Dem Luchs auf der Spur
Das friedliche Zusammenleben zwischen der bedrohten Raubkatzenart und dem Menschen stellt eine ganz besondere Herausforderung dar, die nur durch gezielte Aufklärungsarbeit erreicht werden kann. Es gilt die Ängste von Schafhaltern, aber auch Touristen, Wanderern und Jägern zu überwinden, ihre Fragen zu beantworten und die vorhandenen Vorurteile abzubauen.

Begleitet von zahlreichen Journalisten begab sich der WWF aus diesem Grund auf die Spur des Luchses, zu einer viertägigen Reise (19. bis 22. September) in den Nationalpark Bayerischer Wald. Vor Ort berichteten WWF-Pressereferent Roland Gramling und Dr. Janosch Arnold, Referent Europäische Großsäuger.
Tag 1: Willkommen im Land der Luchse

Schwere, graue Wolken lasten auf den bewaldeten Bergen und Hängen des Bayerischen Waldes. Nebelschwaden steigen träge aus den Tälern aus. Es regnet bereits seit 24 Stunden quasi ununterbrochen. Das Thermometer zeigt kaum zehn Grad an. – Der Herbst präsentiert sich von seiner grauen, regnerischen Seite. Doch auch bei dieser Witterung offenbart eines der größten, zusammenhängenden Waldgebiete Europas seinen einmaligen Charakter. Wild, ursprünglich und auch ein bisschen düster – das sind die ersten Assoziationen, die mir auf dem Weg zum Nationalparkzentrum durch den Kopf gehen. Immer wieder spähe ich in den Wald hinein; neugierig, erwartungsvoll und gespannt. Inzwischen bin ich nämlich Mitten im „Luchs-Land“ angekommen. Hier streift die größte wildlebende Katzenart Europas umher. Und auch wenn es extrem unwahrscheinlich ist, so hoffe ich dennoch auf eine Luchs-Sichtung in den kommenden Tagen – gegen jede Wahrscheinlichkeit. Schließlich sind die scheuen Tiere in ihren großen Streifgebieten meist gut vor dem menschlichen Auge verborgen. Aber wie heißt es so schön: die Hoffnung stirbt zuletzt.
Jetzt geht es aber erst einmal gemeinsam mit den Kollegen aus dem Nationalpark und WWF-Experte Janosch Arnold ins Hans Eisenmann-Haus, dem ältesten Besucherinformationszentrum des Nationalparks. Dort erwartet die Journalisten ein Rundgang durch die neue Dauerausstellung. Und wenn es dann doch mal aufhört zu regnen, können wir sogar einen kleinen Rundgang durch das Pflanzen- und Gesteins-Freigelände unternehmen. (Roland Gramling)

Tag 2: Ganz nah dran
Der WWF unterstützt im Nationalpark das Monitoring der Luchs-Population durch Fotofallen. Außerdem fördert der WWF die Untersuchung von Räuber-Beute-Beziehungen im Bayerischen Wald, wo Luchse mit GPS-Halsbändern besendert werden. Beide Projekte standen am heutigen Reisetag im Mittelpunkt. So konnten wir uns mit Hilfe der Telemetrie-Ausrüstung der Luchs-Katze Tessa bis auf rund 100 Meter nähern. Gesehen haben wir das Tier jedoch nicht - dafür war der Wald jenseits eines kleinen Baches einfach viel zu dicht.
Auch bei dem Besuch zweier Standorte von Kamerafallen hatten wir Glück: Beim Auslesen der Bilder waren tatsächlich zwei Luchs-Aufnahmen dabei. Aber auch Fuchs, Marderhund oder Hase tapsten in die (Kamera-)Falle. Und natürlich auch jede Menge Zweibeiner. Kein Wunder: Ein Fotofallen-Standort liegt in unmittelbarer Nähe zu einem Rastplatz mit Toilettenhäuschen. Trotzdem kommt hier der Luchs oft vorbei.
Warum muss man eigentlich soviel über die Luchspopulation wissen?Durch die Identifizierung mit Fotofallen lässt sich die Präsenz einzelner Tiere über einen längeren Zeitraum und die Populationsentwicklung (Nachwuchs) beobachten. Auch die Abwanderung von Luchsen in andere Regionen kann man so nachweisen. Außerdem können durch das GPS-Projekt gerissene Beutetiere gefunden werden. Dadurch lassen sich Riss-Serien erstellen und der Beutebedarf ermittelt werden. Das ist alles wichtig, um ein wirkungsvolles Management durchzuführen, Mensch-Tier-Konflikte zu vermeiden und geeignete Schutzmaßnahmen in Luchs-Regionen zu planen. (Roland Gramling & Dr. Janosch Arnold)
Tag 3: Magie in der Morgendämmerung
Der dritte Tag im Luchs-Land startet früh. Sehr früh. Um 4:30 Uhr klingelt der Wecker. Kurz darauf geht es gemeinsam mit Mitarbeitern des Nationalparks in den noch finsteren Wald. Wir „sitzen an“ - auf Hochsitzen im Luchs-Streifgebiet. Im Schattenreich zwischen Nacht und Tag wollen wir Wildtiere beobachten.
Noch in der Dunkelheit klettern wir auf einen der Beobachtungsposten. Doch kurz darauf setzt am östlichen Horizont die Dämmerung ein. Langsam, aber unaufhaltsam treibt das Licht des neuen Tages die Dunkelheit vor sich her. Die Lichtung vor uns, bei der Ankunft noch dunkel und schemenhaft grau, gewinnt langsam an Kontur. Bäume, Sträucher und Felsen lösen sich aus der Finsternis, geben dem Wald sein vertrautes Gesicht.
Auch die Geräusche sind uns vertraut. Der Ruf eines Kauzes ist zu hören und je näher der Morgen rückt, desto lebhafter werden die Singvögel. Knackend und ächzend gebärt sich der Wald. Das Wasser eines nahen Baches plätschert. Plötzlich ertönt ein lautes Röhren in der Ferne. Im September beginnt die Zeit der Rothirschbrunft.
Es sind magische Momente. Märchenhaft. Verwunschen. In diesem Augenblick ist der Mythos Wald wieder greifbar. Die Faszination der Wildnis durchdringt mich. Und in Gedanken sehe ich schon einen kapitalen Hirsch majestätisch durch die schleierhaften Nebelschwaden auf die Lichtung schreiten.
Doch daraus wird leider nichts. Nur zwei Eichhörnchen huschen an einem nahen Baum empor. Ansonsten zeigt sich an diesem Morgen kein Tier auf der Lichtung. Doch das macht (fast) nichts. Die Magie dieses Morgens wird noch lange nachwirken. Und immerhin haben wir am Tag zuvor bereits ein Reh beobachten können. Das ist übrigens auch das bevorzugte Beutetier des Luchses. Als drittgrößter Beutegreifer Europas jagt er vor allem Paarhufer wie Reh oder Gams, im Norden Rentier. Auch junge Rothirsche, Schwarzwild, Füchse, Hasen oder Eichhörnchen bilden einen festen Teil des Beutespektrums. Wenige Luchse ernähren sich zeitweise von Nutztieren, wie beispielsweise Schafen. Allgemein gilt: Die Beutetiere des Eurasischen Luchses können dessen Eigengewicht bis zu dreimal übersteigen.
Im Bayerischen Wald sind die Luchse trotz der großen Auswahl an Beutetieren recht wählerisch, wenn es um ihren Speisezettel geht. Aus Untersuchungen von Luchs-Losungen (Kot) und Beuterissen weiß man inzwischen, dass Rehe mit großem Abstand die Leibspeise der Luchse sind. Rotwild, Wildschwein oder Kleinsäuger spielen bei der Ernährung eine untergeordnete Rolle. Der Luchs ist also ein „verschnegter Esser“. Mit dieser Erkenntnis lassen wir die Magie des morgendlichen Waldes hinter uns zurück und starten nach einem Frühstück und reichlich Kaffee in den neuen Tag. Und im Tierfreigehege des Nationalparks sehen wir ihn dann doch noch, den Luchs. (Roland Gramling)
Tag 4: Zeit des Abschieds
Der letzte Tag im Bayerischen Wald ist angebrochen. Bevor wir Abschied nehmen von diesem einmaligen Nationalpark im Herzen Europas, werden wir auf einer Wanderung noch einmal die Stille und Abgeschiedenheit des Waldgebietes erkunden und dem Nationalparkzentrum einen letzten Besuch abstatten. Dank zahlreicher Initiativen und Aufklärungsarbeit vor Ort, wurde der Luchs zu einem „Botschafter“ dieser Region. Doch trotz zahlreicher Erfolge bleibt der Beutegreifer in Deutschland bedroht. In der nationalen Roten Liste wird er als „stark gefährdet“ (Gefährdungsstufe 2) aufgeführt. Der Eurasische Luchs ist außerdem unter dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) im Anhang II aufgeführt. In der Europäischen Union genießt er den höchstmöglichen Schutzstatus und darf somit in den meisten europäischen Ländern (u. a. auch Deutschland) nicht bejagt werden. Trotzdem fallen immer wieder Luchse Verkehrsunfällen zum Opfer oder „verschwinden“ auf ungeklärte Art und Weise. Der Luchs braucht also auch weiterhin unseren Schutz und unser Engagement. Zugleich zeigt die Luchs-Geschichte im Bayerischen Wald, dass eine Rückkehr von Großsäugern nach Westeuropa, wo sie einst großflächig ausgerottet wurden, möglich ist. Ein gutes Zeichen. Nicht nur für Lynx lynx, sondern auch für andere Arten wie Wolf, Bär, Wisent oder Elch.
Wo ist der Luchs zuhause?
Der Eurasische Luchs ist in 49 europäischen und asiatischen Ländern verbreitet – von Frankreich und Spanien im Westen, China und Nordkorea im Osten bis nach Griechenland und Indien im Süden und Norwegen und Russland im Norden. In Europa ist allerdings das ursprüngliche Verbreitungsgebiet, das sich von der Taiga im Norden bis zum Mittelmeer im Süden und von den Pyrenäen im Westen bis zum Ural im Osten erstreckte, stark geschrumpft. Bis 1900 verschwand der Luchs aus fast ganz West- und Südeuropa. Heute kehrt er langsam in seine einstigen Heimat-Regionen zurück.








