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Stand: 30.03.2016

"Es wird mehr Buschfleisch aus den Wäldern geholt"

WWF-Artenschutzexperte Stefan Ziegler über den wachsenden Handel mit Wildtieren als Nahrungsmittel in Afrika

Typische Bushmeat-Ladung in Dzanga Sangha, Zentralafrika. © Johannes Kirchgatter / WWF
Typische Bushmeat-Ladung in Dzanga Sangha, Zentralafrika. © Johannes Kirchgatter / WWF
Stefan Ziegler, WWF-Artenschutzexperte. © Ralph Kampwirth / WWF
Stefan Ziegler, WWF-Artenschutzexperte. © Ralph Kampwirth / WWF

Frage: Was genau ist Buschfleisch?

Ziegler: Buschfleisch wird allgemein das Fleisch von waldlebenden Tierarten genannt. Nicht nur Säugetiere, ebenfalls einige Reptilien- und Vogelarten liefern Buschfleisch, das in vielen Teilen der Welt als billige und häufig einzige Quelle tierischen Proteins für die Landbevölkerung dient. Vor allem in subtropischen und tropischen Regionen ist die Bedeutung von Buschfleisch für die Ernährung der Bevölkerung enorm. Denn ohne Buschfleisch bestünde für mehrere Millionen Menschen die Gefahr der Mangelernährung.

 

Werden in Afrika heutzutage mehr Wildtiere zur Nahrungsversorgung gejagt?

Ziegler: Seit etwa 30 Jahren beobachten wir vor allem in West- und Zentralafrika die Kommerzialisierung des Buschfleischhandels. Das heißt, Tiere werden nicht nur zur Eigenversorgung gejagt und gegessen, sondern in zunehmenden Maße wird deren Fleisch auch über mehrere Hundert Kilometer in die Ballungszentren transportiert und dort verkauft.

 

Der Jagddruck nimmt zu und die Bestände von einigen Tierarten nehmen deutlich ab oder sind bereits verschwunden. Zwei Arten von Stummelaffen sind beispielsweise durch den gestiegenen Buschfleischhandel schon ausgestorben. Doch auch das Fleisch von Menschenaffen landet auf den Märkten. Über 6.000 Gorillas werden pro Jahr für den Buschfleischhandel getötet.

 

Auch Elefanten werden mittlerweile nicht nur wegen ihres Elfenbeins geschossen, sondern die Wilderer sind auch hinter ihrem Fleisch her. Mit den Tieren gehen dem Tropenwaldsystem wichtige ökologische Funktionen verloren, denn viele Tierarten dienen als Samenverbreiter oder halten Baumschädlinge in Schach.

 

Neue Untersuchungen weisen darauf hin, dass heute mehr Buschfleisch aus den Wäldern geholt wird. In mehr als einem Drittel des Kongo-Waldbeckens ist der Jagddruck erheblich gestiegen und viele Tierbestände sind dort stark bedroht. Das sind vor allem Gebiete mit einer hohen Dichte an Verkehrswegen, innerhalb deren sich zuweilen auch Schutzgebiete eingebettet finden. Dies bereitet uns große Sorge, denn wir vermuten, dass die Fähigkeit der Tierarten, dem Jagddruck Stand zu halten, erschöpft ist. Gelingt es uns nicht bald, den Jagddruck zu reduzieren, werden wir in weiten Teilen Afrikas bald mit Wäldern zu tun haben, deren Fauna größtenteils verschwunden ist.

Ist die Zucht von Haustieren keine Lösung?

Ziegler: Die Zucht von Nutztierrassen zur Fleischversorgung, wie wir sie in Europa kennen, hat nicht das Potenzial, das Buschfleischproblem zu lösen. Dies liegt auch daran, dass es die Tierzucht im tropischen Afrika mit einer Reihe von veterinärmedizinischen Problemen zu tun hat. Rinder leiden beispielsweise unter einem Erreger der Schlafkrankheit, so dass deren Zucht in Waldgebieten schwierig ist. Weite Teile der Bevölkerung sind Muslime und dürfen kein Schweinefleisch verzehren.

 

Buschfleisch scheint bei den Menschen aber generell gegenüber dem Fleisch von Nutztieren Vorrang zu haben. Dies scheint nicht eine Frage des Geldbeutels, sondern eher des Geschmacks zu sein: Denn selbst wenn das Fleisch von Nutztieren billiger ist, bevorzugt die einheimische Bevölkerung Buschfleisch. Kulinarische Traditionen sind wohl schwierig aufzubrechen.

 

Weshalb wächst der Verzehr von Wildfleisch mit wachsender städtischer Bevölkerung?

Ziegler: Vermutlich, weil man es sich leisten kann, in den Städten das etwas teurere Buschfleisch zu kaufen. Mit dem Trend der Urbanisierung in Afrika geht ebenfalls eine Zunahme der Kaufkraft der Bevölkerung einher. Mit der Verbesserung des Transportwegesystems und der Erschließung weiter Teile des Regenwaldes gelangt immer mehr Buschfleisch in die Städte. Steigendes Angebot und verringerte Transportkosten machen Buschfleisch in den Städten erschwinglich.

 

Zudem ist die Urbanisierung ebenfalls ein relativ junges Phänomen. Die Bevölkerung, die erst vor kurzem in die Städte gezogen ist, hält noch an ihrer kulinarischen Tradition fest.

 

Und dort, wo es eine Nachfrage nach Buschfleisch gibt, entsteht auch ein Markt, der mitunter aus den entlegensten Landesteilen bedient wird. Ein Teufelskreis, der erst dann zum Erliegen kommen wird, wenn es keine Wildtiere mehr gibt.

 

Welche Lösungen des Buschfleischproblems sieht der WWF?

Ziegler: Dass Buschfleisch eine wichtige Rolle für die Ernährung der Bevölkerung spielt, steht nicht zur Debatte. Vielmehr ist es das momentane Nicht-Management der Ressource, die uns gewaltige Sorgen macht. Das Kardinalproblem ist dabei die lückenhafte Informationslage über Buschfleischerträge und -konsum, die es so schwierig macht, geeignete Managementmaßnahmen zu veranlassen.

 

Deshalb entwickelt der WWF zusammen mit TRAFFIC, dem gemeinsamen Artenschutzprogramm mit der Weltnaturschutzunion (IUCN), ein Monitoring-System, das den Ländern Zentralafrikas dient, den Zustand der Ressource Buschfleisch abzufragen.

 

In vielen unserer Projektgebiete arbeiten wir zudem auf lokaler Ebene an der Ausweisung von Jagdzonen, die die einheimische Bevölkerung eigenständig verwalten soll. Mit Staatsanwälten und Vollzugspersonal arbeiten wir daran, die Wilderei geschützter Arten zu unterbinden. In einigen großen Städten wurden bereits Buschfleischmärkte überprüft: Händler, die das Fleisch von geschützen Tierarten an den Mann bringen wollten, wurden bereits angeklagt.

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