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Stand: 14.12.2017

Thüringer Urwaldpfad

Ein Ausflug in den Urwald von Morgen

Reise in die Vergangenheit – so lässt sich eine Wanderung entlang des von WWF und Partnern geplanten Thüringer Urwaldpfades beschreiben. Ca. zwanzig aus der Nutzung genommene Gebiete, sogenannte Urwaldperlen, bilden die künftige Route für den Erlebnispfad. Hier lässt sich erleben, was längst an Bevölkerungswachstum, Wirtschaftsinteressen und Landwirtschaft verloren geglaubt war: das wilde Deutschland.

Naturschutzgebiet Marktal und Morast im Biosphärenreservat Thüringer Wald © WWF/Thomas Stephan
Naturschutzgebiet Marktal und Morast im Biosphärenreservat Thüringer Wald ©  WWF/Thomas Stephan

Was bedeutet eigentlich Wildnis? Wozu brauchen wir Urwälder? Und: Was krabbelt und kriecht da eigentlich unter meinen Füßen? Solche und andere Fragen beantwortet ab Herbst 2018 der Thüringer Urwaldpfad des WWF unter Mitarbeit des Naturkundemuseums in Erfurt. Der Erlebnispfad führt 570 km hufeisenförmig durch Thüringen entlang von zwanzig ausgewählten Urwaldperlen. Urwaldperlen, das sind aus der Nutzung genommene Waldgebiete, sogenannte Prozessschutzflächen, in denen sich die Natur wieder nach ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln darf.

„Natur Natur sein lassen“, was dies für die Entwicklung von Flora und Fauna, aber auch für den Menschen bedeutet, können Wandernde entlang des Thüringer Urwaldpfades erleben: analog wie digital. Neben zahlreichen umweltpädagogischen Erlebnisstationen, an denen der heimischen Natur mit allen Sinnen begegnet werden kann, lässt sich die Bedeutung von Wildnis in Deutschland auch anhand einer App mit vielen interessanten Informationen  erfahren, die die Besucher durch die wilden Regionen Thüringens begleitet. So vermittelt der Thüringer Urwaldpfad interaktiv die Schönheit des Waldes, zeigt auf, wie herausragende Naturschätze des Freistaats erhalten und entwickelt werden können und dient gleichzeitig der touristischen Wertschöpfung der Region. 

Aus Alt wird Neu: Totholz bietet Lebensraum und Nahrungsangebot © Thomas Stephan / WWF
Totholz bietet Lebensraum und Nahrungsangebot © Thomas Stephan / WWF

Ein weiterer Fokus des Urwaldpfades liegt auf den Kleinsten der kleinen Urwaldbewohner: sogenannte Urwaldreliktarten. Diese sehr seltenen, kleinen und kaum sichtbaren Käferarten kommen (fast) ausschließlich in Urwäldern vor. Darüber hinaus erfüllen diese Winzlinge wichtige Funktionen in den Urwäldern. Neben anderen Insekten, Pilzen, Flechten und Moosen, nehmen sie den Großteil holzzersetzender Arten ein. Diese Totholz-Zersetzungsprozesse schaffen wiederum wichtige Nährstoffe für den Waldboden und damit für das gesamte Ökosystem. Die hochspezialisierten Käfer sind damit ein wichtiger Indikator für den positiven Entwicklungszustand des Wildnisgebietes. Umso alarmierender: mangels Urwald finden sich kaum mehr Urwaldreliktarten in den deutschen Wäldern – ganz anders als im Deutschland des Altertums.

Warum Wildnis?

Uralte Buchen- und Eichenwälder, geprägt von ungezähmtem Alt- und Totholz, Lebensraum für eine Vielzahl heimischer Tier- und Pflanzenarten bedeckten vor der großflächigen menschlichen Besiedelung einen Großteil Deutschlands. Mittelalter und beginnende Neuzeit brachten jedoch das Ende der meisten Urwälder. Deutschlands Waldreichtum musste sich beugen vor Siedlungsbau, Äcker und Weiden. Die Nutzung des Holzes für Schiff- und Häuserbau, Holzkohle-Gewinnung und nicht zuletzt als Brennholz setzte dem deutschen Wald bis ins 18. Jahrhundert ferner zu. Mit Blick auf den immer knapper werden Rohstoff wurden die in Thüringen eigentlich heimischen Baumarten durch die gebietsfremden, doch holzwirtschaftlich bedeutenderen Kiefer-, Lärchen- und Fichten in großflächigen Monokulturen ersetzt. Der ursprüngliche Charakter Deutschlands ging damit weitestgehend verloren.

Waldwildnis in Thüringen © Tobias Ernst / WWF
Waldwildnis in Thüringen © Tobias Ernst / WWF

Durch Thüringens großflächige Naturschutzprojekte sollen in Zukunft nun wieder wilde Vergangenheit entstehen: Urwälder von Morgen. Die  Landesregierung des Freistaats hat beschlossen, bis 2020 fünf Prozent der Waldfläche nicht mehr forstwirtschaftlich zu nutzen. Solche Prozessschutzflächen haben eine große ökologische Bedeutung. Hier können die Bäume wieder ein hohes Alter erreichen und auf natürliche Weise absterben.
Der Thüringer Urwaldpfad des WWF in Kooperation mit dem Naturkundemuseum in Erfurt wird die Anstrengungen der Landesregierung unterstützen. Der Öffentlichkeit werden naturschutzfachliche Argumente präsentiert, um Akzeptanz für Wildnis im Allgemeinen und Urwald im Besonderen zu schaffen: Prozessschutz und Wildnis erlaubt verschiedene Waldentwicklungsphasen, von der Aufbau- bis zur Zerfallsphase, schafft damit ein Reichtum an Lebensräumen, fördert die biologische Vielfalt, und verbessert die Regenerationsfähigkeit der Wälder. Nicht zuletzt bieten Urwälder von Morgen eine wichtige Referenzfläche im ökologischen Monitoring im Vergleich zu künstlich geschaffenen Kulturlandschaften. Denn: Ob Klimawandel, Hochwasser oder Orkane – Das wilde Deutschland hält auch für den Menschen wertvolle Anpassungsstrategien bereit.

 

Das Projekt wird über die Förderinitiative Ländliche Entwicklung in Thüringen (FILET), Programm zur Förderung von Maßnahmen zur Entwicklung von Natur und Landschaft (ENL) gefördert. Die Fördermittel werden von der Thüringer Aufbaubank ausgereicht. Hier investieren Europa und der Freistaat Thüringen in die ländlichen Gebiete.

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