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Unfall auf der Gasförderplattform Elgin

Wie eine Sprudelflasche, gefüllt mit giftigem Gas

Seit Sonntag strömt ungehindert giftiges Gas aus der Förderplattform „Elgin“ in die Nordsee vor Schottland. Der Meeresschutzexperte Stephan Lutter vom WWF erklärt im Gespräch, was genau passiert ist, welche Auswirkungen ein solches Gas-Leck haben kann und wie der WWF diese Katastrophe bewertet. 

© Hans-Ulrich Rösner / WWF

Was ist das für ein Gas, das dort austritt?

 

Stephan Lutter: Der Betreiber der Plattform, der französische Total-Konzern, spricht von einer Mischung aus den Kohlenwasserstoffen Methan, Propan und Butan. Außerdem enthält es Verunreinigungen durch langkettige Kohlenwasserstoffe, die auch einen öligen Film an der Oberfläche verursachen. Besonders gefährlich ist Schwefelwasserstoff, der ebenfalls enthalten ist.

 

Was macht dieses Gas so gefährlich?

 

Stephan Lutter: Der Schwefelwasserstoff tötet alles Leben ab. Auch die Kohlenwasserstoffe sind problematisch - vor allem in der Atmosphäre. Beispielsweise ist Methan ein echter Klimakiller. Zudem bekommen Fische Embolien in den Kiemen, wenn sie in die austretenden Gasblasen geraten. Der Öl-Film an der Wasseroberfläche ist zudem gefährlich für Wasservögel. Es scheint sich in diesem Fall um sogenanntes Saures Gas zu handeln, das mit Schwefelwasserstoff angereichert ist. Bei einem, wie von Experten befürchteten, langandauernden Gasaustritt könnten Todeszonen in der Umgebung entstehen und das Ökosystem der Nordsee schädigen.

Stephan Lutter im Interview © Phillip Guelland / WWF

Wie breitet sich das Gas aus?

 

Stephan Lutter: Das ist wie eine Sprudelflasche unten am Meeresboden und kommt wohl aus tieferen Schichten. Es sprudelt zur Oberfläche, und am Ende verteilt es sich in der Luft. Wie stark sich der Gasnebel in verschiedene Richtungen ausbreitet, weiß man derzeit nicht.

 

Besteht Explosionsgefahr?

 

Stephan Lutter: Ja, es besteht Explosionsgefahr. Deshalb errichtete die Küstenwache bereits eine Zwei-Meilen-Sperrzone für Schiffe und eine Drei-Meilen-Zone für Flugzeuge. Man hat alles abgeschaltet, was irgendwie Funken schlagen kann.

 

Wie können die Verantwortlichen das Gas jetzt stoppen?

 

Stephan Lutter: Dies sei schon allein schwierig wegen der Sperrzonen. Wenn nicht mal ein Hubschrauber hinfliegen darf wegen der Explosionsgefahr, ist das dramatisch. Generell gibt es aber zwei Möglichkeiten.Entweder müsse man versuchen, das Loch direkt zu stopfen oder Entlastungsbohrungen durchführen.

 

Leben in diesem Gebiet besonders gefährdete Tiere?

 

Stephan Lutter: Dort leben beispielsweise Haie, Rochen und der große Tümmler - den man als Flipper aus dem Fernsehen kennt.  Außerdem liegen dort wichtige Nahrungsgründe für Seevögel.

 

Besteht auch Gefahr für naheliegende Küsten?

 

Stephan Lutter: Zunächst nicht. Ich vermute, dass das giftige Gas und die relativ geringe Ölmenge das Ufer nicht erreichen werden - die Gasplattform ist etwa 240 Kilometer vom Festland entfernt. Die Nordsee-Strömung bewege sich zudem im Kreis, weshalb sich das Gas vermutlich nicht über sehr weite Strecken ausbreite.

 

Das Interview mit Stephan Lutter wurde am 28.03.2012 von der Nachrichtenagentur dpa veröffentlicht.