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Juwelen der Tiefe

An den Rändern der kontinentalen Schelfe, zwischen 40 und 3.000 Metern Tiefe, wo kaum Sonnenlicht vordringt, erstrecken sich die Riffe der Kaltwasserkorallen. Im Nordost-Atlantik ist die vorherrschende riffbildende Art Lophelia pertusa, eine Steinkoralle, die mit 4 bis 25 Millimetern pro Jahr nur sehr langsam wächst. Trotzdem gibt es enorm große Kaltwasserkorallenriffe: Das größte ist das Røst-Riff vor Norwegen mit einer Fläche von über 130 Quadratkilometern. Das Unterwasserbauwerk ist damit größer als Manhattan.

Gestreifter Seewolf (Anarhichas lupus). © Erling Svensen / WWF-Canon
Gestreifter Seewolf (Anarhichas lupus). © Erling Svensen / WWF-Canon

Dass wir die faszinierende Schönheit einer Korallenwelt auch in den Meeren unserer Breiten, quasi vor unserer Haustür, finden können, ist eine kolossale Entdeckung erst des letzten Jahrzehnts. Zwar haben europäische Fischer schon früher hin und wieder Korallen in ihren Netzen gefunden, die gigantischen Ausmaße der Riffe am Rande unseres kontinentalen Schelfs konnten jedoch erst mit dem Einsatz von modernem wissenschaftlichem Gerät ans Tageslicht gebracht werden. Das 2003 unter Schutz gestellte Røst-Riff vor Norwegen ist mit 130 Quadratkilometern größer als Manhattan und mehr als 8.500 Jahre alt!

Dem Schutz der Kaltwasserkorallenriffe hat sich der WWF ganz besonders verschrieben und versucht sie daher neben Ausweisungen als Schutzgebiete auch durch rechtsverbindliche Maßnahmen in der Fischereipolitik vor weiterer Zerstörung zu bewahren.

 

Kaltwasserkorallen leben in den kalten und dunklen Tiefen aller Ozeane des Planeten. Anders als ihre tropischen Vettern können sie sich also nicht auf die Symbiose mit Photosynthese betreibenden Algen verlassen. Um immer genügend Nahrung in Form von Kleinstlebewesen wie Plankton, Larven oder kleinen Krebsen vor ihre Fang-Tentakeln zu bekommen, bevorzugen sie Orte an denen starke Strömungen herrschen, wie zum Beispiel Seeberge.

Oasen in der Wasserwüste

Weit außerhalb der nährstoffreichen Küstengewässer sind die Meere in großen Tiefen eher karg und lebensunfreundlich. Lebensräume wie die Kaltwasserriffe sind hier wie Oasen in der Wüste und bieten für viele Arten Schutz und Nahrung. Als so genannte Habitatbildner bieten Kaltwasserkorallen wichtige Nischen für eine Vielzahl anderer Lebewesen. Seesterne, Schwämme und Krebstiere sind ständige Bewohner der Riffe. Fische nutzen sie als Kinderstube für ihren Nachwuchs, auch kommerziell wichtige Arten wie der Goldbarsch sind häufig anzutreffen. Und das wissen auch die Fischer …

 

Dieses tapfere Kerlchen lebt in den Tiefen des Trondheim-Fjords vor Norwegen. © Erling Svensen / WWF-Canon
Dieses tapfere Kerlchen lebt in den Tiefen des Trondheim-Fjords vor Norwegen. © Erling Svensen / WWF-Canon

Doch wenn tonnenschwere Grundschleppnetze über den Boden pflügen, bleiben von den zerbrechlichen Korallen oft nur noch Trümmer. Eine Tragödie, die sich im Verborgenen abspielt, so dass der tatsächliche Schaden nur schwer zu ermitteln ist. Bereits heute sind allein bei den relativ gut untersuchten norwegischen Riffen 30 bis 50 Prozent als geschädigt oder bereits vollends zerstört.

 

Aus anderen Meeresgebieten gibt es dazu noch keine Zahlen. Doch bereits in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts fingen auch deutsche Hochseefischer vor Island Goldbarsch vorzugsweise in einem wegen seiner bis zu 2,5 Meter hohen Korallen als „Rosengarten“ bezeichnetem Gebiet. Weil insbesondere Steinkorallen die Schleppnetze zerstören, wurden manche Korallenriffe sogar gezielt verwüstet, um erfolgreicher fischen zu können. Die weit verbreitete Praxis der Grundschleppnetz-Fischerei dürfte Schäden an den meisten Riffen der europäischen Gewässer hinterlassen haben. So werden für die Fischerei wertvolle und die Bestände wichtige Lebensräume von der Fischerei selbst vernichtet.

Die Suche nach Bodenschätzen gefährdet die Tiefseeriffe

Zusätzlich zur Fischerei gefährden auch Öl- und Gasbohrungen sowie der Bau und Unterhalt von Pipelines und Kabeln die sensiblen Lebensgemeinschaften. Denn der durch solche Aktivitäten verursachte erhöhte Schwebstoffgehalt im Wasser beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit der Korallen und kann sogar tödlich sein. Verschmutzungen durch Ölplattformen konnten noch in sechs Kilometer Entfernung von ihrem Ursprung nachgewiesen werden – das zeigt, dass es zum großflächigen Schutz dieser Lebensräume keine Alternative gibt.

 

So wurden durch die Lobbyarbeit des WWF bei OSPAR, NEAFC, EU-Kommission und Fischereiministerrat, aber auch durch Öffentlichkeitsarbeit in Allianz mit Tiefseeforschern sowie gemeinsam mit anderen Umweltorganisationen angestrengte Gerichtsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof bis heute rund 600.000 Quadratkilometer Rifffläche für Bodenschleppnetze geschlossen. Dazu gehören die „Darwin Mounds“, weite Teile der „Rockall“ und „Hatton Bank“, vier Riffe in irischen und weitere sechs in norwegischen Gewässern, große Abschnitte des Mittelatlantischen Rückens und fast die gesamten Meeresgebiete um die Azoren, Madeira und die Kanaren. Dass dies noch nicht genügt, ergibt sich aus der jüngsten Erhebung der Vereinten Nationen, deren Vollversammlung die Fischereiorganisationen in aller Welt aufgefordert hat, empfindliche Tiefseelebensräume vor zerstörerischer Grundschleppnetzfischerei zu schützen.

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