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Meeresschutzgebiete in der Hohen See

Etwa zwei Drittel der Ozeane liegen jenseits der 200-Seemeilen-Zonen der Küstenstaaten, also auch jenseits nationaler Zuständigkeit. In diesen internationalen Gewässern, auch als Hohe See bezeichnet, müssen die Staaten der Erde gemeinschaftlich über deren Nutzung entscheiden.

"Monster" der Tiefsee: ein Anglerfisch. © Wild Wonders of Europe / M. Lundgren / WWF
"Monster" der Tiefsee: ein Anglerfisch. © Wild Wonders of Europe / M. Lundgren / WWF

Über die Jahre hat sich die internationale Staatengemeinschaft auf eine Reihe von Konventionen und Abkommen zur Nutzung der Hohen See verständigt – unter anderem zur Seeschifffahrt, zum Einbringen von Stoffen (Verklappung), zur Erkundung und zum Abbau von mineralischen Rohstoffen und zur Fischerei.

Doch bis heute wurde kein global geltendes Instrument verabschiedet, welches explizit den Schutz der Lebensräume und Artenvielfalt in der Hohen See zum Ziel hat. So fehlen auch weiterhin die rechtlichen Möglichkeiten, in der Hohen See Meeresschutzgebiete einzurichten, die für alle Staaten verbindlich und in denen all die unterschiedlichen menschlichen Aktivitäten gleichermaßen zum Wohl der Meeresumwelt geregelt sind.

Entsprechend arbeitet der WWF daran, diese Lücke zu schließen, und fordert eine Ergänzung des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen (United Nations Convention on the Law of the Sea, UNCLOS) durch ein gesondertes Abkommen zum Schutz der marinen biologischen Vielfalt in der Hohen See. Ein solches Abkommen sollte dann auch die Ausweisung von global geltenden Meeresschutzgebieten auf der Hohen See ermöglichen.

Da angesichts der zunehmenden menschlichen Aktivitäten in der Hohen See aber keine Zeit zu verlieren ist beim Schutz der internationalen Gewässer, engagiert sich der WWF im Rahmen der derzeit bestehenden internationalen Abkommen und Organisationen. Fortschritte konnten vor allem mit regionalen Übereinkommen zum Meeresschutz erzielt werden.

Bis dato sind weltweit 9 Meeresschutzgebiete in der Hohen See ausgewiesen worden:

  • „Pelagos Sanctuary“ im Mittelmeer – Das im nordwestlichen Mittelmeer gelegene Schutzgebiet gilt weithin als das erste Meeresschutzgebiet, welches umfassende Anteile der Hohen See einschließt. Insbesondere zum Schutz von Meeressäugetieren haben Frankreich, Italien und das Fürstentum Monaco bereits 2002 im Rahmen eines trilateralen Übereinkommens gemeinsam annähernd 90.000 Quadratkilometer, davon 53 Prozent in der Hohen See, ausgewiesen. Allerdings sind bisher nur wenige konkrete Maßnahmen verabschiedet worden, die Ausweisung ist zudem nur für die drei Staaten verbindlich.
  • „South Orkneys Marine Protected Area“ im Südpolarmeer – Dieses 2010 von der Kommission zum Erhalt der lebenden Meeresschätze der Antarktis (Convention on the Conservation of Antarctic Marine Living Resources, CCAMLR) eingerichtete Schutzgebiet war das erste, das komplett in der Hohen See eingerichtet wurde. In den ca. 94.000 Quadratkilometern ist vor allem die Fischerei stark reglementiert. Dier Ausweisung ist rechtsverbindlich für die insgesamt 25 CCAMLR-Vertragsparteien.
  • Sieben Meeresschutzgebiete im Nordostatlantik – 2010 hat die Kommission zur OSPAR-Konvention zum Schutz der Meeresumwelt im Nordostatlantik (OSPAR Convention on the Protection of the Marine Environment oft he North-East Atlantic) das weltweit erste Netzwerk von Meeresschutzgebieten in der Hohen See eingerichtet: „Charlie-Gibbs South MPA” (146.030 Quadratkilometer); „Milne Seamount Complex MPA“ (20.900 Quadratkilometer); „Mid-Atlantic Ridge north of the Azores High Seas MPA” (93.570 Quadratkilometer); “Altair Seamount High Seas MPA” (4.380 Quadratkilometer); “Antialtair High Seas MPA” (2.800 Quadratkilometer); “Josephine Seamount Complex High Seas MPA” (19.360 Quadratkilometer). Im Jahr 2012 wurde ein weiteres Gebiet ausgewiesen: „Charlie-Gibbs North High Seas MPA“ (177.000 Quadratkilometer). Diese MPAs sind rechtsverbindlich ausgewiesen worden, doch sind auch hier lediglich die insgesamt 15 OSPAR-Vertragsstaaten daran gebunden.

Schutzgebiete im Nordostatlantik

Der WWF hat insbesondere bei der Ausweisung der Schutzgebiete in der Hohen See im Nordostatlantik eine entscheidende Rolle gespielt: Der WWF erstellte die fachliche Begründung für das erste Hohe-See-Schutzgebiet auf dem Mittelatlantischen Rücken, in dem Gebiet der so genannten „Charlie-Gibbs Fracture Zone“, ein Gebiet reich an Seebergen und bis zu 4000 Meter tiefen Canyons, auch als „Alpen der Tiefsee“ bezeichnet. Von der Konzeption bis zur völkerrechtlich verbindlichen Ausweisung durch die Umweltministerkonferenz der OSPAR-Staaten im September 2010 vergingen etwa fünf Jahre. Auf Initiative Deutschlands und mit Unterstützung des WWF und Portugals wurden sechs weitere Hohe-See-Schutzgebiete im Nordostatlantik eingerichtet, die bisher zusammen rund 500.000 Quadratkilometer umfassen.

Schutzmaßnahmen für die Schutzgebiete

Das internationale WWF-Zentrum für Meeresschutz arbeitet nun an der Konzeption von Schutzmaßnahmen für diese Schutzgebiete und beteiligt sich an entsprechenden Beratungen zwischen der OSPAR-Kommission, dem Nordostatlantischen Fischereirat (North East Atlantic Fisheries Commission, NEAFC), der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (International Maritime Organization, IMO), der Internationalen Walfangkommission (International Whaling Commission, IWC) und der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority, ISA). Ein sehr komplexer und langwieriger Prozess, weil die Verantwortlichkeiten für das Management der unterschiedlichen menschlichen Aktivitäten in der Hohen auf eine Vielzahl von Organisationen verteilt ist.

Darüber hinaus unterstützt der WWF Deutschland maßgeblich die folgenden Initiativen:

  • Aufbau eines Netzwerkes von Meeresschutzgebieten im Südpolarmeer rund um den antarktischen Kontinent durch die Kommission zum Erhalt der lebenden Meeresschätze der Antarktis (Convention on the Conservation of Antarctic Marine Living Resources, CCAMLR). Im Fokus steht derzeit die politische Arbeit, um die Vertragsstaaten zu einer Annahme zweier Vorschläge für Meeresschutzgebietssysteme im Rossmeer (ca. 2,3 Millionen Quadratkilometer) sowie in den Küstengewässern der östlichen Antarktis (1,63 Millionen Quadratkilometer) zu bewegen.
  • Verabschiedung von Schutzmaßnahmen für die Ozeanrücken „Salas y Gomez Ridge“ und „Nazca Ridge“ im Südostpazifik durch die regionale Fischereimanagementorganisation “South Pacific Regional Fisheries Management Organisation“ (SPRFMO). Aktuell erarbeitet der WWF Vorschläge für ein Zonierungskonzept für dieses über 400.000 Quadratkilometer große Meeresgebiet, einschließlich Empfehlungen für das Management der Fischerei sowie der Schifffahrt. Ziel ist, diese Vorschläge bei der SPRFMO zur Annahme vorzulegen.
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