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Laos: Der Staudamm, die Hoffnungen und die Folgen

Seit vielen Jahren kämpft der WWF gegen den Bau von Staudämmen am Unterlauf des Mekong – die sozialen Folgen sind immens, die ökologischen eine Katastrophe. Jetzt haben die Bauarbeiten begonnen. Wie gut die Propaganda der kommunistischen Partei funktioniert und wie wenig die Menschen über die ökologischen Auswirkungen wissen, zeigt unsere Reportage aus einem Dorf an der Dammbaustelle.

Familie Kampong aus Ban Heukok Gani am Mekong © WWF
Familie Kampong aus Ban Heukok Gani am Mekong © WWF

Herr Kampong ist zu Frieden. „Wir haben jetzt sogar eine Straße hier“, sagt der 63-Jährige aus dem Dorf Ban Heukok Gnai. 53 Familien leben hier am Mekong, früher war das Dorf nur mit dem Boot zu erreichen. Aber jetzt bauen sie ja den Damm, den Xayaburi. Vier Dörfer müssen dafür umgesiedelt werden. „Unser Leben wird jetzt besser“, davon ist Herr Kampong überzeugt. Es sei ja nicht nur die neue Straße. „Wenn wir umgesiedelt sind, haben wir sogar Strom in unseren Hütten“.

Der WWF warnt seit Jahren eindringlich vor den verheerenden Folgen des Xayaburi-Damms auf Umwelt, Biodiversität und die Ernährungssicherheit der lokalen Bevölkerung in der gesamten Region. Doch seit Beginn der Regenzeit Anfang November schafft Laos Tatsachen. Zuerst erklärte Vize-Energieminister Viraphonh Viravong die Grundsteinlegung für den 30 Meter hohen Damm, seitdem rollen die Bagger. Am Ostufer des Mekong, 350 Fluss-Kilometer stromauf der Hauptstadt Vientiane, ist eine riesige Arbeitersiedlung in den Berg geschlagen worden. Neue Regenwaldpisten und eine Infrastruktur mit Tanklagern, Versorgungsstellen, Wasseraufbereitungsanlagen sind entstanden. Kräne drehen sich, das Flusstal ist vom Lärm der Kipper und Dampfwalzen getränkt. Schon ist der Fluss umgeleitet, um an seinem ehemaligen Grund mit den Betonarbeiten beginnen zu können. Schließlich muss es schnell gehen: Die nächste Regenzeit kommt garantiert, in neun Monaten wird der Fluss um vier, fünf Meter anschwellen.

Die Bagger am Mekong arbeiten © WWF
Die Bagger am Mekong arbeiten © WWF

Die Bagger arbeiten

Herr Kampong glaubt, vom Damm profitieren zu können. „Sie haben uns angeboten, unsere Häuser hier abzubauen und oben wieder aufzustellen“, sagt der mittlerweile mehrfache Großvater. Etwa fünf Kilometer flussauf schlagen die Bagger am Westufer des Mekong einen neuen Dorfplatz in den Wald. Noch ist nichts als lehmiger Dreck zu sehen. Aber schon zum Jahresende soll das Dorf Ban Heukok Gnai hier wieder aufgebaut werden. „Wir müssen die Häuser aber nicht mitnehmen: Wer will bekommt von der Damm-Gesellschaft ein neues gebaut“. Und Herr Kampong will.

 

Früher lebte seine Familie vom Fischfang. „Aber das lohnt heute nicht mehr“, sagt Kampong. Zu viele Menschen würden im Mekong fischen, der Bevölkerungszuwachs sei enorm. Er baut jetzt Reis und Tabak an und da sei die Straße natürlich hilfreich: Der nächste Markt in Muang Nane war vorher nur schwer erreichbar.

Weiter unten rollen die Caterpillars unaufhörlich, vielleicht 50 dieser riesigen Kipper. Sie kippen ihre Fracht in den Fluss, während andere 50 sich den Berg hinaufwälzen um neue aus dem Berg zu holen, wo vielleicht andere 50 gerade beladen werden. Eine riesige Staubwolke hängt über der Piste am Ostufer – und dennoch erscheinen die Kipper nur als Puzzlesteine eines Gesamtbildes: Bohrfahrzeuge fressen sich in den Berg, Planierraupen ebnen den Grund, Betonlaster verteilen ihre Fracht, Armierungsstahl wird transportiert. 

Sperrzone um die Baustelle

Besichtigen kann man die Baustelle nicht. Man kommt nicht einmal in ihre Nähe: Schon zehn Kilometer vor dem Mekong ist die Straße aus der Provinzhauptstadt Xayaburi – nach ihr ist das Dammprojekt benannt – gesperrt, um das ganze Areal nebst der Arbeitersiedlungen und Versorgungsstationen am Ostufer eine Art Sperrzone gezogen. Polizei und Militär wachen über die Einhaltung.

„Die Partei hat an alles gedacht“

Ist ihm das emsige Treiben im zuvor ruhigen Tal nicht unheimlich? Kommt ihm das nicht komisch vor, vom Fluss an einen See umzuziehen? Weiß er nicht, dass Umweltorganisationen immer wieder vor diesem Projekt gewarnt haben? „Die Partei“, sagt Herr Kampong, „hat an alles gedacht.“ Er selbst ist Parteimitglied und im Dorf der Vorsitzende der Altersunion. Umweltsorgen seien unangebracht, „das Mekongwasser strömt ja über den Damm hinweg“, sagt Kampong. Außerdem werde eine Fischtreppe eingerichtet. Andere Meinungen im Dorf gebe es nicht, das hätten die Trainings der Staatsführung gezeigt. Nachweisbar ist immerhin: Andere im Dorf reden nicht mit dem WWF. 

Ganze Dörfer am Mekong werden umgesiedelt © WWF
Ganze Dörfer am Mekong werden umgesiedelt © WWF

Umsiedlungen für den Damm

Kampongs Dorf ist nicht das einzige, das umgesiedelt werden soll. Betroffen ist auch die Fischersiedlung Ban Houahat. Auch die 83 Familien aus Ban Pak Neu, direkt gegenüber der Damm-Baustelle, sind betroffen. Sie leben überwiegend als Goldsucher - und das nicht schlecht: Mit einem durchschnittlichen Tagesverdienst von 100.000 Kip – umgerechnet 10 Euro – verdienen sie viermal mehr, als das laotische Durchschnittseinkommen beträgt.

Anders als die Fischer aus Ban Houahat und die Goldsucher aus Ban Pak Neu sind die Bewohner aus dem Dorf von Herrn Kampong aber Khmu, eine Minderheit in Laos. Werden all die Familien im neuen Dorf genügend Platz haben? Werden sie genügend Felder finden? Früchte im Wald? Ausreichend Brennholz? Werden sie so glücklich zusammen leben, wie Herr Kampong sich das vorstellt? „Besser als ein Haus aus Bambus wäre natürlich eines aus Holz. Oder noch besser aus Stein“, sagt Herr Kampong. Ob er es bekommt? „Die Damm-Gesellschaft hat es zugesagt“.

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