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Stand: 06.10.2016

Wattenmeer: Drehscheibe des Vogelzuges

Der Zug der Vögel verbindet Kontinente. Wat- und Wasservögel müssen dabei oft viele tausend Kilometer im „Non-Stop-Flug“ zurücklegen, um den Abstand zwischen geeigneten Gebieten zu überbrücken. Dazu müssen sie bis an ihre Grenze gehen und sich vor dem Zug große Vorräte Fett als Treibstoff anfressen. Auf dem langen Weg orientieren sich die Vögel bei Tag und bei Nacht mit verschiedenen Kompass-Systemen und finden ihr Ziel mit unvorstellbarer Genauigkeit.

Ringelgänse kommen aus Nord-Sibirien ins Wattenmeer und sind auf dieses als Rastgebiet angewiesen. © H.-U. Rösner / WWF
Ringelgänse kommen aus Nord-Sibirien ins Wattenmeer und sind auf dieses als Rastgebiet angewiesen. © H.-U. Rösner / WWF

Für ziehende Wat- und Wasservögel ist das Wattenmeer die Drehscheibe schlechthin entlang des Ostatlantischen Zugweges. Gut 10 Millionen Gänse, Enten, Watvögel, Möwen und Seeschwalben nutzen den einmaligen Naturraum an der Nordseeküste. Auch wegen dieser Bedeutung für die Vögel ist das Wattenmeer einzigartig auf der Welt.

 

Von mindestens 52 Populationen aus 41 Arten dieser Vögel kommen so viele Individuen, dass das Wattenmeer für diese Arten eine internationale Bedeutung hat. Von manchen kommen sogar fast alle Individuen, die es gibt. Beispiele für derart stark auf das Wattenmeer angewiesene Arten sind Ringelgans, Knutt, Kiebitzregenpfeifer, Pfuhlschnepfe und Alpenstrandläufer. 

Herkunft aus dem Norden

Rund 10 Prozent der Vögel des Wattenmeeres brüten auch an der Nordseeküste. Austernfischer, Möwen und Seeschwalben sind dafür bekannte Beispiele. Die anderen 90 Prozent brüten im Norden und kommen aus einem Einzugsgebiet, das die halbe Arktis umfasst: Es reicht von Nordost-Kanada über Grönland und Skandinavien bis nach Nord-Sibirien. Im kurzen arktischen Sommer mit wenigen Monaten ohne Sonnenuntergang und durchgehender Helligkeit profitieren die Vögel dort von reichlich Nahrung und wenig Feinden. So können sie erfolgreich ihren Nachwuchs großziehen.

Höhepunkte im Frühjahr und Herbst

Die 10 Millionen Wattenmeervögel sind nicht alle gleichzeitig da: Manche bleiben nur wenige Tage, doch die meisten einige Wochen oder Monate, andere sogar den größten Teil des Jahres. Zu jeder Jahreszeit sind jedoch viele Vögel im Wattenmeer, ziehen ab oder kommen neu hinzu.

Doch gibt es auch jahreszeitliche Höhepunkte des gefiederten Geschehens: Der eine liegt im April und Mai, wenn sich Millionen von Vögeln auf den Abzug in die arktischen Brutgebiete vorbereiten und Fettreserven anfressen. Die am weitesten im Norden brütenden Vögel warten sogar bis Ende Mai/Anfang Juni mit dem Abzug, um möglichst erst dann in der Arktis anzukommen, wenn dort genügend schneefreie Stellen zum Brüten entstanden sind. Die im Wattenmeer selbst brütenden Vögel sind in dieser Zeit schon längst mit ihrem Nachwuchs beschäftigt.

Der zweite Höhepunkt des Vogelzuges ist der Spätsommer und Herbst, wenn die Vögel aus der Arktis zurückkommen. Viele mausern dann, wechseln also einen Teil ihres Gefieders. Manche überwintern auch im Watt, doch die meisten Vögel ziehen weiter zu südlicheren Küsten. Ein sehr wichtiges Überwinterungsgebiet für sie ist der Nationalpark Banc d‘Arguin an der westafrikanischen Küste in Mauretanien. Einige unsere Wattenmeervögel ziehen sogar bis Südafrika zum Überwintern.

Gut gezählt im Watt

Alpenstrandläufer – hier ein Trupp auf einem „Hochwasserrastplatz“ – sind mit mehr als 1 Million gleichzeitig anwesenden Exemplaren der häufigste Wattenmeervogel © Hans-Ulrich Rösner / WWF
Alpenstrandläufer – hier ein Trupp auf einem „Hochwasserrastplatz“ – sind mit mehr als 1 Million gleichzeitig anwesenden Exemplaren der häufigste Wattenmeervogel © Hans-Ulrich Rösner / WWF

Die oben genannten Zahlen sind nicht erraten: Seit gut 40 Jahren werden die Vögel im Wattenmeer auch gezählt. Zunächst wurde nur der Gesamtbestand zu wenigen Zeiten des Jahres erfasst. Auch auf Initiative des WWF wurde gegen Ende der 80er Jahre dann eine intensivere Überwachung begonnen. Seitdem werden die Bestände auf vielen Rastplätzen in etwa 15-tägigem Abstand gezählt.

Insgesamt gibt es heute sicher deutlich weniger Wattenmeervögel als in früheren Jahrhunderten. Es sind aber auch schon deutlich mehr als in der Zeit vor etwa 50 bis 100 Jahren, als Wat- und Wasservögel entlang ihres Zugwegs und auch am Brutplatz besonders intensiv verfolgt wurden. Hier war der Schutz schon erfolgreich.

Auch seit die intensiveren Zählungen begannen, gab es erhebliche Veränderungen: So gibt es derzeit deutlich mehr Arten mit abnehmenden als mit zunehmenden Beständen. Zu den abnehmenden Arten zählen Austernfischer, Kampfläufer, Dunkler Wasserläufer und Ringelgans, zu den derzeit zunehmenden Löffler und Nonnengans. Die Gründe für solche Entwicklungen liegen nicht immer im Wattenmeer. Beim Austernfischer vermutet man aber z.B. einen Zusammenhang des Rückgangs mit einer zu intensiven Muschelfischerei, der Ausbreitung von Prädatoren sowie vermehrten Überflutungen der Brutplätze im Wattenmeer.

Schutz nur entlang des ganzen Zugweges möglich

Will man Wat- und Wasservögel schützen, muss man weltweit vernetzt arbeiten, denn solche Vögel brauchen überall auf dem Zugweg Plätze mit ganz speziellen Lebensräumen (Feuchtgebieten), in denen sie rasten, fressen, mausern und überwintern können. Ohne das Wattenmeer könnten so manche Populationen arktischer Vögel nicht existieren. Doch ohne die Brutgebiete in der Arktis wäre auch das Wattenmeer viel ärmer an Vögeln!

Viele Staaten, darunter auch Deutschland, haben deshalb die „Bonner Konvention zur Erhaltung der wandernden wildlebenden Tierarten“ unterzeichnet. Mit einem Abkommen innerhalb dieser Konvention, dem „African-Eurasian Waterbird Agreement“, sollen speziell die Wat- und Wasservögel des Ostatlantischen Zugweges geschützt werden. Die drei Wattenmeerstaaaten, unterstützt von vielen Organisationen, darunter dem WWF, gründeten 2012 die Wadden Sea Flyway Initiative, um mit konkreten Projekten entlang des Zugweges den Schutz der Wattenmeervögel z.B. in Afrika zu verbessern.

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