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Interview zu den Hintergründen und Ergebnissen der Studie zur Hafenkooperation

Wir wollen die festgefahrene Diskussion wieder beleben.

Könnte durch eine Zusammenarbeit der Häfen in Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven auf weitere Vertiefungen von Elbe und Weser verzichtet werden – ohne den Hafenstandort Deutschland zu schwächen? Im Interview erklärt Beatrice Claus, Referentin für Wattenmeer und Ästuarschutz beim WWF Deutschland, die Hintergründe der Studie zur Hafenkooperation sowie deren wichtigste Ergebnisse.

WWF: Beatrice Claus, warum hat der WWF die Studie „Szenario für eine Seehafenkooperation im Bereich des Containerverkehrs“ in Auftrag gegeben?

Beatrice Claus, WWF-Referentin für Wattenmeer und Ästuarschutz © Arndt Rathjen
Beatrice Claus, WWF-Referentin für Wattenmeer und Ästuarschutz © Arndt Rathjen

Beatrice Claus: Die Mündungen von Elbe und Weser sollen zur Stärkung der Hafenstandorte in Hamburg und Bremerhaven für die weltgrößten Containerschiffe ausgebaut, sprich vertieft werden. Im September 2012 wurde jedoch mit dem JadeWeserPort in Wilhelmshaven bereits ein neuer Tiefwasserhafen in Betrieb genommen. Im Ergebnis konkurrieren die drei Hafenstandorte damit um dieselben Containerschiffe – auf Kosten der Natur. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist der Schutz des Wattenmeers und der Flussmündungen. Dafür setzen wir uns auch in diesem Fall ein. Außerdem darf nicht vergessen werden: Die Vertiefungen verstoßen gegen europäische Richtlinien. Der WWF will den Konflikt aber nicht weiter verschärfen, sondern setzt sich für eine lösungsorientierte Herangehensweise ein. Die Studie liefert einen Alternativvorschlag, den wir in die festgefahrene Diskussion einbringen wollen.

Was würden weitere Vertiefungen für die Natur bedeuten?

Die ökologische Belastbarkeit der Elbe ist schon heute überschritten. Weitere Vertiefungen würden die bereits bestehenden negativen Veränderungen für Natur und Umwelt fortsetzen und die Flussökosysteme „zum Kippen“ bringen. Dann nehmen in Elbe und Weser die Strömungsgeschwindigkeiten, die Verschlickung der Seitenbereiche und Nebenarme sowie die Sauerstoffprobleme zu und ökologisch wertvolle Lebensräume wie Flachwasserzonen nehmen ab. Salzwasser dringt weiter in die Flüsse ein und zerstört dadurch seltene von Ebbe und Flut beeinflusste Süßwasserbereiche. Darüber hinaus verschlechtern sich die Bedingungen für gefährdete und teilweise extrem bedrohte Lebensräume und Arten wie etwa den Schierlingswasserfenchel und Tideauwald weiter.

Was sind die wichtigen Ergebnisse der Studie?

Die wichtigste Aussage der Studie ist: Es gibt eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Alternative zur riskanten Elbvertiefung! Nach dem Szenario der Studie soll unter anderem der JadeWeserPort, kurz JWP, konsequent als Transshipmenthafen profiliert werden, also als Umschlagplatz von großen auf kleinere Frachtschiffe. Die Kosten- und Zeitanalysen verdeutlichen, dass dies für die Reedereien ökonomisch attraktiv ist und daher die Hafenanlaufreihenfolge der großen Containerschiffe aus Asien zugunsten der Seehäfen in Deutschland verändern kann. Zwar würden Hamburg und Bremerhaven das Transshipmentsegment verlieren. Doch aktuelle Prognosen gehen innerhalb der nächsten zwölf Jahre von einem deutlich steigenden Containerumschlag in Deutschland aus. So würden die beiden Häfen zwar langsamer wachsen, aber keine Verluste verzeichnen.

Hamburg und Bremerhaven wären also trotz Verzicht aufs Transshipment weiterhin wirtschaftlich?

Sie würden infolge der Kooperation sogar gestärkt. Wird der JWP als Hafen für den schnellen Transport von Transshipmentgütern nach Osteuropa und Großbritannien etabliert, wird es für die Reedereien attraktiv, einen deutschen Hafen als ersten Löschhafen in Europa zu wählen. So erreichen die Güter schneller den Empfänger. Dies gilt auch für die Importcontainer für Hamburg und Bremerhaven mit ihren Hinterlandregionen. Die Hafenstandorte werden so im Wettbewerb mit Rotterdam und die Bindung der Liniendienste der großen Reedereien an Deutschland gestärkt. Zusätzlich können Hamburg und Bremerhaven durch die Zusammenarbeit mit dem Tiefwasserhafen JWP den zukünftigen Tiefgangsrestriktionen für die weltgrößten Containerschiffe begegnen sowie quantitatives durch qualitatives Wachstum ersetzen. Denn: Durch die Abgabe des Transshipments werden Flächen frei. Hamburg und Bremerhaven können sich auf Container konzentrieren, mit denen sie eine größere Wertschöpfung erzielen können. Etwa jene, die mit Dienstleistungen im Distributionsbereich verbunden sind.

Hamburg würde seine Position als international bedeutender Containerhafen also nicht verlieren?

Nein.Allein aus ökonomischen Gründen werden die großen Containerschiffe Hamburg auch ohne eine weitere Vertiefung der Elbe anfahren. Ein Vergleich der Kosten zwischen dem Anlauf von Hamburg mit einem großen Containerschiff, welches die Importcontainer für Hamburg nach einem Halt in Rotterdam direkt nach Hamburg bringt und einem Feeder-Shuttle zwischen Rotterdam und Hamburg zeigt, dass die Kosten für die Anfahrt von Hamburg mit dem großen aus Asien kommenden Containerschiff wesentlich geringer sind.

Wieso diskutiert der WWF als Naturschutzorganisation über ein ökonomisches Konzept für die Hafenbetreiber?

Bei diesem Thema sind ökologische und ökonomische Interessen identisch. Dies erhöht die Chancen für eine ökologisch verträgliche Lösung enorm. Die derzeitige Konkurrenz der Bundesländer Hamburg, Bremen und Niedersachsen um dieselben Containerschiffe führt zu Doppel- und Dreifachinvestitionen in die deutschen Hafenstandorte. Diese lassen sich aus nationaler Sicht ökonomisch nicht rechtfertigen und zerstören gleichzeitig in großem Umfang Natur. Ein ökonomisch sinnvolles Konzept zur Stärkung des Hafenstandortes Deutschland würde daher unnötige Kosten vermeiden und gleichzeitig die biologischen Ressourcen für zukünftige Generationen schützen.

Was erhoffen Sie sich von der Studie für die laufende Klage von BUND, NABU und WWF gegen die Elbvertiefung?

Die geplante Elbvertiefung führt zu einer erheblichen Schädigung europäischer Naturschutzgebiete und dürfte demnach nicht genehmigt werden. Es kann nur dann eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden, wenn keine zumutbaren Alternativen für den Antragsteller des Verfahrens vorliegen und das Vorhaben naturschutzfachlich so ausgeglichen werden kann, dass die geschützten Lebensräume, Prozesse, Tiere und Pflanzen auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben. Gemeinsam mit BUND und NABU setzten wir uns für den Schutz der Natur an der Tideelbe ein. Die vorliegende Studie zeigt, dass es eine wirtschaftliche und damit zumutbare Alternative zur Elbvertiefung gibt.

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