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Stand: 09.09.2016

Naturschutz und Trophäenjagd: ein gespanntes Verhältnis

Interview mit Philipp Göltenboth, Leiter des Fachbereichs Afrika & Südamerika beim WWF Deutschland

Frage: Kaum ein anderes Thema wird ähnlich kontrovers diskutiert wie die Trophäenjagd und ihr möglicher Beitrag zum Naturschutz. Selbst Tier-, Arten- und Naturschützer sind sich uneins. Gegner lehnen das Töten von Tieren aus ethischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Gründen generell ab. Befürworter hingegen heben den wirtschaftlichen Nutzen hervor, den der Jagdtourismus in meist wirtschaftlich benachteiligte Regionen bringen kann und der für mehr Akzeptanz für den Naturschutz unter der lokalen Bevölkerung sorgen kann. Wie siehst du das Thema?

Philipp Göltenboth: Ich kann die Faszination am Abschießen von Löwen oder Elefanten absolut nicht nachvollziehen. Gleichwohl ist die Trophäenjagd in einigen Gebieten, in denen der WWF arbeitet, Realität. Wenn wir im südlichen Afrika in die Dörfer kommen und den Menschen sagen, ihr dürft keine Wildtiere jagen und müsst ertragen, dass sie eure Felder verwüsten oder eure Rinder reißen, werden wir keinen Erfolg haben. Das System der so genannten „Conservancies“ – also Gemeindeschutzgebieten – beruht darauf, dass die Gemeinden z.B. Trophäenjägern oder einem Fotosafariunternehmen erlauben, eine Lodge zu bauen und im Gegenzug am Umsatz beteiligt werden. Für die ländliche oft verarmte Bevölkerung ist das manchmal eine der wenigen Chancen, überhaupt Geld zu verdienen. Deshalb nehmen wir die geregelte Jagd unter sehr engen Kriterien hin. Das kann manchmal die einzige Möglichkeit sein, nachhaltig die Natur „in-Wert zu setzen“. Nur dann entsteht ein Anreiz, diese auch zu erhalten. Der lebendige Elefant muss mehr wert sein als seine Stoßzähne. Zugleich steht für den WWF immer im Vordergrund, alternative, nachhaltige Einnahmequellen für die Bevölkerung zu schaffen. Das Spektrum reicht von Ökotourismus bis hin zur Vermarktung regionaler Produkte.

Kann die Jagd einfach verboten werden?

Die jeweiligen nationalen Behörden entscheiden über Jagd, Abschussquoten und die Vergabe von Lizenzen. In Kenia hat sich das Verbot der Trophäenjagd bewährt. In Botswana hatte ein Verbot genau den gegenteiligen Effekt. Der WWF versucht in manchen dieser Länder beratend zu agieren, um die Quoten nachhaltig zu gestalten. Sie werden letztendlich jedoch von den Regierungen festgelegt.

Gibt es eine offizielle Position zur Trophäenjagd?
Ja. Der WWF lehnt jede Form von Jagd ab, die nicht höchsten Anforderungen hinsichtlich der Nachhaltigkeit (Erhalt der bejagten Arten), des Tierwohls (möglichst schmerz- und störungsfrei jagen) und der Tierwürde (ethische Grundsätze, Verwertung erlegter Tiere) entspricht. Wir verlangen, dass die Menschen vor Ort etwas davon haben, wenn in ihrer Heimat gejagt wird. Dadurch steigt ihr Interesse, die Natur zu bewahren. Jede Form von Wilderei, zu der auch unkontrollierte Trophäenjagd gehören kann, lehnt der WWF ebenso ab wie Gatterjagd.

Wie wichtig sind die Einnahmen aus der Jagd für den Naturschutz?
Das ist regional sehr unterschiedlich. Reiseveranstalter verweisen gern darauf, dass die Trophäenjagd dazu beitragen könne, dringend benötigte Einnahmen für den Naturschutz und die einheimische Bevölkerung zu erzielen. In der Theorie stimmt diese Argumentation, in der Praxis kommt leider allzu oft viel zu wenig bei den Menschen vor Ort an.
Es gibt allerdings in der Tat positive Beispiele: In manchen Gegenden ist durch die Jagdaktivitäten die Zahl der illegalen Abschüsse drastisch zurückgegangen und die Bestände konnten sich erholen. Im südlichen Afrika konnten Einnahmen aus der Trophäenjagd zur Umsiedlung von Breitmaulnashörnern zur Bestandsstützung genutzt werden. Dennoch ist die Jagd ganz sicher kein Allheilmittel. Unter den Anbietern finden sich oft schwarze Schafe. Der Abschuss des besenderten Löwen Cecil in Simbabwe zeigt dies beispielhaft.

Worin unterscheidet sich Trophäenjagd von Wilderei?
Die Grenzen sind zwar manchmal fließend, aber die geregelte Jagd ist grundsätzlich anders zu bewerten als die Wilderei. Bei kontrollierter Trophäenjagd dürfen nur bestimmte vorher ausgewählte Tiere erlegt werden, damit der Bestand insgesamt nicht gefährdet wird. Das ist in einigen Regionen Bestandteil des Wildtiermanagements – auch wenn die Abschussquoten oft zu hoch angesetzt werden, die Kontrolle fehlt oder das erwirtschaftete Geld nicht zurück in den Naturschutz und die Gemeinden fließt. Wilderer töten hingegen völlig unkontrolliert und nehmen die Ausrottung ganzer Populationen in Kauf. Rund 30.000 Elefanten und rund 1400 Nashörner wurden in den zurückliegenden zwölf Monaten aus purer Profitgier abgeschlachtet. Der Gesamtwert des illegalen Handels mit Arten aus der Wildnis wird auf mindestens 19 Milliarden US Dollar pro Jahr geschätzt.
Demgegenüber sind die negativen Folgen der Trophäenjagd inzwischen weit weniger gravierend. Historisch gesehen haben Trophäenjäger aber einen wesentlichen Anteil an der Ausrottung des Quagga, des syrischen Wildesels und diverser Gazellenarten. Großwildjäger haben zudem zur Dezimierung der Tiger (und zum Aussterben des Kaspischen Tigers) beigetragen und tragen die Verantwortung für das Verschwinden der Geparden in Nordafrika und Asien, des Berberlöwens in Nordafrika und des Kaplöwen in Südafrika. Diese Fälle liegen weit zurück, als auch die kolonialen Jäger nahezu ungeregelt unterwegs waren. Heute ist Trophäenjagd vor allem ethisch fragwürdig.

Mensch-Tier-Konflikte in Afrika

   
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