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Tiefseefischerei

Nach dem Rückgang der küstennahen Fischerei in den letzten Jahrzehnten, durch die Überfischung der Bestände schien ein Ausweg dank neuer technischer Entwicklungen auf der Hand zu liegen: die Erschließung der bislang unbefischten Gründe der Kontinentalabhänge und sowie der unterseeischen Bänke und Berge jenseits des Kontinentalschelfs.

© Mike R. Jackson / WWF-Canon
© Mike R. Jackson / WWF-Canon

Unter Tiefseefischerei versteht man im Allgemeinen die Fischerei in Tiefen ab 400 bis maximal 2.000 Metern - darunter ist eine Befischung zurzeit unwirtschaftlich. Gefischt wird mit Schleppnetzen, frei im Meer oder auf Grund, mit Stellnetzen und Langleinen, hauptsächlich an besonderen unterseeischen Merkmalen wie Seebergen oder Kaltwasserkorallenriffen. All dies sind Regionen, die sich durch einen besonderen Reichtum an Fischen auszeichnen. Obwohl erst ungefähr ein Prozent der Tiefsee erforscht wurde, konnten bereits fast 1.000 neue Arten ausschließlich am Boden lebender Fische entdeckt werden. Vermutet werden jedoch noch mehrere Millionen Arten verschiedenster Organismen.

Eine unerschöpfliche Goldgrube?

Ein erkleckliches Geschäft, sollte man also meinen. Zum Teil mit finanzieller Unterstützung seitens Regierungen wurde in einem guten Dutzend - vor allem europäischen - Ländern in den Jahrzehnten eine Tiefseefischerei aufgebaut, die anfangs hoch erfreuliche Erträge brachte. So liegen heute 40 Prozent der Fischgründe der weltweiten Schleppnetzfischerei in Gewässern unter 200 Metern und damit unterhalb der kontinentalen Schelfe.

Besonders der wertvolle Granatbarsch war häufig im Netz zu finden und wie der Blauling oder der Grenadierfisch ein Liebling der Tiefseefischerei: Rekordfänge von bis zu 60 Tonnen in nur 20 Minuten waren möglich. Das Geheimnis dieser "Goldgruben" liegt in der Verhaltensweise der Fische. Sie bilden zur Laichzeit riesige Schwärme, die sich leicht aufspüren und abfischen lassen. Doch wie eine Goldmine nur einmal ausgebeutet werden kann, plünderten auch die Tiefseefischer ihren Meeresschatz. Binnen weniger Jahre sind die Bestände dieser Fische so weit reduziert, dass sich eine weitere Befischung nicht mehr lohnt. Dann ziehen die Fischer weiter zur nächsten "Goldgrube".

Bald eine Unterwasser-Wüste?

Zum einen ist es die beschriebene Fangweise, die die Arten so anfällig für eine Überfischung macht, noch wesentlicher ist aber die Biologie der Tiere. Der Lebensraum Tiefsee ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass bei gleichmäßigen Temperaturen um 2 Grad Celsius und einem relativ geringen und nur sporadischen Nahrungsangebot alle Organismen einen insgesamt geringen Energieumsatz haben. Das bedeutet: Sie wachsen sehr langsam und vermehren sich nur sporadisch. Dafür werden viele Arten nachweislich sehr alt - der Granatbarsch als extremes Beispiel bis zu 150 Jahre. Die so genannte "Produktivität" eines Bestandes ist also gering - auch wenn der unbefischte Bestand zuerst einmal eine hohe Biomasse hat. Deshalb tendieren einige Wissenschaftler dazu, Tiefseefische inzwischen als eine "nicht erneuerbare" Ressource anzusehen.

Die eklatante Überfischung ist aber leider nur ein Teilproblem der Tiefseefischerei. Hinzu kommt die vorwiegende Verwendung von Grundschleppnetzen - schwerem Gerät, das den Meeresboden regelrecht abrasiert und verwüstet. Viele der sesshaften Organismen wie Korallen und Schwämme, aber auch die Lebensgemeinschaften des Weichbodens, werden dabei zerstört.

Gegen die Zerstörung der Tiefsee-Fauna für Peanuts!

Der ökologische und wirtschaftliche Preis, den die Welt für die zerstörerische Befischung der Tiefsee zahlt, steht in keinem Verhältnis zum Gewinn: Lediglich ein halbes Prozent des weltweiten Fangs stammt aus der Tiefsee. Ihr Anteil an der Welt-Nahrungsversorgung ist demnach völlig vernachlässigbar, wie aus einer gerade vom WWF gemeinsam mit der Weltnaturschutzunion IUCN veröffentlichten Studie hervorgeht.

Für den Schutz dieser lebendigen Tiefseeschätze fordert der WWF deshalb einen sofortigen Stopp der Grundschleppnetz-Fischerei in Gebieten mit besonders empfindlichen und schützenswerten Ökosystemen, so genannten „Vulnerable Marine Ecosystems (VMEs)“ d.h. Seebergen, Kaltwasserkorallenriffen, Schwammbänken und heißen Tiefseequellen der Hohen See - zumindest, bis genauere wissenschaftliche Erkenntnisse über die dort befischten Arten und Bestände vorliegen. Der WWF appelliert an alle verantwortlichen Gremien auf allen politischen Ebenen – insbesondere an die Europäische Kommission – die UNO-Resolutionen zur nachhaltigen Fischerei und Richtlinien der FAO zur Tiefseefischerei umzusetzen und das Vorsorgeprinzip anzuwenden und bei der Entwicklung von Managementplänen für die Tiefseefischerei den Erhalt des Ökosystems künftig besser zu berücksichtigen. Der WWF begrüßt daher den Vorschlag der EU-Kommission für eine neue Tiefseefischerei-Verordnung. Die beim Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg bereits 2002 und vom Abkommen für Biologische Vielfalt (CBD) beschlossene Einrichtung eines globalen Netzwerks von Meeresschutzgebieten muss schnellstmöglich in die Tat umgesetzt werden.

   
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