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„Aus Äckern werden wieder echte Auen“

WWF-Auenwaldexperte Karl Gutzweiler über die Sicherstellung von Flächen in den Dessau-Wörlitzer Elbauen

Der Startschuss ist gefallen: Die Elbauen sollen um eine weitere, 210 Hektar große Fläche bei Vockerode erweitert werden. Durchgeführt wird das Projekt vom WWF und seinen Partnern über einen Zeitraum bis 2018.

Hirschkäfer. © Wild Wonders of Europe / Niall Benvie / WWF
Hirschkäfer. © Wild Wonders of Europe / Niall Benvie / WWF

Warum will der WWF genau in diesem Gebiet die Elbauen erweitern?


Gutzweiler: Im Jahr 2002 gab es an der Elbe ein großes Hochwasser. Damals hatte man den Gatzer Bergdeich in diesem Gebiet lokal gesprengt, um einen anderen Deichabschnitt zu sichern und die Gemeinde Vockerode vor der Überflutung zu retten. Anschließend wurde er wieder geschlossen. Nach einer neunjährigen Vorbereitungsphase inklusive eines umfangreichen Planfeststellungsverfahrens wollen wir nun diese Fläche endgültig wieder an das natürliche Hochwasserregime der Elbe anbinden. Wir wollen sie als natürlichen Speicher für große Wassermassen sichern.

 

Und dadurch hochwertige Lebensräume wie zum Beispiel naturnahe Auenwälder und auch Auewiesen schaffen. Das Gebiet ist bereits Heimat für eine Reihe schützenswerter Arten wie Elbebiber, Fischotter, Wasserfledermaus oder Fischadler.

 

Ehemalige Elbauen wieder in einen natürlichen Zustand zurückführen – wie funktioniert das?

 

Gutzweiler: Unser Partner, der Landesbetrieb für Hochwasserschutz Sachsen-Anhalt (LHW Sachsen-Anhalt) wird den besagten Deich zurückverlegen, so dass die Elbaue künftig 210 Hektar Überflutungsfläche zurückgewinnen wird. Der WWF wiederum wird rund 60 Hektar Ackerland von etwa 50 Grundeigentümern erwerben, damit ein grundlegendes Hindernis für dieses Vorhaben beseitigt werden kann. Aus diesen Äckern werden wieder echte Auen, die ein paar Mal im Jahr unter Wasser stehen können. Künftig sollen sie als Grünland, unter Gesichtspunkten des Naturschutzes, bewirtschaftet werden. Außerdem werden noch bestehende Waldbestände in standorttypische artenreiche Auenwälder umgewandelt. Hierfür konnten wir den Waldbesitzer, die Kulturstiftung DessauWörlitz als Projektpartner für unser Anliegen gewinnen.

Nicht zuletzt ist auch die Biosphärenreservatsverwaltung Mittelelbe zu nennen, die uns mannigfache Unterstützung, nicht nur bei der Gestaltung eines Auenlehrpfades für Besucher, zukommen lässt.

Was genau tut der WWF, damit aus ehemaligen Äckern Auewiesen werden und Waldbestände naturnäher werden?

Gutzweiler: Wir entnehmen von hochwertigen Auewiesen in der näheren Umgebung Heu, das wir auf diese Ackerflächen ausbringen. So bringen wir den notwendigen Wildpflanzensamen dorthin. Bei den Waldbeständen wollen wir zum Beispiel verhindern, dass invasive Baumarten, wie die amerikanische Rotesche, überhand nehmen. Wir möchten dagegen mit unserem Partner Kulturstiftung DessauWörlitz, die Eigentümer der Waldflächen ist, heimische, ökologisch wertvolle und teilweise seltene Baumarten anpflanzen.

Gefährdet die künftige Überflutung dieser Flächen irgendwelche Gemeinden?

Gutzweiler:
Im Gegenteil. Wir bekommen durch unsere Maßnahmen eine wesentlich höhere Sicherheit gegenüber Hochwasser für die Gemeinde Vockerode. Diese Sicherheit ist momentan nämlich nicht im gewünschten Umfang gegeben. Denn der alte Gatzer Bergdeich entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen.

Sind auch größere Grabungsarbeiten geplant?

Gutzweiler: Ja, wir planen zum Beispiel spezielle Maßnahmen wie die bereichsweise Wiederherstellung eines Seitenarms der Elbe. Dieser ist bereits verlandet. Wir wollen ihn nun an einigen Stellen vertiefen und so Feuchtbiotope schaffen, die ganzjährig Wasser führen.

Welchen Arten nützen Eure Maßnahmen denn besonders?

Gutzweiler: Von unserer Arbeit werden bestimmt der Fischadler, der Milan und der Seeadler profitieren, aber auch seltene Lurche wie der Kammmolch.

Ein weiteres Feuchtbiotop soll künftig der bedrohten Rotbauchunke Heimat bieten und zugleich hoffentlich bald Kraniche zum Brüten anlocken.

 

Kann ich die „neuen“ Auen und ihre tierischen Bewohner ab 2018 auch als Besucher in Augenschein nehmen?

 

Gutzweiler: Ja, unsere Arbeit soll ja Bevölkerung und Besuchern nützen und sie einbeziehen. Das ist auch das wesentliche Interesse der Europäischen Union, die im Rahmen eines LIFE+Projektes unser Vorhaben zur Hälfte finanziert. Einer unserer Partner, die Verwaltung des Biosphärenreservats Mittelelbe, wird zum Beispiel einen Auenlehrpfad errichten, dort unsere Maßnahmen erklären und zugleich das Gebiet zugänglich und erlebbar machen.

Unabhängig davon können sich Interessierte über den Projektfortschritt auf dem Laufenden halten. Das Projekt wird fortlaufend auf dieser Internetseite dargestellt sein und diese Seite wird kontinuierlich aktualisiert werden. Wir werden uns auch bemühen, durch aktuelle Bilder aus dem Projektgebiet das Interesse des Besuchers dieser Seite zu wecken.

 

Wer zahlt noch für das Projekt?

 

Gutzweiler: Die Hälfte der Gesamtkosten von rund 2,2 Millionen Euro übernimmt die EU im Rahmen des EU LIFE+ Nature Programmes. Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW) unterstützt uns mit 250.000 Euro und finanziert außerdem die Dammrückverlegung mit 2,6 Millionen Euro. Die Biosphärenreservatsverwaltung beteiligt sich mit 40.000 Euro. Rund 800.000 Euro bezahlt der WWF. Gut angelegtes Geld für ein großes Naturschutzprojekt im Herzen Deutschlands.

 

Darüber hinaus wird der Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW) die technische Planung und Umsetzung der Deichrückverlegung durchführen. Hierzu wird das Land Sachsen-Anhalt einen Betrag von 2,5 Millionen Euro zur Herstellung der Hochwassersicherheit der Gemeinde Vockerode investieren.

 

Die Fragen stellte Donné Norbert Beyer

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