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Stand: 02.10.2013

Die Wiedervereinigung der Seeadler am Schaalsee

Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs verlief die innerdeutsche Grenze direkt durch den Schaalsee. Am 3. Oktober 1990 vollzog sich die Wiedervereinigung auch für das heutige gesamtdeutsche Schutzgebiet. Zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein erstreckt sich das vom WWF initiierte Naturschutzprojekt „Schaalsee-Landschaft“ auf 4.530 Hektar. Auch unser Wappentier, der Seeadler, hat hier seine Heimat. Thomas Neumann, WWF-Mitarbeiter und Umweltaktivist der ersten Stunde, erinnert sich an die turbulente Zeit nach dem Mauerfall.

Seeadler © Dr. Peter Wernicke / WWF
Seeadler © Dr. Peter Wernicke / WWF

„Guckt ihr denn kein Fernsehen? Wisst ihr nicht, was los ist?“

Als im November 1989 in Berlin die Sektkorken knallten und die ersten Trabbis die Schlagbäume Richtung Westen passierten, wollte sich auch WWF-Mitarbeiter Thomas Neumann rübermachen – aber in die andere Richtung, in den Osten. Mit seinem Geländewagen brauste er los in Richtung Zarrentin. Der Naturschützer witterte eine einzigartige Chance. Endlich könnte er die andere Seite des Schaalsees erkunden. In dieser Wildnis jedoch standen die Zeichen noch ganz auf Feindabwehr. An den Stahlschranken warteten bewaffnete Soldaten. Aber Neumann war nicht aufzuhalten. „Guckt ihr denn kein Fernsehen? Wisst ihr nicht, was los ist?“, rief er den Grenzern zu.

Schon als Schüler und Student hat er seine Freizeit am Schaalsee verbracht und die Adler beobachtet. „Manche Kinder begeistern sich für Spielzeugautos. Ich bin in den Wald gegangen und habe Mauserfedern gesammelt“, erinnert er sich. Er studierte ihren Lebensraum, kannte ihre Horste. Mit Bedauern musste er aber zusehen, wie die Greifvögel in manchen Jahren zum Brüten über den Eisernen Vorhang auf die östlich gelegene Techiner Halbinsel flogen. „Ich konnte sie zwar sehen, wusste aber nichts über ihren Bruterfolg. Ich durfte ja nicht dorthin.“

Verdeckte Informationen für die subversive Umweltorganisation

Thomas Neumann, Senior Projekt Manager © Carl-Albrecht von Treuenfels
Thomas Neumann, Senior Projekt Manager © Carl-Albrecht von Treuenfels

Neumann jedoch fand Verbündete, die wie er dachten. Leute, die sich unabhängig vom politischen System im Naturschutz engagierten. Dr. Sieber aus Schwerin war einer von ihnen. Er übermittelte die gewünschten Informationen. „Verdeckt“, sagt Neumann und lacht dabei, als wäre alles ganz ungefährlich gewesen. Heute weiß er, die „Staatssicherheit“ führte eine Akte über ihn. Der „IM Virologe“ vermerkte für den DDR-Geheimdienst auch „staatlich nicht genehmigte Beziehungen zu Einzelpersonen und Organisationen in der BRD“. Neumann wurde verdächtigt, der Begründer einer subversiven Umweltbewegung zu sein.

Schon lange vor der Wende hatte Neumann im bundesrepublikanischen westlichen Schaalsee um jeden Quadratmeter Naturschutzfläche gekämpft. Mit dem Fall der Mauer ging auf einmal alles ganz schnell. Die Ost-Kollegen standen bereits in den Startlöchern. Gleich zu Beginn des Jahres 1990 wurden große Teile unter Naturschutz gestellt. Gemeinsam konnten die Grundzüge für ein grenzübergreifendes Großprojekt gelegt werden. Der damalige WWF-Präsident, Carl-Albrecht von Treuenfels, besuchte mit dem Bundesumweltminister Klaus Töpfer das Gebiet. Begeistert sicherte Töpfer die erforderlichen Gelder zu.

Am 12. September 1990 verabschiedete der letzte DDR-Ministerrat das so genannte Nationalparkprogramm und damit auch die Schutzgebietsverordnung für den östlichen Schaalsee. „Rückblickend war das eine einmalige Leistung, die über den Einigungsvertrag hinaus dauerhaft in einem Gesamtdeutschland verankert wurde – später sogar größtenteils als Biosphärenreservat.“

Heute bedroht die Landwirtschaft das Adler-Refugium

Seeadler, Altvogel auf Ansitz © Dr. Peter Wernicke / WWF
Seeadler, Altvogel auf Ansitz © Dr. Peter Wernicke / WWF

21 Jahre später sagt Thomas Neumann, mit diesem Tag habe die eigentliche Arbeit erst begonnen. Wie schon in der Zeit vor der Wende, kämpfte er wieder für jeden einzelnen Quadratmeter Fläche. 4.530 Hektar sind es inzwischen. Aber die Schutzgebietsflächen werden zusehends durch die intensive Landwirtschaft, besonders durch Mais-Monokulturen, sowie durch Agro-Chemikalien geschädigt.

 

Über 30.000 Wasservögel täglich während der Zugzeit

Heute leben in der Schaalsee-Region sechs Seeadlerpaare und über 100 Kraniche haben hier ihre Brutplätze. Es gibt zwei Biberburgen, der Fischotter ist flächendeckend zu finden. In der Zugzeit kommen über 30.000 Wasservögel täglich. Nun gelte es, das Erreichte zu verteidigen, sagt Neumann. „Jetzt zeigt sich, dass was damals nach dem Mauerfall passierte, schon wirkliche Sternstunden waren.“

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