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Stand: 16.03.2016

Meeresschutzgebiete in Deutschland

Deutschland ist in Europa bei der Ausweisung von Meeresschutzgebieten hinsichtlich der prozentualen Bedeckung der nationalen Gewässer durch Schutzgebiete führend. 

Schweinswal © naturepl.com / Florian Graner / WWF
Schweinswal © naturepl.com / Florian Graner / WWF

Ca. 70 Prozent der Küstengewässer im Zuständigkeitsbereich der Küstenbundesländer sind bereits geschützt. In der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) unter Verwaltung des Bundes sind es zusätzlich ca. 30 Prozent, die sich auf die folgenden zehn Gebiete verteilen: Borkumriff, Doggerbank, Sylter Außenriff, Östliche Deutsche Bucht, Fehmarnbelt, Kadetrinne, Rönnebank, Adlergrund, Oderbank, Pommersche Bucht. Ihre Ausweisung dient dem Schutz von Kleinwalen, Seevögeln, mit Wasser bedeckten Sandbänken, Riffen und ihren Bodenlebensgemeinschaften, wie vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) im Detail dargestellt.

Insgesamt sind so 47 Prozent der deutschen Meeresfläche als Schutzgebiete ausgewiesen. Diese Flächen sind somit gesetzlich geschützte Gebiete, in denen ein angemessener Schutz für Arten, Lebensräume und Naturprozesse vor Beeinträchtigungen zu gewährleisten ist. Leider sind für die Meeresschutzgebiete (insbesondere die marinen Natura 2000-Gebiete in der AWZ) bisher kaum oder keine Maßnahmen verabschiedet worden, die die unterschiedlichen Nutzungen und Eingriffe zugunsten des Naturschutzes regeln. Hierzu gehören insbesondere die kommerzielle sowie die Sportfischerei, Extraktion von Öl, Gas, Sand und Kies, sowie die Schifffahrt. Auch wurden die Schutzgebiete in der gültigen Meeresraumordnung bisher nicht als Vorranggebiete für den Naturschutz anerkannt.

Wo Meeresschutz drauf steht, muss auch Meeresschutz drin sein

Den Arten und Lebensräumen im Meer geht es trotz der Einrichtung dieser Schutzgebiete bisher nicht besser. Vielmehr ist von der Bundesregierung aktuell sowohl für Nord- als auch Ostsee in einer Anfangsbewertung festgestellt worden, dass in den deutschen Meeresgebieten der so genannte „gute Umweltzustand“ nicht erreicht wird. Auch um den so genannten „günstigen Erhaltungszustand“ von nach EU-Vogelschutzrichtlinie und EU-Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geschützten Arten und Lebensräumen ist es schlecht bestellt:

  • Einst charakteristische Meeresentenarten in der Ostsee (Eiderente, Eisente) sind in ihrem Bestand seit 1995 um über 60 Prozent zurückgegangen.
  • Der östliche Ostseeschweinswal ist seit Jahren auf Tiefststand (zwischen 200 und 600 Tiere), der Bestand westlich Rügens ging ebenfalls um über 60 Prozent zurück und bleibt durch den Einsatz von Stellnetzen akut bedroht. Bei der Stellnetzfischerei werden nahezu unsichtbare Netzwände ins Meer gestellt, in denen sich auch nach Nahrung suchende Schweinswale und tauchende Seevögel wie Eiderenten und Seetaucher verfangen. Jedes Jahr ertrinken so tausende von Tieren, was zu immer weiter abnehmenden Populationen beiträgt.
  • Wertvolle Unterwasserlebensräume wie Riffe und Sandbänke und ihre Lebensgemeinschaften werden, vor allem in der Nordsee, bis zu viermal jährlich von Bodenschleppnetzen durchpflügt.
  • Sand- und Kiesabbau ist in den Schutzgebieten stellenweise zugelassen, Aufsuchungsgenehmigungen für Öl und Gas werden weiterhin erteilt
  • Industriefischerei auf Sandaal und Sprotte entzieht Seevögeln und Meeressäugetieren die Nahrungsgrundlage.

In den Meeresschutzgebieten muss sichergestellt sein, dass die dort vorkommenden Arten und Lebensräume tatsächlich gegen gefährdende Nutzungen und Eingriffe geschützt sind. Der WWF hatte in seiner Studie „Schutz den Schutzgebieten“ hierzu umfassende Vorschläge gemacht. Trotz der Verpflichtung durch die EU, bis Ende 2013 in den Natura 2000-Gebieten Schutzmaßnahmen für die Schutzgüter einzuführen, hat die Bundesregierung erst Anfang 2016 Schutzgebietsverordnungen und notwendige Maßnahmen in der Fischerei , vorläufig jedoch nur für die Nordsee, vorgeschlagen. Der Vorschlag für die Gebiete Sylter Außenriff, Östliche Deutsche Bucht, Borkum Riffgrund und Doggerbank enthält neun Maßnahmen, von Schließungen für Bodenschleppnetze bis zu Techniken zur Minderung des Beifangs von Seevögeln und Schweinswalen in Stellnetzen. Der WWF hält die Schutzgebietsverordnungen für ungenügend und die Fischereimaßnahmen zumindest für verbesserungswürdig (siehe Stellungnahmen der Verbände). Die Fischereimaßnahmen müssen erst noch mit anderen Mitgliedsstaaten abgestimmt werden, bevor sie von der Europäischen Kommission erlassen werden können.

Defizite auch im Küstenmeer der Bundesländer

Das Bundesland Schleswig-Holstein hat sich zum Ziel gesetzt, in den Schutzgebieten in seinem Küstenmeer den Einsatz von Stellnetzen und damit den Beifang von Seevögeln und Schweinswalen zu reduzieren. Außerdem sieht der Plan vor, alternative, umweltverträglichere Fangmethoden zu fördern und zu erproben. Auch ein begleitendes Monitoring der Beifänge soll durchgeführt werden. Leider geschieht dies nicht, wie ursprünglich vorgesehen, im gesetzlichen Rahmen der Küstenfischereiordnung, sondern einer freiwilligen Vereinbarung. Für Mecklenburg-Vorpommern liegt zwar eine generelle Schutzgebietsverordnung zu den Natura 2000-Gebieten auf See vor, sie trifft jedoch keine Schutzmaßnahmen. Auch für das Küstenmeer der beteiligten Bundesländer hat der WWF detaillierte Vorschläge für längst überfällige Maßnahmen in den bereits ausgewiesenen Meeresschutzgebieten vorgelegt.

Was fordert der WWF?

Mindestens 50 Prozent der Schutzgebiete müssen frei von extraktiven Nutzungen sein:

 

  • keine Fischerei
  • keine Öl- und Gasförderung im Meer, die negativ auf die Gebiete wirken kann (Seismik, Förderung, Transport)
  • wo nötig Beschränkung von Schifffahrt in solchen Schutzgebieten, wenn Tiere beeinträchtigt werden können (mausernde Vögel, während der Winterrast)
  • Errichtung von Windparks weiterhin nur außerhalb der Schutzgebiete, in naturverträglicher Weise

Offshore-Meeresnationalparke

Der WWF schlägt die Ausweisung bestimmter bestehender Meeresschutzgebiete als erste Offshore-Meeresnationalparke vor, in denen Nationalparkverordnungen die oben genannten Belange regeln. Wenn es um die Umsetzung vor Ort geht, muss es nicht nur eine schlagkräftige Verwaltung mit Kompetenzen geben, sondern auch eine Ausstattung, die ein Eingreifen und Monitoring erlaubt. 

WWF-Atlas der deutschen Meeresschutzgebiete

In unserem interaktiven Atlas finden Sie alle Meeresschutzgebiete Deutschlands, sowohl in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) als auch im Küstenmeer. Es ist dargestellt, welche Arten und Lebensräume jeweils geschützt werden sollen und welche menschlichen Aktivitäten und Bedrohungen auf sie einwirken. Zu jedem Gebiet haben wir Steckbriefe oder Verweise hinterlegt, denen Sie noch detailliertere Hintergrundfakten entnehmen können und erfahren, welche Schutzmaßnahmen der WWF vorschlägt.

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