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Stand: 08.01.2014

Seeberge: Oasen der Tiefsee

Manche der größten Berge der Erde hat noch kein Mensch je gesehen. Die Weltmeere halten sie verborgen. Ganze Gebirge durchziehen sie - so wie der mittelatlantische Rücken. Aber auch als einzelne Kuppen ragen sie mitunter vom Meeresboden mehrere tausend Meter aufwärts Richtung Wasseroberfläche. Viele Inseln sind, so wie die Spitze vom Eisberg, nur der Gipfel eines Bergriesen.

Die Nischen der Seeberge bieten vielen Arten einen Unterschlupf © NOAA / Monterey Bay Aquarium Research Institute

Hang zum Leben

Vor allem deshalb, weil dort ganz besondere Strömungsverhältnisse herrschen. Aus der Tiefsee nämlich werden Nährstoffe nach oben transportiert. Über dem Seeberg konzentrieren sie sich in einer Art Strömungswirbel. Auf diese Weise gelangen bereits am Boden abgelagerte Schwebeteilchen zurück in die Nahrungskette. Von diesen ernähren sich dann kleinste Tiere und Pflanzen, das Plankton. Sie bilden die Grundlage des marinen Nahrungsnetzes. 

Auch sesshafte, räuberische Organismen profitieren davon, stärker von Wasser und damit Beute umspült zu werden. Diese bieten wiederum Lebensraum für andere Bewohner der Tiefsee. Wo sonst wenig Leben zu erwarten wäre, kann somit eine reiche Fauna entstehen, perfekt angepasst an die besonderen Verhältnisse ihrer Umgebung.

Auch der Schwertfisch gehört zu den reglemäßigen Besuchern der Seeberge © naturepl.com / Jeff Rotman / WWF-Canon

Viele Arten von Meeresbewohnern kommen nur isoliert an einzelnen Seebergen vor. Andere benutzen sie als Trittsteine auf ihrem Weg durch den Ozean, als "Rastplatz" sozusagen - oder um auf diese Weise sich weiter über die Ozeane zu verbreiten. Seeberge haben deshalb eine wichtige Funktion für die Artenvielfalt unserer Meere.

Wo sich in ihren Gärten aus Schwämmen und Korallen Kleinstlebensräume und biologische Nischen finden, sind die Seeberge bewohnt von Krustentieren, Muscheln, Seesternen und einer Vielzahl anderer am Boden beheimateter Organismen. Angelockt von den vielen Beutetieren leben in den Gewässern um die Seeberge die meisten Fische der Tiefsee. Oberhalb der Seeberge finden sich dadurch besonders viele räuberische Fische - darunter kommerziell interessante wie Tunfische, Haie und Schwertfische. Aber auch Wale und Schildkröten sind regelmäßige Besucher der Seeberge.  

Alte Ideen werden zu neuen Gefahren

Durch kurzsichtige Überfischung sind mittlerweile viele Bestände der traditionellen, küstennahen Fischereien zusammengebrochen. Nun geraten potenziell ertragreiche Gebiete der Hoch- und Tiefsee ins Visier der Fischindustrie, unterstützt durch eine rasante technische Entwicklung und zum Teil mit staatlichen Subventionen gefördert.

Seeberge ebenso wie die großen untermeerischen Bänke sind für Fischer besonders interessant, denn sie bieten Lebensraum für Arten, die in der sie umgebenden Tiefsee nicht vorkommen. Die derzeit übliche Weise der Befischung wird jedoch auch hier zu dem schon bekannten Raubbau an den Ressourcen führen. Mit einer Erholung der Fischbestände wäre erst frühestens nach 25 bis 50 Jahren zu rechnen - falls sich das Ökosystem nicht unwiderruflich ändert. Der Lebensraum der Seeberge ist auch durch Tiefseebergbau bedroht. Denn die so genannten Kobaltkrusten in ihren Gipfelzonen enthalten begehrte Metalle und seltene Erden.

Management nach Vorsorgeprinzip

Der WWF macht sich stark für ein Management der Ressourcen unserer Meere auf der Grundlage des Vorsorgeprinzips (auch bei mangelndem Wissen soll so gehandelt werden, dass Schäden vermieden werden) und fundierter wissenschaftlicher Empfehlungen.

Wo notwendig, sollen gefährliche Praktiken, die nachhaltig Gesundheit und Produktivität der Lebensräume bedrohen, eingeschränkt werden. Im Rahmen des von der EU geförderten OASIS-Projektes wurden Seeberg-Ökosysteme im Nordost-Atlantik intensiv erforscht und Schutzempfehlungen erarbeitet. Seitdem wurden einzelne Seeberge wie "Sedlo Seamount", "Josephine Bank" und unterseeische Gebirgsketten am Charlie-Gibbs-Graben des Mittelatlantischen Rückens als Schutzgebiete ausgewiesen bzw. für Bodenschleppnetze gesperrt. Die Ausweisung der Galicia-Bank vor Spanien und von Banco Gorringe vor Portugal ist in Vorbereitung.

Doch selbst wenn der weite Weg zur Erfüllung dieser Forderungen gegangen ist, droht noch ernste Gefahr von anderer Seite. 

Prestige: Auf einem Seeberg begraben

Die Ölkatastrophe vor der spanischen Küste hatte nicht nur an Land furchtbare Auswirkungen © Jorge Sierra / WWF-Canon

Als am 13.11.2002 um 4.30 Uhr die spanischen Küstenwache ein Seenotsignal des Öltankers Prestige empfing, rechnete niemand damit, dass dies der Beginn einer der schrecklichsten Ölkatastrophen sein würde, die je die europäischen Küsten getroffen hat. Die Regierung Spaniens, in dessen Hoheitsgewässern die Prestige lag, entschied sich, zur Schonung der Küsten das Schiff auf die offene See ziehen zu lassen. Sechs Tage und 35.000 Tonnen ausgelaufenes Erdöl später, sank die Prestige auf der Galicia-Bank, einem sehr großen und tief unter der Oberfläche liegenden Seeberg, weit vor der Küste Spaniens.

Was auf den ersten Blick nach einer klugen Entscheidung der Regierung aussah, entpuppte sich als massive Bedrohung einer unberührten Lebewelt von Korallen, Schlangensternen, Schwämmen und mindestens 86 verschieden Fischarten. Die Galicia-Bank erstreckt sich über eine Fläche von über 6.000 Quadratkilometern und ragt über 4.000 Meter vom Meeresboden auf. Für diesen Schatz der Tiefsee fordert der WWF seit langem die Einrichtung einer Meeresschutzzone. Wie vom WWF gefordert, wurde die Region des Nordostatlantischen Schelfs von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) zu einem "besonders empfindlichen Seegebiet" (PSSA: particularly sensitive sea area) erklärt. Doch fehlt es noch immer an begleitenden Schutzmaßnahmen. In PSSAs können Schiffsmeldepflichten, Befahrensregeln und Lotsenübernahme vorgeschrieben werden - Maßnahmen, die Katastrophen wie die Ölpest durch die Prestige künftig vermeiden helfen.

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