmutzung

Sind die Farmen errichtet, haben sie massive Auswirkungen auf ihre Umgebung. Der Großteil der weltweiten Aquakulturen findet in so genannten offenen Systemen statt, das heißt, die Anlagen stehen mit der natürlichen Umgebung in direkter Verbindung. Solch offene Systeme sind zum Beispiel Netzgehege, die ins Meer gehangen und in denen unter anderem Lachse oder Tunfische gezüchtet werden. Absinkendes Futter und Fäkalien verschmutzen den Meeresboden unter den Gehegen. Durch die Haltung vieler Tiere auf engem Raum können sich Krankheiten unter ihnen schnell verbreiten. Daher werden Antibiotika und Pestizide eingesetzt. Der Boden unter den Käfigen ist oft hoch belastet mit den Rückständen aus den Zuchten.

 

Auch bei den für Shrimpzuchten typischen Teichanlagen sammeln sich am Grund der Anlage Fäkalien, Chemikalien und Medikamente an. Wird die Anlage, wie bei Shrimpzuchten häufig der Fall, nach einigen Jahren aufgegeben und trocknet aus, verteilen sich diese Rückstände in der Umgebung, verschmutzen die Böden und können ins Grundwasser gelangen.

 

Belastung von Wildpopulationen

Zuchtfische haben meistens ein verändertes Genmaterial im Vergleich zu ihren wilden Artgenossen. Denn diese Tiere sind auf die Bedingungen der Zucht angepasst und für ihr schnelles Wachstum selektiert. Immer wieder brechen jedoch Exemplare aus den Zuchtanlagen aus, vermischen sich mit ihren wilden Verwandten und tragen verändertes Erbgut ein. Auch Krankheiten aus den Farmen können auf Wildpopulationen übertragen werden.

 

Viele Aquakulturen werden auch dort errichtet, wo die Art gar nicht heimisch ist. Entkommene Tiere können dann das natürliche Gleichgewicht stören, indem sie zum Beispiel mit heimischen Arten konkurrieren. Die immer beliebter werdenden Arten Pangasius und Tilapia beispielsweise haben ihr Verbreitungsgebiet auf diese Weise deutlich ausgedehnt.

 

Beim Roten Thunfisch ist die Lage paradox: Es ist noch nicht gelungen, Thunfisch in ausreichender Zahl für die Farmen nachzuzüchten. Daher werden zur „Zucht“ in den Farmen junge Thunfische aus freier Wildbahn gefangen, um sie dann schnell mastreif aufzupäppeln. Dabei sind die Bestände des Roten Tunfischs bereits stark gefährdet. Die Aquakultur bedroht sie zusätzlich.

 

Das gleiche gilt für den Aal: Für deren Zucht müssen die kleinen Glasaale vor der Küste abgefangen werden. Die Jungtierpopulation ist seit den achtziger Jahren auf neun Prozent ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Glasaalfischerei – für den Direktverzehr und den Export nach Asien, aber auch für die Aquakultur.

 

Energie- und Futterverbrauch

Einige in Aquakulturen gezüchtete Arten benötigen regulierte Temperaturen oder Wasserzufuhr. Das führt zu einem hohen Energie- und Wasserbedarf. Daneben müssen die Tiere gefüttert werden. Häufig wird dazu Fischmehl oder Fischöl verwendet, welches wiederum aus der Fischerei auf wildlebende Bestände stammt. Dabei sind die meisten Aquakultur-Arten keine guten Futterverwerter: Zur Produktion von einem Kilogramm Lachs beispielsweise benötigt man ca. vier Kilogramm Fischeiweiß. Bei Thunfisch ist es noch drastischer: Pro Kilogramm Thunfisch werden ca. 20 Kilogramm tierisches Eiweiß gebraucht.

© Erling Svensen / WWF-Canon
© Erling Svensen / WWF-Canon

Neues Umweltsiegel soll Verbrauchern den Kauf von Zucht-Fisch erleichtern

Aquakultur ist häufig ein ökologisches Desaster. Deshalb will der WWF ein neues Gütesiegel für Zuchtfische einführen: Der „Aquaculture Stewardship Council“ (ASC) soll nach dem erfolgreichen Vorbild des „Marine Stewardship Council“ (MSC) für Wildfische entwickelt werden.

 

Derzeit moderiert der WWF weltweite „Aquakultur-Dialoge“. In diesem Prozess entwickeln 2.000 Fischzüchter, Umweltschützer, Regierungsvertreter und andere Interessengruppen gemeinsame Standards für nachhaltige Aquakulturen. Dazu gehören konkrete Anforderungen für nachhaltige Zuchten der zwölf häufigsten Aquakultur-Arten.

Nachhaltige Zucht heißt:

Die Auswirkungen der Aquakultur auf Wildfischpopulationen, Küsten- und marine Lebensräume, Wasserqualität und Gesellschaft sind minimal. Nationale Gesetze und lokale Vorschriften müssen befolgt werden und die Zucht darf die regionale Biodiversität nicht beeinträchtigen. Wasser- und andere Ressourcen werden geschützt und verantwortlich verwendet und die Zuchtfische werden artgerecht und umweltverträglich gehalten. Zudem muss die Zucht unter Anwendung sozialer Standards betrieben werden – wie unter anderem Sicherheit am Arbeitsplatz, Nichtdiskriminierung und faire Arbeitsbedingungen.

Umweltbewusste Konsumenten können sich schon heute über naturverträgliche Aquakulturen informieren und an der Fischtheke eine gute Wahl treffen. Im aktuellen WWF-Einkaufsratgeber Fische & Meeresfrüchte finden sie bereits Empfehlungen für Zuchtfische.

   
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