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„Ein endloses Meer aus Wald“

Interview mit Jean Timmers vom WWF Brasilien über die Bedeutung des Amazonas für sein Land.

Jean-François Timmers © Peter Jelinek / WWF

 

WWF: Herr Timmers, der Amazonasregenwald ist der größte zusammenhängende Regenwald der Erde. Wie muss man sich die Region vorstellen, was ist das Besondere?

Jean Timmers: Wenn man über den Amazonas fliegt, fühlt man sich teilweise, als flöge man über einen endloses Meer aus Wald. Es ist eine sehr kraftvolle Landschaft, so großartig und schön, dass sie einen wirklich überwältigt. In Wirklichkeit ist das aber nicht nur EIN Wald. Es gibt Trockenwälder und Wälder, die zu bestimmten Zeiten im Jahr völlig überschwemmt sind. Es gibt Dickicht mit einer niedrigen, ganz eigenen Vegetation und im Norden sogar Savannen. Eine enorme Vielfalt also und auch Heimat von 30 Millionen Menschen, die in und von den Wäldern leben – und zwar zumeist nachhaltig.

 

 

Was bedeutet der Amazonas für die Menschen in den anderen Teilen Brasiliens?

Die Brasilianer sind sehr stolz auf ihren Teil des Amazonas. Wir haben eine Umfrage darüber gemacht, was die Bevölkerung am meisten mit Stolz erfüllt: 70 Prozent haben geantwortet, es seien der Reichtum und die Schönheit der Natur – weit vor Kultur und Sport! Das hat uns dann doch überrascht.

 

 

Trotzdem steht dem Schutz dieser Region immer noch ihre Ausbeutung gegenüber: Inwieweit spielt der Erhalt der Regenwälder eine Rolle im Bewusstsein der Brasilianer?

Während der gesamten Geschichte Brasiliens war der Amazonas das riesige, wilde und unerschlossene Hinterland, das es zu erobern galt. Dieses Gefühl besteht bei manchen immer noch. Aber heute drängt sich ein neuer Aspekt ins Bewusstsein: Die Region um Sao Paolo – einer der reichsten Teile des Landes und wirtschaftlich extrem wichtig für Brasilien – wird von ernsthaften Dürren geplagt. Die Reaktion der Amazonas-Bewohner: „Oh, ihr braucht Wasser? Wir haben jede Menge davon!“ Tatsächlich hat der Amazonasregenwald einen enormen Wert für den Rest des Landes: Über die Hälfte allen Regens, der über dem gesamten Kontinent niedergeht, entsteht hier.

 

 

„Die Bäume geben mehr Wasser in die Atmosphäre ab, als der riesige Strom Amazonas selbst führt. Wir nennen das den fliegenden Fluss.“

 

 

Wie kann man die Abholzung des Regenwaldes stoppen?

Indem wir mit Wirtschaftlichkeit argumentieren! In einem expandierenden Land wie Brasilien reichen Gesetze nicht aus. Die Abholzung muss nutzlos und überflüssig werden, so dass jenseits aller Verbote der Wald erhalten bleibt, weil er einen Wert hat, weil er Einkommen generiert und weil gerade sein Erhalt die Produktion von Agrargütern fördert. Wir versuchen den Menschen zu Bewusstsein zu bringen, dass die Umwelt kein Hindernis für Brasiliens Entwicklung ist, im Gegenteil. Darüber hinaus brauchen wir aber auch dringend ein weltweites Umdenken bezüglich unseres Konsumverhaltens!

 

Sie sprechen es schon an - unser Konsumverhalten: Wir Menschen in Deutschland können also auch zum Erhalt des brasilianischen Regenwaldes beitragen?

Ja! Brasilien exportiert nicht nur Fleisch und Soja, sondern auch Rohstoffe. So kommt zum Beispiel die Hälfte des gesamten Eisens in Deutschland aus Brasilien. Auch der Bergbau bedroht den Amazonas, und der weltweit wachsende Bedarf nach Konsumgütern erhöht den Druck auf die Wälder. Das alles muss schließlich irgendwo herkommen, und der Amazonas ist eine der wenigen letzten Stellen auf unserer Erde, wo eine Expansion überhaupt noch möglich ist. Wie viel wir wegwerfen, wie oft wir unser Auto oder Handy wechseln – all das hat Auswirkungen auf den Regenwald. Unser Konsumverhalten ändern, bevor es zu spät ist: Das ist die Herausforderung, der sich die Welt in den nächsten Jahrzehnten stellen muss!

 

(Das Interview führte Stephanie Probst)

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Ein Juwel
am Amazonas
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