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Stand: 07.08.2014

FairWild: Heilpflanzen vor dem Aussterben schützen

Teufelskralle, Johanniskraut, Echinacea oder auch Weihrauch - immer mehr Menschen nutzen die Kraft der Natur. Heilkräuter sind beliebt und werden jährlich tonnenweise für medizinische Produkte verwendet. Doch der Boom bedeutet auch den Ausverkauf. Viele Heil- und Aromapflanzen weltweit sind inzwischen in ihrem Bestand bedroht. Das müsste nicht sein.

Die Frauen vom Stamm der Samburu im Norden Kenias ernten Weihrauch-Harz. Das ist nicht einfach, die Bäume haben lange, scharfe Dornen und die Frauen müssen abwechselnd Wache halten, um sich vor wilden Tieren wie Löwen und Elefanten zu schützen. Trotzdem ist die Arbeit beliebt, die Samburu-Frauen bleiben oft zwei bis drei Tage hier draußen in der Halbwüste fernab des Alltags in ihrem Dorf. Sie singen viel miteinander während sie Harz sammeln – und sie wissen, dass sie für ihre Arbeit gutes Geld bekommen. Weihrauch kennen manche von uns vielleicht nur aus der Kirche. Das Harz – auch Olibanum genannt – hat heute aber auch immer mehr kosmetischen und medizinischen Wert. Es findet sich in Anti-Aging-Cremes und Parfums, soll antiseptisch wirken und zum Beispiel gegen Rheuma, Asthma und Bronchitis helfen. Manche glauben sogar an eine heilende Wirkung bei Krebs.

Gefährliches Wildsammeln

Weihrauch-Harz tropft aus einem Schnitt im Baum © Colin Winder / Neals Yard Remedies
Weihrauch-Harz tropft aus einem Schnitt im Baum © Colin Winder / Neals Yard Remedies

Vorsichtig ritzen die Samburu-Frauen kleine Schnitte in die Baumrinde, damit der harzige Weihrauch-Saft heraustropft. Dabei achten sie darauf, den Baum nicht ernsthaft zu schädigen. Denn sie ernten das Harz nicht etwa auf einer Plantage, auf der ständig neue Pflanzen nachgezüchtet werden. Sie sammeln den wertvollen Rohstoff von wild wachsenden Bäumen mitten im trockenen Norden Kenias.

Das ist alles andere als ungewöhnlich, die meisten Heilpflanzen – auch für den deutschen Markt – werden wild gesammelt. „Viele Heilpflanzen sind nur sehr schwer anzubauen und brauchen Jahre, bis sie die volle Heilkraft entfalten – wenn überhaupt“, erklärt Dr. Arnulf Köhncke vom WWF Deutschland. „Ein kommerzieller Anbau lohnt sich für die Hersteller oft nicht.“ Bis zu 70.000 Pflanzenarten werden weltweit für medizinische Zwecke genutzt, über 90 Prozent davon wild gesammelt. Je größer die Nachfrage nach einer bestimmten Pflanze ist und je abhängiger die Sammler von ihr als Einkommensquelle sind, desto größer ist für die Pflanze die Gefahr der Übernutzung und sogar des Aussterbens. 

FairWild: Rettung vor dem Ausverkauf

Samburu-Frau Margaret © Colin Winter / Neals Yard Remedies
Samburu-Frau Margaret © Colin Winter / Neals Yard Remedies

Die Samburu-Frauen wissen, dass sie nur langfristig vom Sammeln des Weihrauchs leben können, wenn sie die Bäume dabei am Leben erhalten. Sie sind Teil des FairWild Programms für das nachhaltige Sammeln von Baumharzen in Kenia. „Die Hauptbedrohung für wild wachsende Heilpflanzen ist, dass sie oft nicht nachhaltig gesammelt werden“, sagt Dr. Arnulf Köhncke. „Das ist ein Riesenproblem, denn der Handel mit Wildpflanzen ist inzwischen ein großer Industriezweig mit jährlichen Exportumsätzen von über 2 Milliarden US-Dollar.“

FairWild könnte die Lösung des Problems sein: ein international anerkannter Standard zur nachhaltigen Sammlung von Heilpflanzen, entwickelt vom WWF, dem Bundesamt für Naturschutz (BfN), der Weltnaturschutzunion IUCN und dem Artenschutznetzwerk TRAFFIC gemeinsam mit Partnern aus der Industrie. 

Faire Bedingungen für Umwelt und Menschen

FairWild-Logo
FairWild-Logo

FairWild regelt nicht nur Sammelzeiten, Ruhephasen und welche Teile den Pflanzen entnommen werden dürfen, um sie nicht für immer zu schädigen. FairWild sorgt auch für faire Löhne bei den Sammlern, die oft zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen ihrer jeweiligen Region gehören.

„Die Schaffung eines solchen Standards war ein Durchbruch, denn er liefert Regierungen, Händlern und Sammlern weltweit konkrete Anleitungen für eine schonende, ökologische und sozial verträgliche Wildsammlung“, betont Dr. Arnulf Köhncke. Auch die Samburu in Nordkenia profitieren vom fairen Lohn – und von einem Prämien Fonds, der für soziale Belange der Dorfgemeinschaft angelegt wurde. „Es ist ein Gemeinschaftsbonus, zusätzlich zu unserem Lohn für das Sammeln“, sagt Margaret, eine der Samburu-Frauen. „Wir verwenden das Geld, um Nahrung, Kleidung und Bücher für unsere Kinder zu kaufen und um Schulgebühren zu bezahlen.“ Die Kombination aus sozialen und ökologischen Gesichtspunkten setzt neue Maßstäbe unter den Produktstandards. Wichtig ist nun, dass viele Firmen mitziehen und FairWild-Rohstoffe für ihre Produkte verwenden.

Was können Verbraucher in Deutschland tun?

FairWild-Siegel auf einem Produkt © WWF
FairWild-Siegel auf einem Produkt © WWF

Der Kenianische Weihrauch ist nur eines unzähliger Beispiele. Ob in medizinischen Produkten, in der Kosmetik oder im Essen – unsere Nachfrage nach Heil- und Aromapflanzen steigt stetig. Die pharmazeutische Industrie nutzt jährlich tausende Tonnen der Wirkstoffe aus der Natur. Doch etwa 15.000 der heilenden Pflanzenarten sind heute durch Übernutzung und Lebensraumverlust bedroht.

„Verbraucher sollten auf das FairWild Logo achten und auch konkret nach Produkten mit diesem Zertifikat fragen“, rät Dr. Arnulf Köhncke vom WWF. „Weltweit müssen naturverträgliche und schonende Sammelmethoden entwickelt und gefördert werden. Denn wir wollen die biologische Vielfalt an Heilpflanzen weltweit erhalten und können auf viele Inhaltsstoffe nicht verzichten.“ In den ärmeren Ländern unserer Erde bleibt den Menschen bei Krankheit oft nur die Apotheke aus der Natur. Aber auch die westlichen Industrienationen sind auf Heilpflanzen angewiesen.

Mit Hilfe des FairWild-Siegels für nachhaltiges und sozial verträgliches Wildsammeln können wir uns die wichtigen Rohstoffe der Heilpflanzen langfristig sichern und die Lebensgrundlage der Menschen vor Ort bewahren. Doch das Siegel muss sich auf dem Markt erst noch etablieren. Die Chancen stehen gut. Nun liegt der Erhalt vieler kostbarer Heil- und Aromapflanzen auch in der Hand der Verbraucher.


Von Stephanie Probst

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