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Stand: 06.09.2013

Grünes Leben für das Herz von Borneo

Mit 22 Millionen Hektar ist das Heart of Borneo das größte verbleibende Waldgebiet der enorm artenreichen Insel. Die drei Länder Indonesien, Malaysia und Brunei Darussalam haben sich darauf verständigt, auf dieser Fläche ein Netzwerk aus geschützten und nachhaltig gemanagten Wäldern zu etablieren. Hier leben auch etwa eine Million Menschen. Der Großteil von ihnen lebt von und mit der Natur.

Regenwald auf Borneo © Christy Williams / WWF-Canon
Regenwald auf Borneo © Christy Williams / WWF-Canon

Im Gespräch erklärt Tom Maddox, Leiter der Heart of Borneo-Initiative, seine Vision eines nachhaltigen Wirtschaftskreislaufes, was Zertifzierungen für die lokale Bevölkerung bedeutet – und wie man einen Tiger fängt.

Tom Maddox, Leiter der Heart of Borneo Initiative © Richard Stonehouse / WWF-Canon
Tom Maddox, Leiter der Heart of Borneo Initiative © Richard Stonehouse / WWF-Canon

WWF: Was ist eigentlich eine Green Economy?

Tom Maddox: Es gibt sehr viele, sehr verschiedene Definitionen davon. Mit diesem Begriff kann vieles bezeichnet werden: Wirtschaftskreisläufe, Grundbesitz oder auch Begrünung. Ich muss gestehen, dass ich nicht so richtig glücklich bin mit diesem Namen. Smart Economy würde ich passender finden. Es geht um Wirtschaftskreisläufe, die schlau sind, die Ressourcen optimal nutzen. Es geht aber auch um die Menschen, die davon profitieren.

Es ist also eine Abkehr von alten Wirtschaftsprinzipien, die auf reinem Wachstum beruhen?

Richtig, und langfristig ist es die einzige Lösung. Das ist allerdings mit einem Paradigmenwechsel verbunden. Das System muss sich ändern. Die Umwelt und biologische Vielfalt müssen bewahrt werden, Verschmutzung und CO2-Emissionen müssen gestoppt werden.

Indonesien beispielsweise gehört zu den Ländern mit einem großen Wirtschaftswachstum, gleichzeitig auch mit einer der höchsten CO2-Emissionen. Dürfen solche Staaten nicht mehr wirtschaftlich wachsen?

Aus westlicher Sicht ist es leicht, zu den Schwellen- und Entwicklungsländern zu sagen, ihr dürft nicht wachsen. Das ist einfach nicht fair, denn natürlich müssen sie wachsen. Die Lebensbedingungen für die Menschen müssen sich verbessern. Es ist natürlich unmöglich, einer Regierung zu sagen, ihr dürft nicht mehr wachsen. Sie sollen sogar wachsen und den Wohlstand vergrößern. Aber sie haben die Chance, aus den Fehlern, die wir in Europa gemacht haben, zu lernen.

Tom Maddox

"Noch Mitte 2012 war ich in einer sehr komfortablen Position mit einem lebenslangen Vertrag an einer englischen Universität", sagt Tom Maddox. Doch dann änderte sich alles ganz schnell: Tom Maddox leitet seitdem die Heart of Borneo-Initiative – "eine der fortschrittlichsten und aufregendsten Umweltinitiativen der Welt", wie er selbst sagt.

Natürlich saß Tom Maddox aber in seinem bisherigen Leben nicht nur in Universitäten am Schreibtisch. Vor über 20 Jahren begann er seine Umweltschutzarbeit mit Orang-Utans im Tanjung Puting National Park auf Borneo. Später kümmerte er sich um Erdmännchen in der Kalahari, Geparden in Tansania, Tiger und Palmöl auf Sumatra und erneuerbarer Energie im Himalaja. Zuletzt beschäftigte er sich mit dem Einfluss der Wirtschaft auf den Umweltschutz – bevor er dahin zurückkehrte, wo einst alles begann.

Mit welchen Argumenten kann man die Menschen überzeugen?

Indonesiens Wachstum stößt schon jetzt an Grenzen. Die Finanzkrise ist auch hier spürbar, die Schulden sind gigantisch. Gleichzeitig verändert sich die Sozialstruktur rasant. Etwa fünf Millionen Menschen leben mit einem Einkommen von unter einem Dollar am Tag. Grünes Wachstum, ohne die vernichtenden Zwischenschritte unserer westlichen Welt zu wiederholen, das ist die Lösung. "Leap frogging" heißt das in der Wirtschaft. Öko-Tourismus könnte einen ganz bedeutenden Stellenwert innerhalb dieser Green Economy einnehmen. Und gerade das Heart of Borneo hat dafür riesiges Potenzial.

Wie weit grün tickt die asiatische Welt?

Es gibt schon eine ganze Menge Staaten, die bereits erfolgreich in eine Green Economy investieren. Südkorea beispielsweise steckt 80 Prozent seiner Investitionen in nachhaltige Ideen und Konzepte. Auch China, oftmals als der Bösewicht dargestellt, ebenfalls etwa 30 Prozent. Das schlechte Image entspricht nicht ganz der Realität. Es passiert sehr viel in China, sehr viel Gutes und Innovatives, aber auch sehr viel Schlechtes. Die Großen machen also schon etwas, vor allem in Asien.

Und Indonesien?

Die Umweltschutzbewegung wird in Indonesien durchaus ernst genommen. Es gibt viele junge Menschen, die sich freiwillig engagieren. So muss sich schließlich auch die Regierung darauf einstellen und sich bewegen. Indonesien hat angekündigt, seine CO2-Emissionen bis 2020 um bis zu 45 Prozent zu senken – ein sehr mutiges und starkes Ziel für ein Entwicklungsland. Es gibt einfach kaum einen vergleichbaren Ort wie Indonesien. Das muss bewahrt werden. Denn schon jetzt gibt es das Indonesien von vor 20 Jahren nicht mehr. Es wurde so viel entwaldet.

Und was bedeutet das für das Heart of Borneo und die Arbeit des WWF?

Es zeigt, dass es möglich ist, die Umwelt zu schützen. Dabei handelt es sich um eine gigantisch große und biologisch unglaublich reichhaltige Fläche. Unsere Vision ist es, hier ein Modell zu kreieren. Eine grüne, nachhaltige Wirtschaft zu installieren. Das beinhaltet, dass jeder einzelne Schritt nach vorn immer auch ein Schritt im Einklang mit der Natur ist.

Mit Konzepten, die Bergbau und den Anbau von Ölpalmen beinhaltet. Beides finden Kritikern alles andere als nachhaltig.

Die Frage beim Palmöl ist: Wie lassen sich negative Auswirkungen weiter verringern? Ich persönlich habe auf einer Plantage gelebt, kann somit aus der Praxis mitsprechen. Ich habe es miterlebt, was passiert, wenn der Wald ringsherum verschwindet. Einfach nur zu sagen, Palmöl ist schlecht, hilft aber niemanden. 

Wir wissen, dass die Standards noch lange nicht perfekt sind.

Sie haben in Cambridge vor allem zu nachhaltiger Wirtschaft geforscht. Welchen Einfluss haben die Zertifizierungsverfahren?

Es heißt immer, die Standards bei FSC für Holz und RSPO für Palmöl seien zu schwach. Aber was sind dann die Alternativen? Wir wissen, dass die Standards noch lange nicht perfekt sind. Aber es sind nun einmal die besten Standards, die es bislang gibt. Wer RSPO ablehnt, der lehnt Zertifizierungen grundsätzlich ab. Damit ist niemandem geholfen. Diese Standards bieten die Möglichkeit, die Unternehmen zu verändern. Sie müssen sich drehen. Sie müssen ihre Qualität verbessern. 

Welchen Einfluss haben dabei die Konsumenten?

Sie spielen eine absolute Schlüsselrolle. Sie müssen darauf achten, dass sie nachhaltig produzierte Waren kaufen. Die Firmen wollen möglichst billig verkaufen. Bei nachhaltiger Produktion werden die Produkte teuer, davon profitieren die Natur und die Menschen vor Ort. Aber sie müssen gekauft werden. 

Eine Frage noch: Es heißt, Sie hätten schon einmal einen Tiger gefangen? Wie geht das?

Wir haben zu Forschungszwecken in Sumatra Tiger mit Radiotransmittern bestückt. Dafür mussten wir sie natürlich fangen. Das ist eine ziemlich schwierige Angelegenheit. Üblicherweise geht das mit großen Holzboxen, sogenannten "Big Box Traps". In Zoos ist es auch üblich, mit gummiüberzogenen Schlingen zu arbeiten. Wenn der Tiger gefangen ist, muss er betäubt werden. Das ist allerdings gar nicht so einfach. Zootiger sind um einiges kleiner als wilde. Da ist es schwer, zu berechnen, wie viel Sedierung benötigt wird. Aber es ist in jedem Fall ein beeindruckendes Gefühl, einem solchen Tier so nahe zu kommen.

Das Gespräch führte Matthias Adler.

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