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Stand: 25.09.2013

Geplanter Nationalpark Schwarzwald: Diskussion um eine große Chance

In hitzigen Debatten streiten Bewohner des Nordschwarzwalds um den geplanten Nationalpark. Dieser bietet große Chancen für Natur, Tourismus und Wirtschaft - und doch ruft er auch lautstarke Gegner auf den Plan. Doch ihre Argumente werden durch ein aktuelles Gutachten größtenteils entkräftet.

Im Nordschwarzwald soll ein Nationalpark entstehen © Karl Gutzweiler / WWF
Der Nordschwarzwald © Karl Gutzweiler / WWF

Es soll der Urwald von morgen werden, im Nordschwarzwald zwischen Baden-Baden und Freudenstadt, auf mindestens 10.000 Hektar. Die baden-württembergische Landesregierung unterstützt das Vorhaben ebenso wie der WWF. Baden-Württemberg ist neben Rheinland-Pfalz bisher das einzige Flächenland in Deutschland ohne Nationalpark.

Doch vor Ort regt sich Protest: „Einzelne in der Bevölkerung haben Bedenken, dass der Nationalpark Veränderungen bringt, die nicht einschätzbar sind, und diese Bedenken werden offen diskutiert“, erklärt Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland beim WWF.

Ängste gefährden das Schutzgebiet

Die Mehrheit der Bewohner im Nordschwarzwald stimmt laut einer Forsa-Umfrage für den Nationalpark und ein aktuelles Gutachten der baden-württembergischen Landesregierung zeigt eindeutig die Chancen auf, die das Schutzgebiet für die Region bietet – nicht nur für die Natur, sondern beispielsweise auch für den Tourismus. Die meisten der vorgetragenen Bedenken und Ängste lassen sich durch das teilweise Gutachten ausräumen. Doch die Diskussion im Nordschwarzwald wird emotional geführt. Das schadet der Entwicklung des Nationalparks, verzögert möglicherweise den gesamten Prozess und könnte sogar eine sinnvolle Gestaltung verhindern. „Ich glaube nicht, dass der Nationalpark scheitert. Aber ich sehe die Gefahr, dass wichtige Naturräume nicht aufgenommen werden“, sagt Diana Pretzell. Sie befürchtet, dass Gemeinden politisch motiviert aus dem Suchraum genommen werden – auch wenn diese Entscheidung für die Natur und die regionale Entwicklung nicht sinnvoll sind.

Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland © Philipp Gülland / WWF
Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland beim WWF Deutschland © Philipp Gülland / WWF

Auch ein ungenutzter Wald hat einen Nutzen

Die Bevölkerung im Nordschwarzwald ist seit Jahrhunderten innig mit „ihrem“ Wald verbunden. Seit Generationen leben die Menschen in dem Bewusstsein, der Wald müsse „gepflegt“ und „aufgeräumt“ werden. Wolfgang Schlund, Leiter des Naturschutzzentrums Ruhestein, kennt die Region und ihre Bewohner sehr gut: „Die Leute hier tun sich schwer damit, Wald aus der Nutzung zu nehmen und zu sagen, das Holz lässt man jetzt vergammeln – wo sie es doch vor Jahren mühsam gepflanzt, gehegt und gepflegt haben. Es ist schwierig zu vermitteln, dass ein Wald auch Wert hat, wenn er nicht mehr in der forstwirtschaftlichen Nutzung ist.“

Die Natur braucht unbewirtschaftete Flächen, um sich frei zu entfalten. In einem natürlichen Wald gibt es auch alte, zerfallende und tote Bäume – genauso wie Büsche und andere niedrige Pflanzen. Das nutzt der Artenvielfalt. „In der Regel werden die Wälder geerntet, wenn sie hundert Jahre alt sind. Aber so eine Fichte oder Tanne kann natürlich viel, viel älter werden. Und je älter sie werden, desto mehr Organismen – ob Pilze, Insekten oder Vögel – leben von den Bäumen“, erklärt Biologe Schlund.

Je größer die Fläche, desto besser kann sich ein Mosaik unterschiedlichster Waldbilder entwickeln. Außerdem gibt es weniger Randeffekte von außen. Und viele Tierarten, wie zum Beispiel der Dreizehenspecht, haben einen großen Raumbedarf. „Es ist wichtig, dass der endgültige Nationalpark wenigstens 10.000 Hektar hat – gerne deutlich mehr – und dass er unzerschnitten ist“, beschreibt Diana Pretzell die Forderungen des WWF. „Nur dann reicht der Lebensraum aus, um großflächigen Naturschutz und großflächige Prozesse voranzutreiben und sinnvoll zu gestalten.“

Nationalparks in Deutschland. Zum Vergrößern bitte klicken. © WWF
Infografik Nationalparks in Deutschland. © WWFLupe

Die Ängste sind unbegründet

Ein großer Wald, der irgendwann völlig sich selbst überlassen bleibt – angesichts dieser Pläne führen die Gegner vor Ort verschiedene Ängste ins Feld. Diese reichen vom fehlenden Holz für die Sägereien über verschmutztes Wasser bis zur Entwicklung einer Borkenkäferplage. Doch das Nationalpark-Gutachten, das die Landesregierung Baden-Württembergs im April vorstellte, bescheinigt der Region wesentlich mehr Chancen als Risiken durch das Schutzgebiet. In das Gutachten wurden Anregungen und Fragen der Bevölkerung einbezogen und es kann viele Ängste entkräften.


So schließen die Experten aus, dass die Qualität des Trinkwassers sich durch den Nationalpark verschlechtert. Großflächige Schäden durch den Borkenkäfer erwarten sie in einem fichtengeprägten Nationalpark nicht. Auch große Pufferzonen rund um den Nationalpark schützen angrenzende Wälder, hier werden Borkenkäfer intensiv abgewehrt. Erfahrungen aus anderen Nationalparks zeigen, dass solche Pufferzonen gut funktionieren.

Die Befürchtung, der Nationalpark könnte große Nachteile für die Holzwirtschaft und die Sägereien der Region mit sich bringen, wird durch das Gutachten ebenfalls entkräftet. Die Holzmengen, die durch einen Nationalpark verloren gehen, werden aus anderen Gebieten des Staatsforstes ersetzt. Das hat die Landesregierung zugesichert. „Außerdem sind wenige Sägereien in größerem Rahmen betroffen und von deren Einkommen jeweils weniger als zehn Prozent. Die Relevanz ist also gering“, urteilt Diana Pretzell.

Auerhahn (Tetrao urogallus) © Wild Wonders of Europe / Erlend Haarberg / WWF
Auerhahn (Tetrao urogallus) © Wild Wonders of Europe / Erlend Haarberg / WWF

Viel Platz für Wendehals & Co

Dagegen bedeutet der Nationalpark eine große Entwicklung für die gesamte Region – für die Natur, die Wirtschaft und den Tourismus, wie das Nationalparkgutachten zeigt. In der ungestörten Natur eines Nationalparks nimmt die Vielfalt von Tieren, Pflanzen und Bäumen zu und gerade gefährdete Arten erhalten einen wichtigen Lebensraum.


Wolfgang Schlund vom Naturschutzzentrum Ruhestein erwartet im Nationalpark unter anderem Hirsche, Auerhühner, und den Sperlingskauz – aber auch unspektakuläre, aber ökologisch wichtige Tiere wie totholzbewohnende Insekten. „Es geht nicht nur darum, dass Neues kommt, sondern dass Arten, die bei uns zum Glück noch vorkommen, stabilisiert werden und dauerhaft einen Lebensraum finden. Es geht um diese großen Schutzflächen, die man da ermöglicht. Und in diese Schutzflächen kommen dann vielleicht auch Tierarten wie der Wendehals.“

Bereicherung – auch für Menschen

Die Gegner des Schutzgebietes befürchten, dass der Mensch den Wald nicht mehr so nutzen kann wie bisher – sei es zum Heidelbeersammeln, Pilzesuchen oder Spazierengehen. Doch auch schon heute sind viele einzelne Bereiche in dem Gebiet geschützt, dort ist das Sammeln von Pilzen oder Heidelbeeren schon jetzt nicht erlaubt. Außerdem werden die Menschen aus dem Nationalpark keinesfalls ausgeschlossen. „Der Mensch ist ein Teil der Natur, und der Mensch muss dieses erfahren dürfen. Und dazu muss ich ihn auch dort hin lassen“, betont Wolfgang Schlund.
Der Nationalpark Nordschwarzwald soll nicht nur für die Natur sondern auch für die Menschen eine Bereicherung sein. Nationalparks in Deutschland sind frei zugänglich, kosten keinen Eintritt und bieten die einzigartige Gelegenheit, eine unberührte Natur zu erleben. In bestimmten Bereichen ist sogar das Beeren- und Pilzesammeln möglich.
Eine Entscheidung über den Nationalpark könnte bis zum Jahresende oder kurz darauf fallen. Viele Menschen in der Region betrachten den Nationalpark bereits jetzt als Gewinn. Wolfgang Schlund geht davon aus, dass mehr als zwei Drittel  der Bevölkerung seine Ausweisung befürworten. Doch das ist ihm nicht genug: „Ich wünsche mir, dass bald alle hier mit Stolz von UNSEREM Nationalpark sprechen, dass die ganze Region sagt, hier haben wir unseren Nationalpark – und das ist einer der richtig guten Nationalparks Deutschlands.“

 

Von Stephanie Probst

Was ist ein Nationalpark?

Ein Nationalpark muss laut den Vorgaben der IUCN mindestens 10.000 Hektar groß sein. Auf Dreiviertel dieser Fläche, in der Kernzone, darf die Natur nicht bewirtschaftet werden. Denn sie soll sich komplett ungestört entfalten.  Trotzdem darf der Mensch sich in diesem Wald bewegen und erholen, solange er dadurch den Naturschutz nicht gefährdet.

In einem Entwicklungsnationalpark wie dem Nordschwarzwald bleiben von der Ausweisung an 30 Jahre, bis der Mensch ihn sich selbst überlassen muss. In dieser Zeit können Veränderungen, wie zum Beispiel trocken gelegte Moore, in einen möglichst ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden.

Rund um die Kernzone gibt es eine sogenannte Pufferzone, die bewirtschaftet werden darf und Raum zwischen Nationalpark und angrenzenden Flächen schafft.

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