WWF Deutschland

http://www.wwf.de/


Content Section

Stand: 13.06.2016

Urzeit-Krebse - Lebende Fossilien als Frühlingsboten

Die Aue erwacht im Naturschutzgroßprojekt Mittlere Elbe bei Dessau

Nicht nur Krokus, Storch und Igel zeugen vom Frühling im Gebiet des Naturschutzgroßprojektes Mittlere Elbe bei Dessau. Auch die ganz kleinen und urtümlichen Bewohner der Natur werden langsam aktiv.

Wer Glück und eine Menge Geduld mitbringt und zusätzlich noch ein Auge dafür hat, findet in kleineren Gewässern in der Umgebung von Flüssen eine wahre Seltenheit - die Urzeitkrebse. Diese ursprünglichen Gewässerbewohner sind nicht nur in Aquarien zu finden, auch in den Auen großer Flüsse, wie der Elbe, lassen sie sich im Frühjahr beobachten. Den Mitarbeitern des WWF-Projektbüros Mittlere Elbe gelang es, diese ganz besonderen Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu filmen.

Angepasste Überlebenskünstler

Als „Urzeitkrebse“ werden die Tiere bezeichnet, weil sie sogenannte lebende Fossilien sind, deren Wurzeln bis in das Kambrium vor ca. 500 Millionen Jahren zurückgehen. Sie haben ihren Körperbau und ihre Erscheinungsform über Jahrmillionen kaum geändert und sich an das Überleben unter Extrembedingungen angepasst.

Die urtümlich aussehenden Tierchen gehören zu den Krebstieren (Crustacea). Sie kommen bei uns in sogenannten Temporärgewässern vor, das sind Tümpel und Flutmulden meist im Überschwemmungsgebiet von größeren Flüssen. Diese Gewässer führen nicht ganzjährig Wasser, sondern meist nur im Frühjahr oder nach einem Hochwasser. Im Sommer trocknen sie oft monatelang vollständig aus. Kein einfaches Umfeld für Wasserbewohner.

Die „Urzeitkrebse“ haben sich perfekt an diesen Lebensraum angepasst. Sie hinterlassen nach der Fortpflanzung am Ende ihres oft nur einige Wochen dauernden Lebens Überdauerungseier, sogenannte Zysten. In diesen kann die nächste Generation viele Jahre ohne Nahrung und sogar ohne Wasser auch bei extremen Temperaturen überleben und durch Wind, Wasser oder andere Tiere verbreitet werden. Führt das Gewässer dann wieder Wasser, schlüpfen die Nachkommen innerhalb kurzer Zeit und gründen eine neue Generation. Wichtig für ihren Lebensraum ist, dass möglichst wenige Fressfeinde, vor allem Fische, das Gewässer besiedeln. Deshalb kommen die Urzeitkrebse meist in Temporärgewässern vor, da hier nur wenige Fressfeinde überleben können.

Frühjahrskiemenfuß (Eubranchipus grubii) © WWF
Frühjahrskiemenfuß (Eubranchipus grubii) © WWF

Die Mitarbeiter des WWF konnten vor kurzem in einer Flutmulde in der Elbaue bei Dessau einige Vertreter des Frühjahrskiemenfuß (Eubranchipus grubii) beobachten. Diese Art besitzt elf Paare von sogenannten Blattfüßen. Diese dienen nicht nur der Fortbewegung (siehe Video), sondern auch der Atmung und Nahrungsaufnahme. Die Tiere schlüpfen teilweise sogar schon im Februar aus ihren Eiern und brauchen lediglich zwei Wochen bis sie geschlechtsreif sind. Sie schwimmen mit ihrer Bauchseite nach oben und filtern mit ihren Füßen das Wasser um Nahrung und Sauerstoff zu gewinnen. Wenn die Temperaturen zum Sommer hin zu warm werden und die Gewässer wieder austrocknen, sterben die Tiere und die Art überdauert bis im nächsten Jahr hoffentlich wieder günstige Bedingungen herrschen.

Keine Einzelgänger

Übrigens gibt es neben dem Frühjahrskiemenfuß noch andere Arten von „Urzeitkrebsen“. Sein häufiger Nachbar, der Schuppenschwanz (Lepidurus apus), kommt in der Regel gleichzeitig mit ihm und an ähnlichen Orten vor. Außerdem gibt es noch den selteneren Feenkrebs (Tanymastix stagnalis), der oft mit dem Frühjahrskiemenfuß verwechselt wird. Er kommt aber, wie auch Triops cancriformes (der wohl bekannteste Urzeitkrebs) und Branchipus schaefferie (Sommer-Feenkrebs), nur bei höheren Temperaturen, also meistens eher im Sommer, bei uns vor. Und dann gibt es noch den Salinenkrebs Artemia salina, der als Fischfutter in Zoohandlungen zu kaufen ist und in der Natur im Salzwasser vorkommt.

Ungewisse Zukunft

Da man den Frühjahrskiemenfuß und seine verwandten Arten nicht jedes Jahr und oft nur kurze Zeit zu Gesicht bekommt, ist unklar wie häufig „Urzeitkrebse“ tatsächlich in Deutschland vorkommen und wie sich ihr Bestand entwickelt. Fest steht nur, dass ihr Lebensraum, wie der vieler anderer Arten, bedroht ist. Besonderes durch das Absenken des Grundwasserspiegels in der Aue und intensive landwirtschaftliche Bewirtschaftung muss auch diese Art in Deutschland um ihre Zukunft kämpfen. Was aus einigen der stammesgeschichtlich ältesten, heute noch lebenden Tierarten wird, ist also noch ungewiss.

Der WWF Deutschland engagiert sich seit dem Jahr 2001 im „Naturschutzgroßprojekt Mittlere Elbe“ für den Schutz der Auen als Lebensraum ihrer großen und kleinen Bewohner.

Florian Kaduk (WWF-Praktikant), Sven Guttmann (WWF-Referent Mittlere Elbe)

  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • drucken
   
Unterstützen Sie
den WWF
Unterstützen Sie
den WWF