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Stand: 14.08.2014

Moderner Naturschutz im Kongo - Interview mit Johannes Kirchgatter

„Wenn man jetzt Hunger hat, interessiert einen nicht, was morgen ist.“

Johannes Kirchgatter, WWF-Afrika-Experte und verantwortlich für das Projekt „Ngiri Schutzgebiet“, war gerade vier Wochen vor Ort. 

wwf.de: Wie kann ein Medizinboot der Umwelt helfen?

Johannes Kirchgatter, WWF Afrika-Referent © Percy Vogel / WWF
Johannes Kirchgatter, WWF Afrika-Referent © Percy Vogel / WWF

Johannes Kirchgatter: Das Medizinboot ist unser Türöffner und die Grundlage, um überhaupt mit den Menschen zusammen arbeiten zu können. Wenn man in ein Dorf kommt, in dem die Menschen reihenweise an Malaria und anderen eigentlich gut behandelbaren Krankheiten sterben, braucht man nicht über nachhaltigen Fischfang reden, das wäre ja absurd. Das Thema Umweltschutz hat erst eine Chance, wenn die Grundbedürfnisse der Menschen wenigstens ansatzweise erfüllt sind. Wir sprechen hier von wirklich entlegenen Dörfern, die nächste Klinik ist da oft 300 Kilometer entfernt. Es gibt keine Ärzte, praktisch keinerlei Gesundheitsversorgung – dafür aber viele tropische und andere Krankheiten. Deshalb schafft nichts mehr Akzeptanz, Kooperationswillen und Vertrauen, als wenn man erstmal mit der medizinischen Versorgung ankommt.

Das Ngiri-Dreieck ist geprägt von riesigen Sumpfwäldern. Wie geht es der Natur hier?

Ein Regenwald macht eigentlich fast zu allen Tages- und Nachtzeiten ungeheuer viele Geräusche. Doch in weiten Teilen dieser Wälder ist es inzwischen totenstill. Das ist regelrecht gespenstisch, wenn man vor sich einen ansonsten intakten Wald sieht, der eigentlich vor Leben überquellen müsste. Wir sprechen hier vom „Empty Forest Syndrom“ – von einem Wald, der komplett leer geräumt ist. Die verschiedenen Arten vom Affen bis zur Waldantilope wurden buchstäblich bis zum letzten Tier gejagt – und bis zu immer kleineren Lebewesen. Bis hin zu kleinen Vögeln, die mit Klebefallen gefangen werden. Das ist natürlich verheerend für das Ökosystem.

Den Flüssen geht es nicht besser als dem Wald. Warum tun die Menschen der Natur so etwas an?

Die Bevölkerung in der Ngiri-Region hängt zu einhundert Prozent von den Ressourcen aus den Ökosystemen ab. Heute noch viel mehr als vor 20 Jahren, da durch den Bürgerkrieg ganz viel zerstört wurde. Es gibt kaum noch Straßen, kaum noch Wegenetze, Landwirtschaft und Handel liegen am Boden. Und dabei handelt es sich hier um eine der am schnellsten wachsenden Bevölkerungen weltweit. Jede Frau bekommt durchschnittlich über sieben Kinder. Alle 16 Jahre verdoppelt sich die Bevölkerung. Und alle leben von der Natur, das kann natürlich auf Dauer nicht gut gehen.

Was kann der WWF dagegen tun?

In der Kernzone des Ngiri-Schutzgebietes ist jegliche Jagd verboten und das wird auch sehr streng kontrolliert. Rund um die Dörfer am Rande des Schutzgebietes dürfen die Einheimischen noch jagen – aber nur mit  naturverträglichen Methoden und nur bestimmte Mengen und Tierarten. Die Regeln entwickeln und vereinbaren wir mit der Dorfbevölkerung gemeinsam. Das funktioniert ziemlich gut, weil die Menschen merken, dass sie etwas davon haben: Die Tierbestände erholen sich und die Menschen können sich dauerhaft ihre Lebensgrundlage bewahren. Es kann ja durchaus gejagt werden, aber es muss eben nachhaltig passieren.

Der WWF hat auch zahlreiche Maniok- und Palmöl-Mühlen in die Region gebracht, was hat es damit auf sich?

Palmöl © James Morgan / WWF International
Palmöl © James Morgan / WWF International

Diese Mühlen leisten viel zum Schutz der Natur in der Region: Maniok und Palmöl aus kleinbäuerlicher Produktion sind hier gleichzeitig Grundnahrungsmittel und Handelsgut, können also auch eine Einkommensquelle und Alternative zum Fleischverkauf sein. Mit diesen Mühlen gewonnenes Maniokmehl und Palmöl haben eine viel höhere Qualität und können deshalb höhere Preise erzielen. Außerdem geht viel weniger verloren als beim Stampfen der Pflanzen. Das hilft wiederum dem Wald. Denn je mehr ich aus einem Feld oder Palmenhain heraushole, desto weniger Anbaufläche brauche ich und desto weniger Wald muss ich kahl schlagen. Wir versuchen, mit verschiedensten Methoden und Techniken die Erträge auf den bestehenden Feldern zu erhöhen, damit der Druck auf den Wald nachlässt. Zum Beispiel verteilen wir auch weniger anfällige Maniok-Sorten, die den Ertrag pro Hektar verdoppeln können!

Sie arbeiten seit fünf Jahren in der Region, zeigen sich schon Erfolge?

Ja, sehr viele! In den Gewässern der 70 Dörfer, mit denen wir arbeiten, fischt zum Beispiel jetzt niemand mehr mit Moskitonetzen: Als wir angefangen haben mit dem Projekt, waren die Fischbestände schon total zusammen gebrochen. Die Fischerei ist eine wichtige Nahrungsgrundlage, wichtig vor allem für die Eiweißversorgung. Aber ab einer bestimmten Bevölkerungsdichte funktioniert das eben nicht mehr. Um auch noch den letzten Fisch und auch noch die kleinsten Fische zu bekommen, haben die Menschen mit immer engeren Netzen gefischt. Sie wussten selbst, dass sie damit den Fischbestand kaputt machen. Aber wenn man jetzt Hunger hat, interessiert einen nicht, was morgen ist. Der Teufelskreis lässt sich erst durchbrechen, wenn es Alternativen gibt, Akzeptanz und Verständnis für Regeln - und Unterstützung, um die Regeln auch für alle durchzusetzen. Das fängt jetzt an zu funktionieren!

Wie konnten Sie diese Trendwende - zum Beispiel in der Fischerei - erreichen?

Medizinische Hilfe vor Ort © Matthias Dehling
Medizinische Hilfe vor Ort © Matthias Dehling

Wir haben in jedem Dorf ein Umweltkomitee gegründet und überlegt, welche Maßnahmen wirken könnten. Die Menschen haben ja ein Problembewusstsein, sie sehen ja, dass sie immer weniger fangen. Da darf und braucht man nicht mit Regeln von außen kommen, das kann man nur gemeinsam überlegen und umsetzen. Erster Beschluss war ein Bann der Moskitonetze in den 70 Dörfern, mit denen wir zusammen arbeiten. Wir haben bei der Kontrolle und der Beschlagnahmung geholfen und wurden schließlich sogar gebeten, noch mehr Ranger zu schicken, die mit der Bevölkerung noch weitere solcher Regeln durchsetzen. Das ist genau, was wir wollen: Wenn man es nicht schafft, die Bevölkerung zu überzeugen, kann Umweltschutz auf Dauer nicht funktionieren.

Damit sind wir auch wieder beim Medizinboot als Türöffner: Funktioniert das wirklich?

Ja, das merkt man ganz deutlich. Ich war vor zwei Jahren in Dörfern, bevor das Medizinboot dort gewesen ist: Wir wurden sehr kritisch und ablehnend empfangen. Die Menschen waren in Sorge, dass ihnen etwas weggenommen werden soll. Dort, wo das Medizinboot jetzt regelmäßig anlegt, herrscht eine ganz andere, viel offenere Stimmung und die Menschen akzeptieren uns auch dann noch, wenn es an kritischere Themen geht – einfach, weil sie sich ernst genommen fühlen.

Das Interview führte Stephanie Probst

   
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