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„Die Energiewende hat große Akzeptanz“

Die Deutschen lieben die Natur – und eine große Mehrheit befürwortet den Ausbau der erneuerbaren Energien. Dies ist das Fazit der Naturbewusstseinsstudie, die das Bundesamt für Naturschutz vorgestellt hat. Dazu eine Interview mit der Präsidentin des Bundesamtes, Professorin Beate Jessel.

 

Was ist die grundlegende Erkenntnis der Studie?

Beate Jessel: Die Fachexperten müssen es schaffen, die Menschen für den Naturschutz zu begeistern. © Bundesamt für Naturschutz
Beate Jessel: Die Fachexperten müssen es schaffen, die Menschen für den Naturschutz zu begeistern. © Bundesamt für Naturschutz

Beate Jessel: Grundsätzlich konnten wir beobachten, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem sozialem Milieu der Befragten und dem entsprechenden Umweltbewusstsein gibt. Ganz konkret bedeutet das: Bürger, die über ein hohes Einkommen verfügen, besitzen ein stärker ausgeprägtes Naturbewusstsein. Allerdings ist gerade in diesem Zusammenhang auch eine große Diskrepanz festzustellen. Einerseits sind diese Menschen auch dazu bereit, mehr Geld für hochwertigere Lebensmittel auszugeben oder sich für den Umweltschutz zu engagieren. Auf der anderen Seite aber reisen diese Menschen wesentlich häufiger, die Kleidung ist teurer oder sie konsumieren Artikel, die stark zur Vergrößerung des ökologischen Fußabdruckes beitragen. Einkommensschwächere Familien müssen sich stärker einschränken; das wiederum wirkt sich stark auf ihren ökologischen Fußabdruck aus, der wesentlich geringer ist, obwohl das eigentliche Bewusstsein dafür fehlt.

 

Es ist jetzt die zweite Studie zum Thema: Was sind die Unterschiede gegenüber der ersten Studie aus dem Jahr 2011?

43 Prozent glauben, dass ausreichend für den Naturschutz getan wird.

Die meisten Zahlen sind ähnlich zu denen aus der ersten Umfrage. Allerdings sind nur noch 43 Prozent der Menschen der Meinung, dass derzeit in Deutschland genug für den Naturschutz getan wird. 2009 waren es noch 55 Prozent. Wir werden die Zahlen noch detailliert auswerten. Eine Vermutung ist, dass es sich hier um Nachwirkungen der Ereignisse im Golf von Mexiko und der Atomkatastrophe in Fukushima handeln könnte, denn die Erhebungen für unsere Studie wurden noch im Sommer letzten Jahres durchgeführt.

 

Ist die Bevölkerung beim Thema Energiewende weiter als die Bundesregierung?

Die Energiewende erfreut sich sehr großer Akzeptanz in der Bevölkerung, wenngleich einzelne Energieträger dabei durchaus differenziert gesehen werden. Auch der Naturschutz ist den Deutschen ein sehr wichtiges Thema. Es macht daher Sinn beide Themen auch gemeinsam zu betrachten und Naturschutzbelange frühzeitig in den Umbau des Energiesystems zu integrieren. Ich habe den Eindruck, dass noch nicht allen Politikern dieser Zusammenhang klar ist. Beispielsweise sollte in der Diskussion um den Netzausbau, der ja nun einmal unausweichlich ist, der Naturschutz auch einen hohen Stellenwert haben, damit in der Bevölkerung auch die Bereitschaft oder das Verständnis aufgebracht wird. Denn es gibt noch viel Aufklärungsbedarf, dass wir um einen Ausbau der Netze nicht umhinkommen, wenn wir die Energiewende schaffen wollen. Klar ist: Die Politiker müssen es schaffen, die Leute mit ins Boot zu holen.

 

Laut der Studie ist Bereitschaft zum Engagement bei den Deutschen hoch. Wie könnte das noch besser genutzt werden?

Richtig. Die Studie zeigt, dass sich 18 Prozent der Bevölkerung für den Schutz der Natur bereits aktiv tätig sehen, weitere 38 Prozent äußern, dass sie sich einen aktiven Einsatz zum Schutz der Natur vorstellen können. Hier werden noch große Potenziale deutlich. Auf die konkrete Frage, warum sich die Menschen denn dann nicht mehr für den Naturschutz einbringen, antworten viele, dass schlicht die Zeit oder auch das notwendige Fachwissen fehlen würde. Ganz allgemein geht der Trend stark hin zu Tätigkeiten, die eher kurzfristig und unverbindlich sind, sie sollen auch Spaß bringen. Ich würde das aber gar nicht negativ sehen, sondern eher daraus schlussfolgern, dass die Vermittlung von Umweltschutzthemen niedrigere Schwellen benötigt. Wir sollten daran arbeiten, diese Möglichkeit zu nutzen, um so einen Zugang zu den Menschen zu bekommen, die ja grundsätzlich sehr interessiert an Naturschutzthemen sind.

 

Die Deutschen stehen der Studie zufolge Windkrafträdern sehr positiv gegenüber, nur wenig Akzeptanz gibt es hingegen für neue Hochspannungsleitungen. Wie erklären Sie sich diese unterschiedliche Bewertung?

Ernährung und Naturschutz müssen stärker miteinander verknüpft werden.

Darüber können wir derzeit nur mutmaßen. Vielleicht liegt es daran, dass die Stromnetze ganze Landschaften linear zerschneiden und so ästhetisch großräumiger wirksam sind. Auch ist es denkbar, dass eine gewisse Angst vor der Strahlenbelastung eine Rolle spielt. Den Lärm, der durch Windkraftanlagen entsteht, nehmen die Leute eher in Kauf. Persönlich könnte ich mir auch vorstellen, dass mit Solar- und Windkraftanlagen symbolisch eine stärkere Wertschöpfung vor Ort verbunden wird. Sie stehen gewissermaßen für die Dezentralisierung, die Netze auf der anderen Seite stehen in diesem Zusammenhang eher symbolisch für den Besitz der großen Betreiber und sind so auch negativ besetzt. Auch wenn wir noch nicht genau wissen, woher diese Diskrepanz stammt, kann man aber schon jetzt sagen, dass wir auch hier noch viel Aufklärungsarbeit leisten müssen. Auch kann man über optische Aufwertungen nachdenken. In Skandinavien, beispielsweise, gibt es Strommasten, die aussehen, als wären sie Menschen, die ihre Hände in den Himmel strecken. Das heißt, es sind auch Ingenieure, Architekten und Designer gefragt, optisch ansprechende Lösungen für die notwendigen Konstruktionen zu finden.

 

Wie kann die Politik die Verbraucher besser informieren, die ja laut ihrer Studie ein großes Interesse, vor allem beim Thema Ernährung, besitzen?

Gerade beim Thema Ernährung passiert ja schon eine ganze Menge. Aber ich würde mir wünschen, dass es hier eine stärkere Verknüpfung mit dem Naturschutz geben würde. Man könnte beispielsweise auf Produkten darstellen, welchen konkreten Wert ein solches Erzeugnis für den Naturschutz und den Erhalt bestimmter Kulturlandschaften hat. Anders herum sollte auch vermittelt werden, wie schädlich bestimmte Verfahren sein können, wie viel Wasser beispielsweise notwendig ist, um ein T-Shirt aus konventioneller Baumwolle herzustellen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Zertifikate für regionale Produkte dieses Wissen vermitteln können, indem etwa mit abgebildet wird, inwiefern sich eine ökologische Milchproduktion beispielsweise auf die Grünlandlebensräume auswirkt, was Milch in dieser Hinsicht mit blühenden Wiesen und Schmetterlingen zu tun hat.

Mit nur wenigen Schritten kann man bei der Gartenarbeit jede Menge für die Umwelt tun © agrarfoto.com / WWF
Mit nur wenigen Schritten kann man bei der Gartenarbeit jede Menge für die Umwelt tun © agrarfoto.com / WWF

Aktiver Naturschutz ist durchaus populär bei den Deutschen, doch was machen denn die Deutschen tatsächlich?

Die Deutschen sind vor allem handwerklich und praktisch tätig. Sie arbeiten gerne in ihren Gärten, pflanzen Bäume und Hecken, sie legen Teiche an oder setzen Brutkästen. Das sind zwar alles eher einfache Dinge, die aber sehr wichtig sind, denn auch solche kleine Naturschutzprojekte machen sehr viel Sinn und sind hilfreich.

 

Fast die Gesamtheit der Deutschen empfindet aktiven Naturschutz als eine Pflicht des Menschen. Wie ist das im europäischen Vergleich?

In ganz Europa können wir eine moralische Verpflichtung gegenüber Umweltschutzthemen ausmachen. Etwas speziell hingegen ist das Verhältnis der Deutschen gegenüber ihren Wäldern. Das ist bei uns scheinbar besonders stark ausgeprägt; ansonsten aber ist das Naturbewusstsein in Europa recht ähnlich ausgeprägt.

 

Für fast zwei Drittel ist „bewusster Konsum“ ein wichtiges Thema – welche Signale sendet dies an die Industrie?

Da senden die Deutschen ein ganz deutliches Signal: 76 Prozent bewerten den Einsatz der Wirtschaft zum Schutz der Natur als zu gering oder sind der Meinung, dass Unternehmen mehr tun sollten. Industrie und Naturschutzakteuren ist zu raten, verstärkt Partnerschaften einzugehen. Allerdings funktioniert das nur mit klaren Kriterien und Standards, um dem Vorwurf des Greenwashings wirkungsvoll zu entkräften.

 

Das „Gute Leben“ entwickelt sich zu einem regelrechten Schlagwort. Was beinhaltet dieser Begriff?

Der Aufenthalt in der Natur wird als ein Bestandteil von Glück angesehen.

Das „Gute Leben“ drückt etwas aus, dass die Natur den Menschen bietet, ohne dass damit unmittelbar materielle Werte verbunden sind. Lebensglück spielt dabei eine wichtige Rolle. Das spiegeln im Übrigen auch die erhobenen Daten aus unserer Umfrage wider. Der Aufenthalt in der Natur wird als ein Bestandteil von Glück angesehen. Daraus ergibt sich auch eine moralische Verpflichtung gegenüber der Natur. Es wird meiner Meinung nach in Zukunft immer wichtiger, das Naturkapital Deutschlands als ein Argument für politische Entscheidungen mit einzubeziehen, weil dieses Naturkapital eine Grundlage für dieses Gute Leben sein kann. Ich sehe die Verbände in der Pflicht, die jungen Leute für den Naturschutz zu gewinnen. Darüber hinaus wird das Expertentum der Verbände von den Menschen stark wahrgenommen und geschätzt. Es gilt aber dieses Fachwissen adäquat zu übermitteln, so dass es nicht zu einer Hürde für ein Engagement im Naturschutz wird. Die Experten müssen es schaffen, die Menschen für den Naturschutz zu begeistern. Weiteres großes Potenzial sehe ich in der Zielgruppe Frauen, die eine hohe Bereitschaft zeigen, sich für die Natur zu engagieren, die aber noch zu wenig ausgeschöpft wird. Auch sehe ich noch großes Potenzial bei Senioren. Die Menschen werden heutzutage immer älter, sind immer länger aktiv und wollen sich ebenfalls in ihrer Zeit mit etwas Sinnvollem beschäftigen. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Naturschutz sollte jünger, reifer, weiblicher werden.

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