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Projektregion Nordost-Atlantik

Der Nordostatlantik mit seinen Schätzen der Tiefsee gehört zu den ökologisch wertvollen Meeresregionen der Erde. Bizarre Tiefsee-Anglerfische mit Leuchtorgan, Riesenkraken und bleiche bis durchsichtige Geschöpfe, die in einer sonst unbelebten Dunkelheit ein vergessenes Dasein führen: Das ist wohl das vereinfachte Bild der Tiefsee. 

Raue See vor den Lofoten, Norwegen. © Peter Prokosch / WWF
Raue See vor den Lofoten, Norwegen. © Peter Prokosch / WWF

Doch so fremd und abgeschieden ist sie keineswegs. Über die Tiefkühltruhe des Supermarktes gelangt sie sogar auf unsere Teller. Denn weil immer mehr küstennahe Meeresregionen bereits überfischt sind, holen zunehmend Schleppnetze der Fischereiflotten auch Tiefseefische wie den Granatbarsch aus dem Wasser.

Erforschung der Tiefsee

Tiefseefische wie der Granatbarsch landen immer häufiger auf dem Teller © Ian Hudson / WWF-Canon
Tiefseefische wie der Granatbarsch landen immer häufiger auf dem Teller © Ian Hudson / WWF-Canon

Obgleich bereits vor mehr als hundert Jahren zum Beispiel die Wissenschaftler der berühmten britischen „Challenger"-Expedition Lebewesen vom Boden der Tiefsee sammelten, blieben die verschiedenen Lebensräume des tiefen Ozeans bis heute wenig erforscht. Erst in jüngster Zeit, durch die Entwicklung moderner Kameras und Messsysteme, gelangen immer mehr Bilder und Erkenntnisse über diesen Lebensraum ans Licht der Öffentlichkeit.

Wohin das Licht nicht mehr vordringen kann, dort beginnt die Tiefsee, meist in ungefähr 400 Metern Tiefe, am unteren Teil der Kontinentalabhänge. Sie umfasst mit den großen Meeresbecken, den Tiefseegräben und den mittelozeanischen Gebirgen insgesamt 318 Millionen Quadratkilometer – das entspricht fast zwei Drittel der gesamten Erdoberfläche oder vier Fünftel der Ozeane. Das bedeutet: Der Großteil unserer Erdoberfläche besteht aus einem Lebensraum, den wir gerade erst beginnen zu entdecken.

Ausbeutung schneller als Erforschung

Das tun wir leider vor allem, um ihn baldmöglichst genauso auszubeuten wie den Rest der Erde. Denn schneller noch als der Fortschritt der Wissenschaft schreitet die Nutzung der Meere voran. Tiefseefischerei findet heute bereits bis in 2.000 Metern Wassertiefe statt. Es werden Rohstoffe wie Erdöl, Methanhydrat, Kobalt und seltene Erden abgebaut. Das Interesse an biologischen Ressourcen aus der Tiefsee für Pharma- und Kosmetikindustrie wächst (Bioprospektion).

Der WWF arbeitet bereits seit den neunziger Jahren am Schutz dieses größten Lebensraumes der Erde – mit Erfolgen wie der Schaffung von Meeresschutzzonen für Korallenriffe vor Norwegen, Irland und Schottland sowie für Seeberge und Schwarze Raucher bei den Azoren und Tiefseeschwämme am Mittelatlantischen Rücken. Diese Tiefseelebensräume wurden von den Vereinten Nationen als besonders empfindliche und schützenswerte Ökosysteme, so genannte „Vulnerable Marine Ecosystems (VMEs)“ eingestuft. 

Typische Arten des Nordost-Atlantik im WWF-Artenlexikon

Nicht nachhaltige Fischerei ist größte Gefahr für die Tiefsee

Aus heutiger Sicht stellt vor allem die expandierende, nicht nachhaltige Fischerei die größte Gefahr für die Produktivität und den Artenreichtum der tiefen und offenen Ozeane dar.

Und zwar aus zwei Gründen:

  1. Fische, Korallen und andere Organismen der Tiefsee wachsen in der Regel sehr langsam (das nachgewiesene Alter von einigen Korallen und Fischen ist höher als das von Menschen), pflanzen sich nur spät und selten fort und können daher keiner Fischerei standhalten. Dezimierte Bestände erholen sich nur äußerst langsam. Wissenschaftliche Grundlagen zur nachhaltigen Befischung fehlen noch gänzlich.
  2. Außerdem setzen Trawlerflotten häufig tief reichende Grundschleppnetze ein, welche die wichtige Bodenfauna aus Korallen oder Schwämmen zerstören. Eine Regeneration wird, wenn sie denn überhaupt stattfindet, mehrere hundert bis mehrere tausend Jahre dauern. Den ohnehin schon bedrohten Bewohnern wird so der Lebensraum entzogen.

Abwägen zwischen Nutzung und Schutzbedarf

Tiefseefisch Aphyonus gelatinosus im Nordatlantik © David Shale / naturepl.com / WWF
Tiefseefisch Aphyonus gelatinosus im Nordatlantik © David Shale / naturepl.com / WWF

Neben der Fischerei haben auch Erdöl- und Erdgasförderer und sogar Tourismusunternehmen, die Tauchfahrten zu besonderen Schönheiten anbieten, einen begehrlichen Blick auf die Ressourcen der Tiefsee geworfen. Die Risiken der Ölförderung aus der Tiefsee sind seit der Katastrophe im Golf von Mexiko offensichtlich geworden. Für ihre Erhaltung durch sorgfältiges Abwägen zwischen Nutzung und Schutzbedarf setzt sich der WWF ein – insbesondere für ein Aussetzen der Fischerei mit Grundschleppnetzen in bestimmten, besonders empfindlichen Gebieten und die Einrichtung eines Netzwerks von Meeresschutzgebieten.

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