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Stand: 12.02.2015

Namibia: Für die Khwe, für die Natur, für die Welt

Wie jagt man ein Tier - zu Fuß, ganz ohne Falle oder Waffe? Welche Wüsten-Pflanze hat welche Eigenschaft? Und was hat das Wissen der Naturvölker mit Naturschutz zu tun? Eine ganze Menge, meint Fidi Alberts. Er arbeitet seit Jahren mit dem Stamm der Khwe in Namibia. 

Spurenleser vom Stamm der Khwe © Claudia Marloh / WWF
Spurenleser vom Stamm der Khwe © Claudia Marloh / WWF

Menschen wissen, wohin sie gehören und wo sie herkommen. Wenn man aus Berlin kommt, kennt man sich in Berlin aus. Einheimische kennen sich aus in ihrer Welt, in Stadt, Wald, Wüste oder Schnee. Das wurde im Naturschutz oft zu wenig beachtet, im Gegenteil. Weltweit wurden Einheimische aus Schutzgebieten herausgedrängt. Indigene haben dadurch viel verloren: Ihre Wurzeln, ihre Herkunft, ihre Identität, oft auch ihren Stolz – und die Welt verlor ihr Wissen. So war das auch in Namibia. Der soziale Faktor, der Faktor Mensch fehlte oft im Naturschutz. Heute erkennt man das mehr und mehr. Und wir ändern daran jetzt etwas. Wir denken Naturschutz mit den Menschen.

Ich bin Namibier mit deutschen Vorfahren. Wenn man hier aufwächst, ist Naturschutz Teil der Erziehung. Ich arbeite für die namibische NGO Integrated Rural Development and Nature Conservation IRDNC im Bwabwata-Nationalpark in der Nordostecke Namibias. Das ist kein normaler Park mit Zaun, sondern ein Teil des weltgrößten Schutzgebietsnetzwerks KAZA.

Leben vom uralten Wissen

Fidi Alberts © Claudia Marloh / WWF
Fidi Alberts © Claudia Marloh / WWF

Wir arbeiten mit folgendem Ansatz: Die Menschen, die mit wilden Tieren leben, müssen auch von ihnen leben können. Nicht der Staat Namibia, nicht der Inhaber einer Safari-Lodge sollen profitieren, sondern die Menschen. Aber wie kann man aber den 6000 Khwes, die im Bwabwata leben, Überlebensmöglichkeiten geben? Unser Antwort: Durch ihr uraltes Wissens.

Die Khwes siedeln hier seit Urzeiten als Jäger und Sammler. Sie sind Teil der San, die früher auch als Buschmänner bezeichnet wurden. Das moderne Leben hat auch vor den Khwe nicht Halt gemacht. Die Jungen gehen in die Schule, lernen Berufe und gehen weg aus dem Park. Sie können zwar jetzt Englisch und wissen, wie man mit einem Smartphone umgeht, doch Khwe drohen sich selbst zu verlieren, wenn das traditionelle Wissen der alten Jäger nicht mehr gefragt ist.

Älteste Jagdtechnik der Welt

Dabei haben die Khwe ein Naturwissen wie kaum ein anderes Volk. In ihrer Welt kennen sie alles, jedes Tier, jedes Blatt, jede Spur im Sand. Sie beherrschen noch immer die wahrscheinlich älteste Jagdtechnik überhaupt: die Ausdauerjagd. Sie beginnt in der Mittagshitze, wenn Jäger ihre Beute entdecken, nur anhand einer Spur. Sie laufen entlang dieser Spur über mehrere Stunden, immer weiter. Das Tier kann den Abstand immer wieder vergrößern, die Verfolger aber nie abschütteln. Nach ein paar Stunden weiß der Jäger: Das Tier ist müde. Er läuft einen Bogen und treibt die Beute in Richtung Lager, damit er später nicht das Fleisch zu weit tragen muss. Wenn das Tier dann zu erschöpft ist, um weiterzulaufen, bleibt es stehen. Es kann nicht mehr fliehen und wird dann von den Jägern mit dem Speer erlegt.

Die eigentliche Waffe der Khwe ist aber das Wissen. Wir möchten, dass es erhalten bleibt. Unsere Idee war: In einer „Buschmann-Akademie“ geben die alten Khwe ihre jahrtausendealte Traditionen weiter und sichern ihren Familien Einkommen.

Wenn die Jungen staunen

Junge Khwe lernen Spuren lesen © Claudia Marloh / WWF
Junge Khwe lernen Spuren lesen © Claudia Marloh / WWF

Wir gehen dazu mit alten Jägern und jungen Khwe ein paar Tage in den Busch. Es ist hochinteressant zu sehen, was dort passiert: Die Jungen werden nach einer Weile ganz still, wenn sie merken, was die Alten alles draufhaben. Und sie werden neugierig: Warum ist diese Pflanze wichtig, warum ist dieser Vogel wertvoll, was bedeutet dies, was bedeutet das. Es entsteht ein neues Zusammen der Generationen.

Wir machen das jetzt seit sechs Jahren. Wer nachweisen kann, viel zu wissen, bekommt von uns ein Zertifikat und dadurch bessere Arbeitsmöglichkeiten als Ranger, als ökologischer Beobachter für die Wissenschaft und eben vor allem im Tourismus.

Erlebnis statt Gin Tonic

Wir wollen die Buschmann-Akademie an neuen, nachhaltigen Tourismus koppeln. Ich mache hier im Bwabwata mit den Khwe reiche Erfahrung mit reichen Leuten in einem reichen Park – das würde ich gerne weitergeben. Wir wollen keine Gin Tonic-Safaris anbieten, hier kann man zusammen mit den Khwe viel mehr hören, sehen, erfahren, als woanders. Die Zeit dafür ist reif: Die Gäste fragen ganz andere Fragen als früher. Wie geht es dem Menschen, wie lebt er, wie überlebt er im Park? Wir schicken die Gäste dann etwa zu Fuß mit dem Jäger in den Busch, Spuren lesen. Oder mit der alten Frau, wenn sie Medizinpflanzen sammelt. Das sind tolle Begegnungen. Der Gast nimmt etwas Bereicherndes mit: eine Erfahrung!

Mit der Buschmann-Akademie bewahren wir das uralte Wissen der Khwe, stärken den sozialen Zusammenhalt. Und letztlich verdienen die Khwe-Gemeinden damit Geld. Die Natur profitiert, weil die Khwe sie als Lebensgrundlage schützen. Zukünftig soll es Kurse in der Buschmann-Akademie für alle geben, die etwas über Natur lernen wollen: auch für Touristen, Geschäftsleute und Wildtier-Ranger. Bisher waren wir mit der Akademie ausschließlich mobil unterwegs: Jetzt brauchen wir eine Schule. Nichts mit Klimaanlage oder so etwas. Einfach nur einen Ort mit einem Dach über dem Kopf. Dafür brauchen wir Geld.

Wir arbeiten mit unserem Projekt eng mit dem WWF und verschiedenen Anbietern von nachhaltigem Tourismus zusammen, um die Akademie und touristische Produkte weiterzuentwickeln. Die ersten Schritte sind gemacht. Wir freuen uns über weitere Unterstützung – und über alle Menschen, die mit offenem Geist kommen und sagen: Wir wollen lernen. Das unterstützt uns - und die Khwe.


Fidi Alberts

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