Wo Braunbären zu Hause sind
Leben und leben lassen: In Slowenien kommen Braunbären und Menschen offenbar gut miteinander aus – anders als bislang in Österreich. WWF-Reporterin Astrid Deilmann war im Bärenland unterwegs.

Seit Kilometern rauschen sie an uns vorbei, Buchen, Tannen, Eichen, Föhren, Lärchen. Ein tiefer, herbstbunter Märchenwald, wie ich ihn in Deutschland noch nie gesehen habe. Hier sollen Braunbären leben, und das glaube ich sofort.
Wir rumpeln über Waldwege mitten in den dinarischen Alpen Sloweniens, als unser Wagen plötzlich abrupt stoppt und das Scheinwerferlicht ausschaltet. „Bär – da vorne!“, ruft unser Bärenführer. Ich recke den Hals und sehe nichts. Wir steigen aus und schließen sachte die Türen. Unser Bärenmann klopft mit der flachen Hand auf seinen linken Unterschenkel: Dicht hinter ihm sollen wir bleiben. Schweigend und suchend stolpere ich hinter ihm über eine große Lichtung, die Kamera im Anschlag. „Da!“, zischt er. Wo? Meine Augen suchen den Waldrand ab. Ich nähere mich einem Bären, ohne ihn zu sehen, denke ich, das kann nicht klug sein, und dann sehe ich ihn doch, knappe 40 Meter entfernt. Ein Braunbär auf den Hinterbeinen, der in unsere Richtung schaut! Vor Schreck schalte ich die Kamera aus, statt zu zoomen. Als ich das Ding endlich wieder funktionsbereit habe, schieße ich nur verwackelte Bilder von einem Bären, der sich unaufgeregt Richtung Wald trollt.
Während wir auf einen Hochsitz klettern, um dort auf weitere Bären zu warten, versuche ich mich zu sortieren. Angst hatte ich keine, als der Jungbär – etwa zwei Jahre, schätzt unser Bärenführer – vor mir stand. Eher Respekt, nein: Ehrfurcht. Als sei da eine unsichtbare Grenze, die Bär und ich nicht überschreiten sollten. Das ist dein Tanzbereich, das ist meiner, du kommst nicht in meinen und ich nicht in deinen.
In Slowenien funktioniert dieses Prinzip ganz gut. Auf dem Weg hierher sind wir von Null auf 700 gefahren. Genau so viele Braunbären gibt es im kleinen Slowenien, in Deutschland hingegen keinen einzigen. Zwei Drittel von ihnen leben im Südwesten des Landes, der Rest im Norden an der Grenze zu Österreich. „Bei uns war der Braunbär nie ausgestorben“, hat Janez Kastelic vom slowenischen Umweltministerium gesagt, als wir in strömendem Regen durch den beeindruckenden Mischwald gefahren sind. Und nicht ohne Stolz hat der Leiter der Abteilung Naturschutzpolitik hinzugefügt: „Jelen ist kein Nationalpark. Was Sie hier sehen, ist ein normales Jagd- und Forstrevier.“
In Jelen tummeln sich gut 500 Bären auf 28.000 Hektar, dazu Luchse und Wölfe. Das Land hat ein funktionierendes Bärenmanagement. Richtet ein Bär Schäden an, springt der Staat ein und zahlt. Manchmal murren einige Schafzüchter, aber gemeutert wird nicht. Seit 1966 ist der Lebensraum der Bären geschützt, gejagt werden dürfen sie nicht mehr, die Population ist stabil und die Erfahrung der Forstbediensteten mit den Großräubern gut. In der Vergangenheit haben sie für verschiedene Wiederansiedlungsprojekte in Europa Braunbärenweibchen gefangen. Kein Kinderspiel, und doch ist es immer geglückt.
Bärenmangel in Österreich

Wenn es nach dem WWF geht, sollen die nächsten Weibchen, die Marco Jonozovic und Anton Marinčič zu fassen bekommen, nach Österreich gebracht werden. Der Leiter des Wildtiermanagements der slowenischen Staatsforste und der Leiter des Forstreviers Jelen haben bereits einige Bärinnen gefangen, und sie würden es gerne für Österreich wieder tun. Denn das Nachbarland leidet unter akutem Bärenmangel. Von ehemals 35 Bären können inzwischen nur noch zwei Tiere zweifelsfrei genetisch nachgewiesen werden, Djuro und Moritz, Braunbärenvater und -sohn. Weil die beiden sich nun mal nicht selbst vermehren können, müssen Weibchen her – sonst wird die Alpenrepublik bald das erste Land der Erde sein, in dem eine Art zum zweiten Male ausstirbt. Und das, obwohl der Lebensraum für Braunbären dort ideal ist, wie verschiedenen Untersuchungen belegen.
Nun „lobbyiert“ der WWF in Österreich mit aller Macht für die Ansiedlung von Bären – gegen massive Vorbehalte. Obwohl eine repräsentative Umfrage im Frühjahr gezeigt hat, dass die Bevölkerung in den geeigneten Bärengebieten Steiermark, Nieder- und Oberösterreich zu über 70 Prozent für neue Bärinnen sind, zögern die Politiker. Landwirte und Jagdverbände fordern, erst müsse das mysteriöse Verschwinden der Bären aus den vergangenen Jahren lückenlos geklärt werden. „Lückenlos – das ist unmöglich“, sagt Jörg Rauer, einer der österreichischen Bärenanwälte. Es gibt verschiedene Erklärungsmöglichkeiten, von denen keine die allein selig machende ist: Krankheit, Abwanderung, illegaler Abschuss. Für letzteres hat die Wiener „Soko Bär“ des österreichischen BKA im vergangenen Winter immerhin einen Beweis gefunden: ein zweijähriges, ausgestopftes Bärenweibchen im Wohnzimmer eines verstorbenen Jägers.
Wir sehen an jenem Abend in Jelen noch zwei quicklebendige Bären. Einer spaziert gemächlich über den Forstweg, ein anderer frisst über eine Stunde lang ausgelegten Mais unmittelbar unter unserem Hochsitz, der sonst den slowenischen Experten zum Bärenmonitoring dient. Er stört sich nicht an uns. Er kommt nicht in unseren Tanzbereich, und wir nicht in seinen.








