WWF Deutschland

http://www.wwf.de/


Content Section

Wilderei in Deutschland: Seeadler wurden Opfer eines Giftangriffs

Toxikologische Untersuchung bestätigt den Einsatz des Nervengifts Carbofuran

Die beiden am 21. April 2012 tot aufgefundenen Seeadler sind mit dem hochtoxischen Stoff Carbofuran vergiftet worden. Das bestätigte das Toxikologische Institut der Universität Göttingen. Eine Analyse der Tierkörper konnte Spuren des Giftes in der Magenschleimhaut nachweisen. Der Besitz, die Weitergabe und die Anwendung des oftmals als Insektizid eingesetzten Stoffes Carbofuran ist in Deutschland verboten. “Trotzdem wird dieser Stoff europaweit in der illegalen Verfolgung von Greifvögeln und Raubsäugern eingesetzt. Aktuell sind zum Beispiel 2011 in Dänemark und 2012 in Österreich Fälle von Seeadlervergiftungen mit Carbofuran bekannt geworden“, sagt Thomas Neumann vom WWF.

Die "Projektgruppe Seeadlerschutz" fand das vergiftete Adlerpärchen. © Thomas Neumann / WWF
Die "Projektgruppe Seeadlerschutz" fand das vergiftete Adlerpärchen. © Thomas Neumann / WWF

Am 21. April 2012 fand Neumann zusammen mit Dr. Hans Wirth und Roland Dreifke die beiden toten Adler in der Nähe ihres Horstplatzes am Kannenbruch, unweit von Lübeck. Eigentlich sind die ersten Aprilwochen für die „Projektgruppe Seeadlerschutz“ besonders spannend. Die ersten Jungvögel sind bereits geschlüpft - die Bruterfolge können untersucht werden. Doch zum Schock der Umweltschützer war das Nest verlassen. Die Gruppe untersuchte daraufhin das Gelände: „Ich habe auf dem Weg zum Horst den ersten Vogel tot aufgefunden - etwas später fanden wir den zweiten. Das Weibchen lag direkt unter dem Rupfbaum, auf dem es während der Brut seine Nahrung zu sich nimmt“, sagt Thomas Neumann vom WWF fassungslos.

Im Bereich der roten Kreise wurden die beiden toten Seeadler aufgefunden. © WWF

Seeadler-Pärchen ließ sich 2010 bei Lübeck nieder

Beide Seeadler sind den Tierschützern bestens bekannt. Im Jahr 2004 und 2005 war es gelungen, sie zu beringen, um sie so eindeutig identifizieren zu können. Sehr zur Freude der Projektgruppe Seeadlerschutz ließ sich das Pärchen 2010 am Kannenbruch nieder. Für Neumann waren sie die „Lübecker Adler“. Die Vögel wurden nur sieben beziehungsweise acht Jahre alt. Unter natürlichen Bedingungen haben Seeadler eine Lebenserwartung von bis zu 40 Jahren.

Die Medien reagierten ebenso empört und fassungslos wie Thomas Neumann. Torsten Teichmann von den "Lübecker Nachrichten" kommentiert: „Wer Gift aus Niedertracht und Eigennutz auslegt, dem kann man nur zurufen: Pfui Teufel. Derartige gegen Tiere gerichtete Straftaten sollen hart geahndet werden. Da darf es schon mal Knast sein.“ Nach dem Strafgesetzbuch kann die Wilderei mit „Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe“ geahndet werden.

Tote Kolkraben. © Thomas Neumann / WWF
Tote Kolkraben. © Thomas Neumann / WWF

Anschlagsserie: 48 Kolkraben und ein Rotmilan im März 2012 vergiftet

Das tote Seeadlerpaar ist bislang der traurige Höhepunkt einer regelrechten Anschlagsserie. Bereits am 26. März 2012 fanden ehrenamtliche Mitarbeiter des WWF am Schaalsee insgesamt 48 tote oder fast verendete Kolkraben. Auch ein Rotmilan befand sich unter den Opfern des Giftanschlages. Die Vögel wurden sichergestellt, tiefgefroren und dem Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), Berlin, und der Toxikologischen Abteilung der Universitätsmedizin Göttingen per Express zugeschickt. Es konnten sowohl die Nahrungszusammensetzung als auch die Gifte analysiert werden. Geschrotetes Getreidefutter war durchsetzt mit dem Insektizid Dimethoat, das leider in der EU immer noch zugelassen ist. Auch in diesem Fall wurde eine Belohnung in Höhe von 1.000 Euro ausgesetzt.

Wer ist für die Vergiftung verantwortlich?

„Dahinter steckt ein ganz grundsätzliches Problem“, sagt Sabine Reichle vom WWF. „Es gibt Menschen, die fühlen sich von den Tieren bedroht. Es gibt vereinzelt Jäger, die um die Hasen- und Fasanenpopulation ihrer Niederwildreviere bangen. Auch Hühner-, Tauben- oder Fischzüchter fühlen sich mitunter durch Greifvögel, Füchse oder Raben so bedroht, dass sie vergiftete Köder auslegen, um sie zu töten.“ Es sei aber davon auszugehen, dass eher Füchse oder andere fleischfressende Wildtiere Ziel der Giftattacken gewesen waren. Die Adler waren demnach nur schneller, und griffen sich die Giftköder zuerst und verendeten daraufhin qualvoll. Derzeit befinden sich in Schleswig- Holstein insgesamt 67 Seeadlerpaare.

Zum Vergrößern bitte klicken. © Lübecker Nachrichten

Dass die Wilderei nach wie vor ein ernst zu nehmendes Problem darstellt, welches die Schutzmaßnahmen der Umweltverbände erheblich sabotiert, zeigen die traurigen Beispiele der letzten Wochen. Am 22. April wurde im Westerwald ein Wolf von einem Jäger erschossen. Die besenderte Luchsdame „Tessa“ wurde am 2. April vergiftet und umgebracht. Im März 2012 meldete der WWF Österreich den tragischen Verlust eines Seeadler-Pärchens, das mit dem Wirkstoff Carbofuran vergiftet wurde. Thomas Neumann ist sich sicher: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich gehe davon aus, dass wir allerhöchstens von zehn Prozent aller Wildereifälle erfahren.“ Neumann rät beim Fund von toten Wildtieren, die örtlichen Naturschutz und Forstämter zu informieren.

  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • drucken
   
Unterstützen Sie
den WWF
Unterstützen Sie
den WWF