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Woher kommen die Bedenken gegen den Nationalpark Nordschwarzwald?

Interview mit Psychologin und Mediatorin Anke Blöbaum

Der Protest gegen den Nationalpark Nordschwarzwald ist kein Einzelfall. Gerade Großschutzgebiete rufen häufig zunächst Widerstand in der ansässigen Bevölkerung hervor. Wie lässt sich diese Ablehnung psychologisch erklären? Anke Blöbaum ist Umweltpsychologin und Mediatorin – gerade bei Konflikten über die Veränderung von Landschaft.

Anke Blöbaum im Gespräch zu den Bedenken gegen den Nationalpark Nordschwarzwald © Anke Blöbaum
Anke Blöbaum im Gespräch zu den Bedenken gegen den Nationalpark Nordschwarzwald © Anke Blöbaum

Die Einrichtung eines Nationalparks im Nordschwarzwald stößt auf teilweise lauten Protest aus der Bevölkerung. Was sind mögliche psychologische Gründe für so ein ablehnendes Verhalten?

Ein Grund ist, dass die Leute sich zum jetzigen Zeitpunkt vorstellen müssen, wie das Ganze in Zukunft aussehen wird. Das ist für uns schwierig. Wenn es auch noch eine so groß angelegte Sache ist, die ich nicht wirklich überblicken kann, bin ich natürlich erst einmal eher dagegen. Das hat mit einer Form von Kontrollverlust zu tun und der Angst vor etwas Unbekanntem: Die Situation, so wie sie jetzt ist, kenne ich. Wenn ein Eingriff erfolgt und sich die ganze Umgebung ändert, weiß ich nicht, was mich erwartet. Dann lieber alles so lassen, wie es ist. Diese Reaktion ist nicht irrational. Außerdem ist natürlich die Frage, wie solche Veränderungen optisch aussehen. Das kann man mehr oder weniger attraktiv finden.

Welche Landschaften werden denn in der Regel als attraktiv wahrgenommen?

Erkenntnisse aus der Umweltpsychologie zeigen, dass offene Parklandschaften generell als besonders ästhetisch wahrgenommen werden. Also Kulturlandchaften - nicht dichte, unüberschaubare Wildnis. Wenn etwas sehr unberührt oder sehr wild ist, nimmt man es eher als gefährlich oder unkontrollierbar wahr – oder auf der ästhetischen Ebene als unaufgeräumt. In unserem Kulturkreis sind wir es ja gewohnt, in Kulturlandschaften zu leben und Natur auch in irgendeiner Form zu kultivieren und zu kontrollieren. Die Natur sich selbst zu überlassen, das kennen wir gar nicht mehr.

Die größte Angst im Nordschwarzwald gilt der Einschränkung von Freizeitmöglichkeiten im Wald. Wieso ist das für die Menschen wichtiger als der Naturschutz?

Studien zeigen, dass naturnahe Erholungsgebiete eine große Bedeutung haben – nicht nur subjektiv, die Menschen erholen sich in der Natur tatsächlich besser. Doch in Naturschutzgebieten gibt es Verhaltensauflagen, die zunächst als Einschränkung empfunden werden. Denn sie sind nicht unbedingt nachvollziehbar. Die Menschen können nicht verstehen, warum sie bestimmte Gebiete nicht betreten dürfen oder warum ihr Hund da nicht hinlaufen darf. Der Hund ist schließlich auch Natur, dann kann er doch frei laufen. Ein Mountainbiker versteht auch nicht, warum er nicht durch das Unterholz fahren darf. Da bedarf es einer guten Kommunikation vor Ort, beispielsweise durch Ranger. Einerseits muss man Gründe deutlich machen, andererseits Kompromisse aushandeln. Vor allem muss man sich aufrichtig dafür interessieren, was die Bedenken sind.

Welche Rolle spielen alte Gewohnheiten bei der Ablehnung von Schutzgebieten?

Eine große: Es geht um ein Gebiet, das die Leute schon lange kennen, das sie ganz lange nutzen und das sie nun möglicherweise nicht mehr in der gewohnten Art nutzen können. Wenn jemand dort aufgewachsen ist und Kindheitserinnerungen an ein bestimmtes Waldstück hat, durch das er gestromert ist und wo er Beeren gesammelt hat, dann ist das oft ein sehr romantisches Bild und stark an die eigene Biografie gekoppelt: Seit meinen Kindheitstagen bin ich immer durch diesen Wald gelaufen und habe da tolle Sachen gemacht. Wenn nun ein Schutzgebiet daraus gemacht wird, darf ich da möglicherweise gar nicht mehr hin. Solche Gedanken werden ausgelöst. Ob die Leute wirklich nächsten Sonntag Heidelbeeren sammeln, spielt gar keine Rolle. Aber sie wissen, sie dürfen es nicht. Gerade Kindheitserinnerungen sind sehr prägend für das Naturverhältnis der Menschen.

Im Nordschwarzwald wurde die Bevölkerung von Anfang an in die Planungen einbezogen. Wie wichtig ist so eine Beteiligung für Akzeptanz von Großschutzprojekten?

Das ist sehr wichtig. Denn häufig kommt ablehnendes Verhalten daher, dass Menschen einen Kontrollverlust erleben: Da wird etwas entschieden, ihre Umgebung wird verändert, und sie haben kein Mitspracherecht und können das nicht in irgendeiner Form beeinflussen. Dann haben sie Sorge und ein mehr oder weniger berechtigtes Misstrauen, wie das alles ablaufen wird. Und dann regen sich Proteste. Wenn man die Leute aber beteiligt, treffen sie Entscheidungen, die gar nicht unbedingt egoistisch sind - oder sie akzeptieren sogar persönliche Nachteile. Entscheidend ist, dass die Menschen verstehen, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden, und dass sie auch aktiv mitüberlegen können, welche Alternativen es eigentlich gibt. Das haben verschieden Großprojekte in der Vergangenheit gezeigt.

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