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„Es gibt noch mindestens 100 Belo Montes in Planung“

Beim Klima- und Naturschutz ist Brasilien ein Schlüsselland. Noch immer stehen dort die größten Regenwälder der Erde, noch werden diese abgeholzt. Jean-François Trimmers, der Public Policy-Chef des WWF Brasilien, über Soja, Wald und warum Wasserkraft für Brasilien auch ein Problem ist.

Jean-François Trimmers © Peter Jelinek / WWF
Jean-François Trimmers © Peter Jelinek / WWF
Jean-François Trimmers © Peter Jelinek / WWF
Jean-François Trimmers © Peter Jelinek / WWF

WWF: Hallo schön, Sie bei uns im Haus begrüßen zu können. Aber eine Frage vorweg: Jean-François ist kein portugiesischer Name, oder?

Jean-François Trimmers: Nein, das ist richtig. Geboren wurde ich in Brüssel und bin Belgier. Ich lebe aber schon seit 1992 in Brasilien. Dort habe ich unter anderem auch für die UNESCO gearbeitet. Seit September 2012 bin ich nun für den WWF in Brasilien tätig – eine sehr spannende Aufgabe.

Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen und weshalb ist sie so spannend?

Brasilien ist eines der Länder auf der Welt mit der größten biologischen Vielfalt. Auf der anderen Seite wächst die Wirtschaft rasant. Es gibt zahlreiche Bodenschätze, viele auch in bislang geschützten Gebieten. Wir rechnen damit, dass es immer wieder Versuche geben wird, die Gesetze zu Ungunsten der indigenen Bevölkerung oder der Natur zu verändern. Umweltschutz wird zunehmend als ein Hindernis für das Wirtschaftswachstum gesehen. Dabei stimmt das einfach nicht. Ein guter Nationalpark schafft mehr Arbeitsplätze als eine gute Eisenmine. Das ist Fakt. Und unsere Arbeit besteht nun darin, Entscheidungsträger davon zu überzeugen.

Sie leiten das Public Policy-Büro, machen also Lobbyarbeit für den Umweltschutz. Weshalb ist Ihre Arbeit so wichtig?

Im Mai 2012 verabschiedete das brasilianische Parlament eine Novellierung des bislang bestehenden Waldgesetzes. Das war für den WWF ein schmerzlicher Tag, weil es offensichtlich wurde, dass jahrelange Arbeit und viel Anstrengung jederzeit wieder zerstört werden können. Das Waldgesetz ist somit zu einem Präzedenzfall geworden. In Brasilien scheint es nun möglich zu sein, die Umweltgesetze aufzuweichen, wenn die wirtschaftlichen Interessen groß genug sind. Viel Widerstand gibt es dabei nicht zu befürchten. Wir als WWF müssen uns darauf besser vorbereiten. Wir müssen in Zukunft mehr antizipieren, mehr vorausahnen, was tatsächlich passieren kann. Und wir müssen jederzeit Alternativen parat haben.

Sie stellen sich gerade bei einigen europäischen WWF-Büros vor. Inwiefern beeinflusst Ihre Arbeit auch die der EU?

Ganz einfach: Alles was in Brasilien passiert, beginnt hier bei euch in der EU. Brasilien gehört zu den Exporteuren von landwirtschaftlichen Produkten. Es gibt in meinem Land indigene Völker, deren Wälder bereits umzingelt sind von riesigen Sojaplantagen. Und die EU wiederum ist der größte Abnehmer von Soja aus Brasilien – noch vor China und den USA. Deshalb bin ich hier – wir müssen im WWF-Netzwerk miteinander sprechen und unsere Positionen abstimmen. Wir müssen alle mit einer Stimme sprechen, sonst hat der Umweltschutz nur wenig Gewicht.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Energiegewinnung in Brasilien – sie nutzen sehr stark die Wasserkraft. Im ersten Moment klingt das wesentlich nachhaltiger als Kohle- oder Atomenergie. Warum ist es das eben doch nicht?

Diese Wasserkraftwerke sind gigantisch und das ist das Problem. Das Belo-Monte-Projekt ist ein abschreckendes Beispiel: Der Rio Xingu hat etwa 90 Prozent seiner Strömung verloren. Aber es gibt noch mindestens 100 Belo Montes in Planung. Für jeden einzelnen Damm werden tausende Arbeiter benötigt, es werden Städte und Straßen gebaut. Und durch solche Großprojekte verliert man immer auch unwiederbringlich biologische Vielfalt.

Sie haben erwähnt, dass Sie Alternativen präsentieren wollen. Welche Alternativen gibt es denn zu den Wasserkraftwerken?

Wir brauchen effizientere Systeme. Weniger ist mehr. Wir haben nichts davon, wenn wir den gesamten Wasserhaushalt des Amazonas‘ auf den Kopf stellen – die Folge davon wären Dürren und Überschwemmungen. Hinzukommt, dass in Brasilien recht oft die Sonne scheint, wie viele Menschen wissen. Auch besitzen wir Regionen mit Windstärken, die unglaublich gut genutzt werden könnten, um Energie zu gewinnen. Studien sprechen von Effizienzen bis zu 60 Prozent. Dahin muss die Richtung gehen. Dafür werden wir uns einsetzen. 

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Ein Juwel
am Amazonas
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