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Das ewige Eis hat zu tauen begonnen

Interview mit Clive Desiré-Tesar, Sprecher des WWF-Arktisprogramms

Kurz vor dem Interview öffnet Clive Desiré-Tesar noch schnell alle Fenster. Kalte frische Novemberluft drängt in das Zimmer des WWF-Büros in Frankfurt. „So wird das Interview über die Arktis noch realistischer“, scherzt der gebürtige Kanadier.

Clive Desiré-Tesar. © Andreas Eistert / WWF
Clive Desiré-Tesar. © Andreas Eistert / WWF

Aufgewachsen im eisigen Nordwesten Kanadas begann Desiré-Tesar seine vielseitige Berufslaufbahn. Er arbeitete schon als Schauspieler, Graphiker, Reporter, Autor und seit zehn Jahren als Kommunikationsberater, vor allem für Organisationen, die den Eingeborenen in der Arktis helfen. Seit August 2008 verstärkt er das Arktis-Team beim WWF.

 

Marcel Gluschak vom WWF sprach mit ihm über die Zukunft der weißen Wildnis:

 

Clive, Du hast schon viele Jahre in der Arktis verbracht. Wie würdest Du die Arktis beschreiben – für jemanden, der noch nie da war?

Desiré-Tesar: Was mich an der Arktis schon immer am meisten beeindruckt hat, und was ich so liebe an diesem Teil der Welt, ist die Grenzenlosigkeit. Keine Zäune weit und breit, keine Einengung, keine Schranken, einfach nichts. Manche können sich das vielleicht nur schwer vorstellen. Aber wenn ich zum Beispiel nach Deutschland komme, fällt mir auf: Alles ist eingeteilt in viele kleine Abschnitte. Die Arktis ist anders. Du schaust Dich um und weißt: Dieses Land gehört niemandem. Pure Wildnis. In die Ferne schauen, meilenweit, und überall nichts als weite Landschaft. Ein absolut einmaliger Ort.

 

Wird das so bleiben? Die Arktis ist ja reich an Rohstoffen.

Desiré-Tesar: Richtig, viele Großkonzerne richten ihren Blick in Richtung Norden. Dank unseres verschwenderischen Lebensstils haben wir die natürlichen Ressourcen in vielen Teilen der Welt schon fast gänzlich verbraucht. Nun soll die Arktis ausgebeutet werden. Eine Folge unseres Ressourcenverbrauchs ist auch die Erderwärmung. Tragischerweise verringert die Erwärmung auch den Schutzwall der Arktis, der früher die Ausbeutung ihrer Ressourcen verhindert hat. Jetzt, wo der arktische Ozean nicht mehr die meiste Zeit des Jahres mit Eis bedeckt ist, können ihn große Schiffe immer besser befahren.

 

Welche Bodenschätze gibt es dort zu finden?

Desiré-Tesar: Dort gibt es große Erdöl- und Gasvorkommen, jede Menge Mineralien, aber auch große Fischgründe. Weil durch den Klimawandel die Ressourcen immer einfacher zugänglich werden, drängen immer mehr Menschen nach Norden. Wir dürfen nicht zulassen, dass daraus ein Goldrausch in der Arktis wird. Die Umwelt dort ist äußert empfindlich. Wenn überhaupt Ressourcen aus der Arktis geholt werden sollen, dann muss das nach strengen Kriterien der Nachhaltigkeit passieren.

Europäische Arktis auf Spitzbergen. © Sindre Kinnerød / WWF
Europäische Arktis auf Spitzbergen. © Sindre Kinnerød / WWF

Der Schutz der Arktis hat also vor allem auch mit Klimaschutz zu tun? 

Desiré-Tesar: Richtig. Was wir erleben, ist ein durch den Menschen verursachter Klimawandel, der wie ein Tsunami über die Arktis hereinbricht. Die Erderwärmung ist wirklich die größte Gefahr – sie verändert alles. Wir sehen diese Veränderung überall. Denjenigen, die an der Klimaforschung zweifeln, sage ich immer: Geht in die Arktis – dort könnt Ihr sehen, was der Klimawandel anrichtet. Folgende Geschichte: Ich habe kürzlich einen Inuk getroffen, in einem kleinen Dorf namens Arctic Bay, einem der nördlichsten Punkte Kanadas. Er gehört zu den Inuit, die seit jeher dort leben. Voller Stolz zeigte er mir ein Foto, für das er einen Preis gewonnen hatte. Was war zu sehen? Eine Wespe. Na toll, dachte ich, er hat eine Wespe fotografiert. Dann aber wurde mir klar: Kein Inuk hat jemals zuvor eine Wespe gesehen. So wie die Wespen gibt es viele Arten, die nach Norden wandern, weil es ihnen anderswo zu warm wird

 

Wieso ist das ein Problem für die Natur?

Desiré-Tesar: Nun, die Natur funktioniert nicht so einfach, dass alles nach Norden ausweichen kann – die rasante Erderwärmung erzeugt Chaos in allen Ökosystemen. Wir empfinden die Kälte in der Arktis vielleicht als lebensfeindlich, doch es gibt einige Arten, die nur unter den arktischen Bedingungen überleben können – die Eisbären, die Walrösser, der Grönlandwal, die Narwale oder die Robben. Ihr Lebensraum, das Eis, verschwindet in alarmierender Geschwindigkeit.

Es gibt einige Arten, die nur unter den arktischen Bedingungen überleben können. © WWF
Es gibt einige Arten, die nur unter den arktischen Bedingungen überleben können. © WWF

Hat die Veränderung der Arktis auch Auswirkungen auf unser Leben hier in Europa?

Desiré-Tesar: Gute Frage. Denn sicher, man könnte ja sagen: Schade um die Tiere, aber es werden nicht viele Menschen davon betroffen sein, und außerdem kenne ich dort niemanden, und das ist alles ganz weit weg – warum also sollte ich mich darum kümmern? Nun, offensichtlich gibt es auch Menschen, die sich aus anderen Beweggründen um diese Welt sorgen. Menschen sorgen sich um den Amazonas, obwohl sie noch nie da waren. Oder um das Herz von Borneo. Oder eben um die Arktis. Es berührt sie, zu wissen, dass dort eine einzigartige Welt existiert – ein Ort, den wir noch nicht ausgebeutet haben. Und die Menschen, denen vor allem ihre eigene Umwelt wichtig ist, sollten nicht weniger besorgt um die Arktis sein. Denn die Arktis bestimmt das globale Klima entscheidend mit – und somit auch das Wetter hier in Deutschland. Die Arktis ist ein globaler Klimaregler.

 

Wie kann man sich das vorstellen – einen globalen Klimaregler?

Desiré-Tesar: Solange die Arktis eine Eiswüste ist, reflektiert sie einen großen Teil der Sonnenenergie, die unseren Planeten aufheizt, wieder zurück ins All. Das grelle Weiß von Schnee und Eis funktioniert quasi wie ein gigantischer Wärme-Spiegel. Auch dieser Effekt macht die Arktis kalt. Und dieser Unterschied zwischen kalter Arktis und warmen Tropen ist der Motor unseres Klimasystems. Was passiert nun, wenn die Arktis wärmer wird und Eis und Schnee schmelzen? Die Arktis kann nicht mehr viel reflektieren, und das Wettersystem wird gestört.

Es gelangen auch zusätzliche Treibhausgase durch die Erwärmung in die Atmosphäre. Was genau geht da vor sich?

Desiré-Tesar: Genau, und das ist das Teuflische an der Sache. Ein sich selbst verstärkender Prozess: Wenn sich die Arktis aufheizt, taut der Permafrostboden immer mehr auf, die vielen dort konservierten Mikroorganismen erwachen quasi aus ihrem ewigen Winterschlaf und beginnen, Methan freizusetzen. Da wird eine gewaltige Menge an Treibhausgas frei. Zudem können die so genannten Methanhydrate schmelzen, die in den Böden der flachen arktischen Meere lagern. Als Treibhausgas wirkt das Methan sogar mehr als 20 mal so intensiv wie CO2!

 

Das klingt alles nicht sehr beruhigend. Können wir die Arktis überhaupt noch schützen?

Desiré-Tesar: Unsere erste Priorität muss sein: Klimaschutz. Der WWF arbeitet daran, dass es ein weltweites Abkommen zur Treibhausgasreduzierung geben wird. Dafür brauchen wir die Unterstützung jedes Einzelnen. Menschen, die nicht glauben, dass es schon zu spät ist.

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