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Stand: 16.04.2014

Wisente: Der lange Weg zur Freiheit

Lange war der Wisent in Deutschland ausgestorben. Nun gibt es wieder erste Herden des größten europäischen Landsäugetiers. Es sollen mehr werden. Etwa in Brandenburg.

Vielleicht hat sie von der Freiheit geträumt, die Wisentkuh in der Döberitzer Heide vor den Toren Berlins. Es dürfte ein ziemlich tiefer Schlummer gewesen sein, denn der Betäubungspfeil, der sie traf enthielt ein Narkosemittel, das weit stärker ist als Heroin. Trotzdem erwachte das 350 Kilo schwere Rind nach wenigen Minuten, was an dem Gegengift lag, das Dieter Schad, der betreuende Tierarzt, ihm injizierte. Was vom Drogenrausch bleibt, ist ein gehöriger Kater, ein Bluterguss am Hinterteil und ein 3000 Euro teures Senderhalsband, das den Wisent von nun an begleitet.

Schon bald könnte das zottelige Tier dem Traum von der Freiheit ein Stück näher kommen: Noch lebt die Kuh in einem Eingewöhnungsgehege auf rund 100 Hektar, doch der nächste Schritt in die Wildnis steht bevor. Dann geht es in das benachbarte, fast 2000 Hektar große Gelände, einen ehemaligen Truppenübungsplatz 20 Kilometer westlich von Berlin. Der Wald ist umzäunt, aber die hiesigen 48 Wisente leben gemeinsam mit Wildpferden und Hirschen unter nahezu natürlichen Bedingungen. Sie werden auch im Winter nicht gefüttert, sondern ernähren sich von Knospen, Laub, Rinde und Gras. Die bis zu 1000 Kilo schweren Bullen rangeln sich um die Kühe und versuchen, sich im Spätsommer einen Harem von bis zu acht weiblichen Tieren zu sichern.

Besendern, um über den Wisent zu lernen

Tierarzt Dieter Schad (links) bei der Wisentbesenderung © Jörn Ehlers / WWF
Tierarzt Dieter Schad (links) bei der Wisentbesenderung © Jörn Ehlers / WWF

Die Besenderungsaktion wurde vom WWF im Rahmen des Programms „Wildes Deutschland“ finanziert. Sie ist nötig, um mehr über das Verhalten der letzten europäischen Wildrinder zu erfahren. Zwar wurden im vergangenen Jahr in Deutschland im hessischen Rothaargebirge erstmals Wisente freigelassen. Doch bis sich hierzulande langfristig überlebensfähige Herden etablieren, werden noch Jahrzehnte ins Land gehen. „Wir beteiligen uns an der Suche nach geeigneten Gebieten. Außerdem muss man den Gesundheitszustand der Tiere sehr genau im Auge haben und darauf achten, Inzucht möglichst zu vermeiden“, skizziert Janosch Arnold vom WWF die nächsten Schritte. Die Tatsache, dass überhaupt in Europa wieder rund 4600 Exemplare leben, ist schon ein kleines Wunder.

Früher warten Wisente über ganz Europa verbreitet. Angeblich schmückten ihre Hörner schon die Helme der Germanen. Auch in den darauf folgenden Jahrhunderten waren die Tiere eine beliebte Jagdbeute. Mit der Abholzung der europäischen Wälder begann ihr Niedergang. Im 11. Jahrhundert sah man ein letztes Exemplar in England. Zweihundert Jahre später kam in Frankreich das Aus für die Paarhufer. Weiter östlich konnten sie sich länger halten: 1755 erlegte ein Wilderer den letzten frei lebenden Bison in Ostpreußen. Die übrig gebliebenen Wiederkäuer im polnischen Bialowieza-Urwald fielen nach dem ersten Weltkrieg der hungrigen Bevölkerung zum Opfer.

Rettung für den Wisent

Wisent © David Lawson / WWF-Canon
Wisent © David Lawson / WWF-Canon

Die Rettung für die quasi schon ausgestorbene Art kam einige Jahre später aus Frankfurt. Dort gründete der damalige Zoodirektor Primel, die Internationale Gesellschaft zum Schutz des europäischen Wisents. Zwar gab es keine wild lebenden Tiere mehr, aber einige Exemplare hatten in Zoos und Wildehegen überlebt. Eine erste Bestandsaufnahme der Naturschützer fiel ernüchternd aus. In ganz Europa gab es nur gut 50 Exemplare. Da viele von ihnen aus Krankheits- oder Altergründen nicht mehr für die Zucht in Frage kamen, blieb nur ein Dutzend fortpflanzungsfähiger Tiere übrig. Von ihnen stammen auch die Tiere in der Döberitzer Heide ab.

Herden mit frei lebenden Verwandten gibt es in Polen in Litauen, Weißrussland, Russland, der Ukraine, Kirgisien und seit 2013 auch wieder in Deutschland. Damit ist der europäische Bison zwar nicht mehr akut vom Aussterben bedroht, trotzdem kann der Erhalt der Art nicht als gesichert gelten. Aufgrund unzureichenden Gen-Austausches zeigen sich zunehmend Inzuchterscheinungen. Die Folge ist zum Beispiel die mangelnde Immunität gegenüber Krankheiten. Die Herden sind anfällig für Maul- und Klauenseuche und eine Art Herpes-Erkrankung verurteilt viele Bullen zur Zeugungsunfähigkeit. Es wird also noch eine Weile dauern, bis die die größten Landsäugetiere Europas auch hierzulande wieder endgültig Fuß fassen und ihr Traum von der Freiheit definitiv wahr wird.

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