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Stand: 11.08.2015

Superfrachter - tickende Zeitbomben auf unseren Meeren

Etwa 90 Prozent aller Waren werden in Containern um den Globus verschifft. Der zunehmende Schiffsverkehr ist verantwortlich für hochgradige Verschmutzungen und die Einschleppung fremder Arten. Über allem schwebt die Bedrohung durch große Katastrophen auf hoher See und an den Küsten. 

Ölverschmutzung © NOAA, CC BY 2.0, http://bit.ly/1JyqEYK
Ölverschmutzung © http://bit.ly/1JyqEYK , NOAA, CC BY 2.0

Im August 2015 wurde in Hamburg das größte Containerschiff der Welt auf den Namen „MSC Zoe“ getauft. Der Rummel war groß, viele Medien berichteten darüber und Hunderte Menschen drängten sich am Elbufer. Der Frachter misst 400 Meter Länge und kann 19.224 Standardcontainer befördern. Doch schon bald wird die „MSC Zoe“ ihren Rekordstatus wieder verlieren. Spätestens im Jahr 2018 erwarten Experten das erste Schiff mit Platz für 22.000 Container. 

Das 1-Milliarde-Dollar-Szenario

Superfrachter © ThinkstockPhotos
Superfrachter © ThinkstockPhotos

Die Taufe der „MSC Zoe“ war für Stephan Lutter überhaupt kein Anlass zur Freude. Der WWF- Meeresexperte schaut skeptisch auf die aktuellen Entwicklungen: „Der Schiffsverkehr ist für eine ganze Reihe ökologischer Katastrophen verantwortlich. Anstatt endlich an nachhaltigen Konzepten zu arbeiten, werden einfach immer größere Frachter gebaut und als technische Wunderwerke gefeiert. Erst im Juli wäre im Hamburger Hafen beinahe eines dieser Superschiffe havariert. Nur ein paar Wochen später jagen sie einen noch größeren Frachter die Elbe entlang. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bombe hochgeht.“

Stephan Lutter ist mit seiner Meinung nicht alleine. Das „1-Milliarde-Dollar-Szenario“ stammt nicht aus der Feder von Umweltschützern, sondern von der Allianz-Versicherungsgruppe. Die Havarie eines Superschiffes von Zoes Größe könnte demnach schnell unbezahlbar werden. Eine Kollision zweier solcher Frachter entspricht dem „2-Milliarden Dollar-Szenario“.

2772 Schiffsunglücke im Jahr 2014

Ölverschmutzung durch Tanker © Dominique Halleux / WWF
Ölverschmutzung durch Tanker © Dominique Halleux / WWF

Das klingt zunächst wenig wahrscheinlich, ist es aber nicht. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 2772 Schiffsunglücke (Schiffe mit mind. 100 Bruttoregistertonnen) gemeldet. 75 davon waren Totalverluste. Mit der „Posh Mogami“ und der „Enarxis“ havarierten gleich zwei Superschiffe mit einer Fracht von 18.000 Tonnen.

„Allerdings sind es gar nicht so sehr die ganz großen Katastrophen, die mir Angst machen“, gesteht Lutter. Im Jahr 1978 kollidierte der Öltanker „Amoco Cadiz“ mit einem Fels vor der bretonischen Küste und verlor mehr als 200.000 Tonnen Rohöl. Bis heute gilt diese Havarie als eine der größten Ölkatastrophen aller Zeiten. „Solche Schiffsunfälle sind für die betroffenen Ökosysteme natürlich gravierend. Der Großteil der Meeresverschmutzungen stammt aber vom ganz normalen Schiffsverkehr. Allein an der kanadischen Küste verenden jedes Jahr mehr als 300.000 Seevögel an diesen Folgen.“

Verschmutzungen durch den Schiffsverkehr

Vollständig mit Öl verklebter Vogel © Nigel Dickinson / WWF
Vollständig mit Öl verklebter Vogel © Nigel Dickinson / WWF

Als besonders giftig und umweltschädlich gilt Schweröl, eigentlich ein Abfallprodukt aus Raffinerien und damit preisgünstiger Treibstoff. Erst nachdem im Jahr 2002 der Tanker „Prestige“ die Küste Galiziens mit 64.000 Tonnen der klebrigen Masse vergiftet hatte, wurde der Transport von Schweröl in Einhüllenrumpf-Tankern verboten. Doch auch als Treibstoffladung kann es erheblichen Schaden anrichten, wie schon der Unfall des Holzfrachters „Pallas“ im schleswig-holsteinischen Wattenmeer 1998 zeigte. In der Handelsschifffahrt und Kreuzfahrtbranche wird immer noch auf diesen schwefelhaltigen Treibstoff gesetzt, der nach Verbrennung zusätzlich Stickoxide, Feinstaub und Ruß freisetzt.


Bis zum Jahr 2020 soll der Schwefelgehalt von Schiffstreibstoffen weltweit von 3,5 Prozent auf 0,5 Prozent gesenkt werden. In besonderen Emissionskontrollgebieten (ECAs) wie zum Beispiel der Nord- und Ostsee gilt bereits seit 2015 der Grenzwert 0,1 Prozent, immer noch das 100-fache des für Landfahrzeuge erlauben Wertes. Immerhin ist zu hoffen, dass der Gebrauch von Schweröl zugunsten sauberer Schiffsdiesel damit zurück gedrängt wird.

Der zunehmende Schiffsverkehr hat auch negative Einflüsse auf die Geräuschbelastung der Meere und schadet somit vor allem Walen und anderen marinen Säugetieren. So genannte „ship strikes“, Verletzungen von Walen durch große Schiffsschrauben, sind keine Seltenheit und für bedrohte Bestände wie den nördlichen Glattwal (Nordkaper) bedrohlich.

Invasive Arten durch die Schifffahrt

Die Schiffe sind aber auch dafür verantwortlich, dass fremde Arten eingeschleppt werden und sich aufgrund fehlender Fressfeinde ungebremst ausbreiten können. Das am besten dokumentierte Beispiel betrifft die "Meerwalnuss", eine Rippenquallenart. Sie wurde in den 1980er Jahren wahrscheinlich über Ballastwasser in das Schwarze Meer eingeschleppt und verbreitete sich rasend schnell. Die Biomasse der Quallen wurde zwischenzeitlich auf eine Million Tonnen geschätzt. Die Folgen waren vor allem in der Fischindustrie zu spüren, als innerhalb kurzer Zeit der Sardellenfischfang kollabierte. Mittlerweile ist die Meerwalnuss auch in Nord- und Ostsee angekommen.

Der weltweite Schiffsverkehr hat also zahlreiche Auswirkungen auf unser Ökosystem. Der WWF kämpft unter anderem auf politischer Ebene dafür, diese Auswirkungen zu begrenzen. Bitte unterstützen Sie uns bei unserer Arbeit durch eine Spende.

(von Matthias Adler)

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