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Satellitentechnik gegen illegale und unregulierte Fischerei

Was auf See wirklich passiert

Weltweit wird illegal gefischt, aber bisher gab es dafür keine Zeugen: Draußen auf dem Meer konnte weitgehend unbeobachtet gefischt werden. Das soll sich nun ändern – dank einer bahnbrechenden Erfindung.

 

© Google Earth
© Google Earth

Schon als Student träumte Alfred Schumm davon, eines Tages Satellitentechnik zum Schutz der Umwelt einzusetzen. Nun ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Das Globale Fischereiprogramm des WWF hat zusammen mit dem Münchner Technologie-Dienstleister navama ein Monitoringprogramm für Fischerei entwickelt, das auf Satellitentechnik setzt. Jetzt gibt es Zeugen.

„Dieses Instrument bedeutet einen Quantensprung für den Naturschutz, vergleichbar mit der Erfindung der Dampfmaschine in der industriellen Revolution“, erklärt Schumm, Leiter des Globalen Fischereiprogramms des WWF. Denn nur Kontrolle helfe langfristig gegen die Überfischung unserer Meere. Nur Transparenz könne die Fischbestände und deren Lebensräume für die Zukunft retten.

Dieses Instrument bedeutet einen Quantensprung für den Naturschutz

Die Idee

Kernstück des neuen Programms ist das Anti-Kollisionssystem "Automatic Identification System" - AIS. Es wird auf See aus Sicherheitsgründen genutzt und liefert via Satellit Daten zur Identifizierung des Schiffes. Name, Größe, Position und zum Beispiel auch die Geschwindigkeit des Schiffes werden übertragen. 

Mit der von navama entwickelten Software kann der WWF nun aus den Daten des Satelliten die zurückgelegte Route eines Fischerbootes nachvollziehen. So lässt sich feststellen, wann es wo entlang gefahren ist, wie schnell es war und wie sein Bewegungsmuster ausgesehen hat. Daraus ergeben sich Hinweise, ob die Fischer sich an bestehende Regeln wie Schutzgebiete halten.

Typische Spur eines Fischereibootes bei Einsatz eines Schnürwadennetzes. © WWF
Typische Spur eines Fischereibootes bei Einsatz eines Schnürwadennetzes. © WWFLupe

"Wenn ein Schiff mit mehr als zehn Knoten geradlinig fährt, dann fährt es durch ein Gebiet durch", erklärt Alfred Schumm, Initiator des neuen Programms. "Wenn dieses Schiff aber auf einmal langsamer fährt und im Zickzack, dann ist das ein Hinweis: Das ist ein Trawler, der zieht ein Netz hinter sich her und fängt. Und wenn das Schiff sehr langsam fährt, dann hat er möglicherweise ein Bodenschleppnetz." Auch der Thunfischfang ergibt ein ganz bestimmtes Bewegungsmuster. Verdächtig werden solche Schiffsbewegungen in Schutzgebieten, in Gebieten, in denen bestimmte Fischereimethoden verboten sind, oder zu Schonzeiten.

Wenn das Signal weg ist…

Ein weiterer Hinweis auf illegales Fischen ist das Ausbleiben des Signals, insbesondere in der Nähe von Schutzgebieten: Verschwindet ein Schiff plötzlich vom Bildschirm und taucht später auf der anderen Seite des Schutzgebiets wieder auf, könnten die Fischer das Signal abgeschaltet haben, um im Schutzgebiet zu fangen. Ein Indiz für illegale Vorgänge sind außerdem Schiffe, die sich auf See treffen – und dort möglicherweise Fisch umladen. Das sogenannte Transshipment kann dazu dienen, die Herkunft des Fangs zu verschleiern, weil die Fischer Quoten überschritten oder ohne Lizenz gefischt haben.

„Ein Joker, wie nur einmal im Leben“

Alfred Schumm, Initiator des neuen Programms. © Jürgen Matijevic / WWF
Alfred Schumm, Initiator des neuen Programms. © Jürgen Matijevic / WWF

Allein die Bewegungsmuster der Fischerboote liefern noch keine eindeutigen Beweise. Aber sie liefern Hinweise, die geklärt werden können und müssen. Alfred Schumm ist davon überzeugt, dass sein Programm weitreichende Veränderungen in der Fischerei schaffen wird: "Ich habe viel erfolgreiche Naturschutzarbeit gemacht, doch so einen Joker hat man wahrscheinlich nur einmal in seinem Berufsleben. Solch einen Schlüssel in die Hände zu bekommen, das Glück hat man selten!"

Transparenz per Satellit

Meereschutzgebiete im Nordost-Atlantik. © WWF
Meereschutzgebiete im Nordost-Atlantik. © WWFLupe

Mit dem neuen Satellitenprogramm hat Schumm den Schlüssel, mit dem er vor allem Transparenz schaffen will: "Wir überwachen nicht, der WWF versteht sich nicht als Polizei-Einheit. Wir wollen jedoch verstehen und wollen zeigen: Hier haben wir Fragen, da scheint was nicht gut zu laufen." Die Satellitendaten bieten eine wichtige Grundlage, um Verbraucher zu informieren, an Politik und Verwaltungen heranzutreten – und nicht zuletzt die Fischindustrie selbst zu nachhaltigen Fischereimethoden zu bewegen.

Geht es nach dem WWF, soll das Transparenz-Instrument schnell weiter ausgebaut werden: Das automatische Identifikationssystem AIS ist seit Ende 2000 verbindlicher Standard in der internationalen Seeschifffahrt. Fast jedes größere Schiff ist heute mit dieser Technik ausgerüstet. Industrielle Fischereischiffe müssen zum Beispiel in Europa ab einer Länge von 24 Metern ein AIS-Gerät führen. Der WWF fordert nun von der EU, dass satellitengestützte AIS-System auch für kleinere, kommerziell tätige Fischerei-Schiffe verbindlich einzuführen. "Für einen glaubwürdigen Kurswechsel zu nachhaltiger Fischerei muss die EU auch daran arbeiten, dass ihre Regeln eingehalten werden", fordert Schumm. "Ein großer Schritt wäre, wenn die satellitengestützte Rückverfolgbarkeit für die gesamte EU-Flotte und alle Schiffe, die europäische Häfen anlaufen, zur Pflicht gemacht wird."

Welchen Fisch darf ich essen?

Der WWF empfiehlt Verbrauchern, beim Kauf von Wildfisch auf das MSC-Siegel zu achten. Zukünftig soll dieses Siegel auch belegen, ob sich die Fischer in die Karten gucken lassen. Der WWF fordert: Für Fischerboote, die MSC-zertifiziert sind, soll das Satellitensystem AIS zum Standard werden.

 

Von Stephanie Probst

 

 

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