Der Wert der biologischen Vielfalt

Arten schwinden und natürliche Lebensräume werden zerstört, übernutzt, verkleinert oder besiedelt. Der Verlust einer Art ist endgültig. Mit ihr verschwindet das Ergebnis Jahrmillionen langer Evolution. Das allein ist Grund genug, jede einzelne Spezies unbedingt zu erhalten.

Doch Artenschutz ist nicht nur moralische Verpflichtung, Artenschutz ist purer Egoismus. Die Auswirkungen des Artenverlusts reichen von mikroskopischen Veränderungen bis hin zum Zusammenbruch ganzer Ökosysteme. Immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen: Unsere Natur „funktioniert“ nur dank der großen biologischen Vielfalt. Sie ist der Antriebsmotor, der alle wesentlichen Lebensvorgänge am Laufen hält. Und damit unsere eigenen Lebensgrundlagen sichert: Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen reinigen Wasser und Luft, dienen als Nahrung und Arzneimittel und sorgen für fruchtbare Böden sowie angenehmes Klima. Grund genug für den WWF, immer wieder an die Vernunft der Menschen zu appellieren und auf die großen Zusammenhänge in der Natur hinzuweisen.

Der Verlust hat seinen Preis

Wenn natürliche Lebensräume nicht mehr funktionieren, gehen uns lebensnotwendige Güter und unersetzbare Dienste verloren. Nur unter großem personellen, technischen und finanziellen Auffand können wir ersetzen, was eine intakte Natur uns kostenfrei bietet. Das käme uns teuer zu stehen und würde allein in Europa mit 50 Milliarden Euro jährlich zu Buche schlagen.

• Wälder
Wälder sind neben Korallenriffen die Regionen mit der größten biologischen Vielfalt. Auch mehr als 60 Millionen Menschen leben direkt im und vom Wald. Wälder produzieren Sauerstoff, speichern Kohlenstoff und Wasser, bewahren vor Überflutungen und schützen den Boden vor Erosion. Der globale Handel mit Waldprodukten hatte 2004 einen Wert von 327 Milliarden US-Dollar – und lag damit höher als die Gesamtausgaben des Bundeshaushaltes. 

• Meere
16,5 Kilogramm Fisch verspeist jeder Mensch pro Jahr im Durchschnitt. Über die Hälfte kommt dabei aus Wildfängen. Besonders in Entwicklungsländern ist Fisch eine Hauptquelle tierischer Proteine. Doch drei Viertel aller heute genutzten Fischbestände sind längst bis an ihre Grenzen ausgebeutet oder überfischt.

• Medizin
Etwa 50.000 bis 70.000 Pflanzenarten werden in traditioneller und moderner Medizin genutzt. Schätzungsweise 15.000 davon sind bereits bedroht. 70 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung benötigen traditionelle pflanzliche Wirkstoffe für ihre gesundheitliche Versorgung. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass der Weltmarkt für Arzneimittel aus Pflanzen einen Wert von rund 40 Milliarden Euro hat. In Deutschland basieren etwa 50 Prozent der heute gebräuchlichen Arzneimittel auf Heilpflanzen beziehungsweise auf deren Inhaltsstoffen. 

• Klimaschutz
Stabile Ökosysteme werden eher in der Lage sein, sich an den Klimawandel anzupassen als geschädigte – und sie sind wichtige Kohlenstoffspeicher. Mehr als ein Fünftel der weltweiten Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid sind bereits auf Entwaldung und veränderte Landnutzung zurückzuführen. 

• Landwirtschaft
Zwei Drittel aller angebauten Feldfrüchte sind zum Beispiel auf Bestäubung durch Tiere angewiesen. Der wirtschaftliche Wert der natürlichen Bestäubung wird weltweit auf 30 bis 60 Milliarden Euro geschätzt. Alleine die Verluste durch das Bienensterben in den USA im Jahr 2007 bezifferte man dort auf 14 Milliarden US-Dollar. 

• gegen Armut 
1,1 Milliarden Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Für diese Menschen sind funktionierende Ökosysteme essenziell zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse, gerade weil 70 Prozent in ländlichen Gebieten leben. Naturzerstörung entzieht Menschen dort ihre Lebensgrundlagen.

• Wirtschaft
Erneuerbare Energien wie Holz oder Biomasse spielen eine wichtige Rolle in der Energieversorgung, vor allem in Entwicklungsländern. Darüber hinaus sind Holz, Öle, Farbstoffe oder Heilpflanzen unentbehrliche Rohstoffe für die Industrie – auch als Vorlage für zukunftsweisende Innovationen. Ohne ausreichende genetische Vielfalt ist das Züchtungspotenzial eingeschränkt. Allein der jährliche Marktwert der aus genetischen Ressourcen entwickelten Produkte wird laut Bundesumweltministerium auf 350 bis 580 Milliarden Euro geschätzt. 

• Gesellschaft
Intakte Böden beispielsweise reinigen Grundwasser und machen daraus Trinkwasser. Je fruchtbarer sie sind, desto wenige Dünger benötigen sie. Je stärker die Begrünung der Innenstädte, desto mehr Stäube und Schadstoffe werden auf natürlichem Wege aus der Luft gefiltert.

• Zukunftsvorsorge
Je höher die genetische Vielfalt ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es Arten gibt, die sich auch an verändernde Umweltbedingungen anpassen können. Allein deshalb sollten wir die biologische Vielfalt so komplett wie möglich erhalten – als Vorsorge für künftige Generationen.

• Tourismus
Für 80 Prozent der deutschen Urlauber ist das Erleben intakter Natur ein wichtiger Teil der Ferien. Die Tourismusbranche hat sowohl die Rolle des potenziellen Verursachers als auch die Rolle des potenziell Betroffenen möglicher Beeinträchtigungen der biologische Vielfalt. Sie ist wie kaum eine andere Branche auf die Vielfalt an Ökosystemen und Arten angewiesen.