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Stand: 14.08.2014

Hoffnung für Riesenhai & Co.: Zahlreiche neue Meeresschutzgebiete in Europa

Es ist eine große Chance für unsere Meere und ein Riesenerfolg für den WWF. Vor der Küste Schottlands und Spaniens sind über 70 neue Meeresschutzgebiete ausgewiesen worden, Portugal will mit zwei gigantischen Regionen nachziehen. Das Besondere: Einige der Gebiete liegen in der Tiefsee. Wir stellen eine Auswahl der neuen Schutzgebiete und ihre ganz besonderen Bewohner vor.

Profitiert auch von den neuen Meeresschutzgebieten: der Pottwal © Robert Delfs / WWF-Canon
Profitiert auch von den neuen Meeresschutzgebieten: der Pottwal © Robert Delfs / WWF-Canon

Schutz für Wale, Delfine, Haie und Korallen: Ergebnis jahrelanger Arbeit

Im Juli 2014 wies die schottische Regierung 30 neue Meeresschutzgebiete aus, Spanien meldete insgesamt 43 neue marine Schutzzonen und Portugal kündigte die Ausweisung von zwei großen Seebergkomplexen an. Seeberge sind wahre Schatzkammern der Unterwasserwelt, da sie viele verschiedene Lebensräume bieten. Auch eins der spanischen Schutzgebiete ist ein Seeberg. Die sogenannte Galizienbank, 200 Kilometer westlich der spanischen Küste gelegen, hatte der WWF bereits 2002 als besonders schützenswert vorgeschlagen. „Nach zwölf Jahren macht sich unsere Arbeit hier nun endlich bezahlt. Das ist ein großer Erfolg“, sagt Stephan Lutter, Experte für Meeresschutz beim WWF Deutschland.

Für die 30 schottischen Meeresschutzgebiete hatte der WWF in einem Bündnis mit anderen Umweltschutzorganisationen ebenfalls jahrelang gekämpft. Schottlands Meere sind die viertgrößten in der EU. Unterschiedlichste marine Lebensräume geben hier vielen, auch seltenen Arten ein Zuhause. Dazu gehören Kaltwasserkorallen ebenso wie Wale, Delfine, viele Seevögel und der Riesenhai, zweitgrößter bekannter Fisch der Erde.

Einige der neuen Schutzgebiete im Steckbrief:

Nordöstlicher Färöer-Shetland-Kanal (North-East Faroe Shetland Channel), Schottland

Küstenabschnitt in Schottland © Gernant Magnin / WWF Niederlande
Küstenabschnitt in Schottland © Gernant Magnin / WWF Niederlande

Das Tiefseegebiet liegt im äußersten Nordosten Schottlands und beherbergt eine unglaubliche Vielfalt an Leben. Günstige Meeresströmungen transportieren reichlich Nahrung, es gibt dynamische Mischwasserzonen aus wärmerem Atlantikwasser und kühleren arktischen Gewässern und verschiedene Lebensräume durch ein großes Höhengefälle vom oberen Kontinentalhang bis in die Tiefe des Kanals.

Besonders schützenswert sind zum Beispiel die hier beheimateten Tiefseeschwämme – eine der ältesten Lebensformen der Erde. Bis zu 50 verschiedene Schwammarten finden sich hier in Tiefen von 400 bis 600 Metern. Sie bieten wiederum vielen anderen Meeresbewohnern ein Zuhause und Fischkindern wichtige Schutzmöglichkeiten. Der Färöer-Shetland-Kanal ist außerdem Wanderweg für viele Meeressäuger wie den Pottwal und den Finnwal. Es ist das größte von Schottland ausgewiesene Schutzgebiet und damit nun auch das größte in der gesamten EU.

Rosemary Bank Seeberg (Rosemary Bank Seamount), Schottland

Kaltwasserkoralle © Erling Svensen / WWF-Canon
Kaltwasserkoralle © Erling Svensen / WWF-Canon

Der Seeberg “Rosemary Bank” liegt in der Tiefsee vor Westschottland. Entstanden aus einem erloschenen Vulkan, erhebt er sich bis zu tausend Meter über den Meeresboden und ist ein wahrer Hotspot des Unterwasserlebens. Rosemary Bank ist Nahrungsgebiet unterschiedlichster Fischarten, Kindergarten für den Fischnachwuchs der Schottischen See, ein beliebter Wanderweg größerer Tiere wie Pottwal und Finnwal und Heimat zum Beispiel von Kaltwasserkorallen und Tiefseefischen wie dem Granatbarsch.

„Der Granatbarsch ist sozusagen der Methusalem unter den Fischen“, erklärt Meeresschutz-Experte Stephan Lutter. „Granatbarsche können bis zu 160 Jahren alt werden, sind aber auch erst mit etwa 20 Jahren geschlechtsreif und können leicht überfischt werden. Das ist ein Extremfall, aber Tiefseefische sind generell schnell gefährdet. Deshalb sind Schutzgebiete gerade hier so wichtig.“

Galizienbank (Banco de Galicia), Spanien

Leben am Seeberg © NOAA Monterey Bay Aquarium Research Institute
Leben am Seeberg © NOAA Monterey Bay Aquarium Research Institute

Die Galizienbank ist ein gigantischer Seeberg im Nordatlantik, etwa 200 Kilometer westlich der spanischen Küste gelegen und geprägt von einem enormen Artenreichtum. Hier leben Schokoladenhai und Glattrochen - beide durch den Menschen bedroht, außerdem mindestens zehn weitere Arten von Tiefseehaien, zahlreiche verschiedene Krebstiere, Schlangensterne, Schwämme, unzählige Fische und vermutlich auch dem Menschen noch unbekannte Arten.

„An der Galizienbank wird noch gezielt mit Langleinen nach Tiefseehaien gefischt. Nun können und müssen Schutzmaßnahmen dem ein Ende setzen“, betont Stephan Lutter. Eine Lebensgemeinschaft wie hier findet man sonst nirgends im umgebenden Meer. Denn die Galizienbank bietet ihren Bewohnern vielfältige Lebensräume und ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Während die Bank an ihren flachsten Stellen nur etwa 600 Meter unter der Wasseroberfläche liegt, reichen ihre Hänge bis 5000 Meter in die Tiefe. Eine Besonderheit der Galizienbank sind auch ihre Kaltwasserkorallenriffe.

Große Meteorbank und Gorringebank, Portugal

Große Tümmler vor den Azoren in Portugal © Martin Bahr / WWF-Canon
Küstenabschnitt in Portugal © Robert Delfs / WWF-Canon

Portugal kündigte im Juli 2014 öffentlich die Ausweisung zweier großer Seebergketten als Schutzgebiete an. Darin liegen die Große Meteorbank und die Gorringebank. „Die Gorringebank hat der WWF schon im Jahr 2000 als Schutzgebiet vorgeschlagen, insofern freuen wir uns sehr über Portugals Ankündigung“, sagt Stephan Lutter. „Den Worten müssen jetzt aber auch Taten folgen und die Gebiete müssen bei der EU-Kommission und dem Abkommen zum Schutz des Nordostatlantiks OSPAR angemeldet werden.“

Das Besondere an den beiden neuen Schutzzonen ist ihre Größe. Sie haben zusammen eine Fläche von rund 250.000 Quadratkilometern, das ist etwa so groß wie Großbritannien. Geprägt von großen Höhenunterschieden, beherbergt der Ozean zwischen Portugal und seinen Archipelen - den Azoren und Madeira - unzählige Arten und besondere Lebensgemeinschaften. Hier gibt es Tangwälder und Korallengärten mit Gorgonien. Der Atlantische Bonito und der Marmor-Zitterrochen sind hier zu Hause, die Unechte Karettschildkröte zieht durch das Gebiet. 

Faszinierende Tiefsee endlich unter Schutz

Nicht nur der Riesenhai zieht seine Bahnen durch die schottischen Gewässer, tief unter ihm sind auch Riesenkalmare, Seeteufel, Rochen, bunt schillernde Korallen und vermutlich zahlreiche noch unentdeckte Arten zu Hause. Die Tiefsee ist eine faszinierende Welt, dem Menschen noch weitgehend unbekannt und doch der größte Lebensraum unseres Planeten. „Wir Menschen dringen immer weiter in die Tiefsee vor. Bodenschleppnetze zerstören Korallenriffe bis in 2000 Meter Tiefe. Auch die Erschließung wertvoller Metalle aus der Tiefsee hat begonnen“, warnt Stephan Lutter. Der Schutz derart weit vor der Küste gelegenen Gewässer hat sich erst seit Ende der 1990er Jahre entwickelt und bis heute schützen nur wenige Staaten die Tiefsee. Umso bedeutender sind die in Schottland und Spanien nun ausgewiesenen Schutzgebiete.

Meeresschutz der Zukunft

Die Vielfalt des Lebens in unseren Meeren ist in großer Gefahr. Schutzgebiete können helfen, sie zu bewahren. Die neuen Meeresschutzgebiete in Schottland, Spanien und Portugal sind im Anschluss an die Jahrestagung der Nordost-Atlantik-Staaten (OSPAR) ausgerufen beziehungsweise angekündigt worden. Das zeigt, dass die Arbeit des WWF und anderer Umweltschutzorganisationen auf internationalen Konferenzen zum Schutz unserer Meere wirksam ist. Gerade Schottlands neue Schutzgebiete zeigen außerdem, wie weitreichend der Meeresschutz in Zukunft sein kann und muss.

„Granatbarsch, Riesenhai, Tiefseehaie, Korallengärten und Schwämme stehen alle nicht auf der Liste der schützenswerten Arten und Lebensräume der EU. Das heißt, hier sind erstmals zusätzliche Kriterien der Roten Liste des OSPAR-Abkommens angewendet worden. Das ist ein großer Fortschritt“, sagt Stephan Lutter vom WWF. Nun dürfen die neuen Schutzgebiete nicht allein auf dem Papier bestehen bleiben. Vorschriften für Fischerei, Schifffahrt und die Entnahme von Bodenschätzen müssen folgen. Es bleibt außerdem zu hoffen, dass viele weitere Länder - wie zum Beispiel Frankreich - beim Schutz der Tiefsee nachziehen.

(Von Stephanie Probst)

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