
- Die mögliche Anwesenheit von Bären im Unterholz erfordert neue Verhaltensregeln für Wanderer. Die Nationalpark-Behörde empfielt: Mit einem Glöckchen am Rucksack auf sich aufmerksam machen. © Michel Gunther / WWF-Canon
Braunbär auf der Alm
Nach 100 Jahren kehrte 2005 Meister Petz in die Schweiz zurück
Im Sommer 2005 wurde im Kanton Graubünden, nahe der Grenze zu Italien und Österreich, seit langer Zeit wieder ein Braunbär gesichtet. Bei manchen Leuten löste das Euphorie aus, bei anderen Ärger oder gar Angst. „Bären sind von Natur aus nicht aggressiv und haben keine natürlichen Feinde“, erklärt Marzio Barelli, Historiker aus dem Kanton Tessin. „Dennoch wurden sie von Bauern und Hirten gejagt, weil man sie als Gefahr für das Vieh betrachtete.“ So sehr, dass sie vor gut 100 Jahren in der Schweiz ausgerottet waren – genau wie Wolf und Luchs.
Das männliche Jungtier, das im Juli 2005 am Rand des Schweizer Nationalparks im Münstertal gesichtet wurde, stammte aus einer kleinen Population von etwa 20 Tieren im italienischen Trentino, rund 50 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Diese Gruppe wurde zwischen 1999 und 2002 aus Slowenien dort angesiedelt und hat sich seitdem stetig vermehrt. „Die Wiederansiedlung slowenischer Braunbären in Italien war entscheidend für den Erhalt eines der letzten Bestände in den Alpen“, meint Joanna Schönenberger, im europäischen Alpenprogramm des WWF verantwortlich für Großraubtiere. „Angesichts der grünen Korridore zwischen Italien und der Schweiz war es nur eine Frage der Zeit, bis einer der Nachkommen seinen Weg über die Grenze finden würde. Nahrung und Platz sind in der Gegend ausreichend vorhanden. Die Rückkehr des ersten Braunbären in die Schweiz ist auch ein Indiz dafür, dass sich die Umweltqualität im Alpenraum verbessert hat.“
Eine vom WWF in Auftrag gegebene Studie ergab, dass die Schweizer Alpen der norditalienischen Bärenpopulation einen tragfähigen Lebensraum bieten würden, falls weitere Bären auf Nahrungssuche die Grenze überqueren sollten. Auf drei Routen zwischen 37 und 85 Kilometern Länge könnten die Bären, vom Menschen weitgehend ungestört, aus dem Trentino in die Schweiz einwandern. Der Studie zufolge verlaufen rund 90 Prozent der drei Korridore im Wald und durchqueren weder Landwirtschaftsgebiete noch Siedlungsräume.
Der Einwanderer machte sich unbeliebt
Obwohl sich Bären von Nüssen, Beeren, Wurzeln, Insekten und natürlich von Honigwaben ernähren, verschmähen sie als Allesfresser auch Fleisch nicht. Wegen ihrer Größe und Behäbigkeit gelten sie im Gegensatz zum Wolf als schlechte Jäger, stellen aber Hirschen, anderem Wild und auch Vieh nach, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Bei einigen Schweizer Viehzüchtern herrscht deshalb Alarmstimmung – nicht zuletzt, weil der betreffende Bär zwischen Juli und September 2005 etwa 27 Schafe und mindestens ein Kalb gerissen haben soll. Womöglich müssen die Viehzüchter ihre Praktiken überdenken, wenn weitere Exemplare zurückkehren.“ meint Wildhüter Chasper Michael. Denn seit Großraubtiere vor langer Zeit vertrieben wurden, lassen Schweizer Landwirte ihr Vieh ohne besondere Schutzmaßnahmen auf den Alpweiden grasen. Neben verbesserten Einzäunungen wurden in manchen Gegenden große Hirtenhunde eingeführt. Obwohl beides keinen hundertprozentigen Schutz bietet, gab es Anzeichen dafür, dass sich die Viehverluste danach verringerten.
Lernen, mit dem Bären zu leben
Auch Touristen müssen nun vorsichtiger sein. Behörden haben ein Merkblatt für Nationalparkbesucher mit den wichtigsten Verhaltensregeln herausgegeben: nur auf markierten Wegen gehen, durch Lärm auf sich aufmerksam machen (empfohlen wird ein Glöckchen am Rucksack) und keine Lebensmittel auf Campingplätzen zurücklassen. Bei der Begegnung mit einem Bären gilt es, Distanz zu wahren und ruhig zu bleiben. Wenn der Bär angreift, soll man sich bäuchlings flach auf den Boden legen und mit den Händen den Nacken schützen. Bislang kam es jedoch zu keiner kritischen Begegnung zwischen Bär und Mensch. Jedoch warnt Schönenberger: „Haben Bären den Menschen als Nahrungslieferanten erst einmal erkannt, dürfte es häufiger zu Begegnungen zwischen Mensch und Bär kommen. Deshalb ist es wichtig, dass die Leute über das Verhalten des Bären und über geeignete Maßnahmen in seiner Nähe informiert werden. Wir müssen von neuem lernen, mit dem Bär zu leben.“
Abfallbewirtschaftung ist eine Lösung, mit der das Problem an der Wurzel gepackt werden kann. Der WWF arbeitet an einem Aufklärungsprogramm über den richtigen Umgang mit Abfall. Dazu gehören unter anderem bärensichere Mülltonnen mit verschließbarem Metalldeckel. „Das ist die erste Verteidigungslinie, um Bären vom menschlichen Lebensraum fernzuhalten“, fügt Schönenberger hinzu. „Wenn sich ein Bär jedoch an Menschen gewöhnt hat und dadurch zum Problem wird, müssen wir unter Umständen zu Hilfsmitteln wie Feuerwerkskörpern oder Gummischrot greifen, damit er uns gegenüber vorsichtiger wird.“
Vorerst werden Bären durch das schweizerische Gesetz und die 1979 unterzeichnete Berner Konvention zum Schutz gefährdeter Arten und Lebensräume in Europa geschützt. Aber einige Kantone fordern bereits die Befugnis, einen Bären zu erlegen, wenn dieser Menschen verletzt oder gar tötet oder als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen wird.
Während Jäger, lokale Behörden und WWF weiterhin an Richtlinien für den zukünftigen Umgang mit Meister Petz arbeiteten, machte sich jener Bär, der die ganze Diskussion auslöste, diskret aus dem Staub. Er wurde seit Ende September nicht mehr gesehen und ist vermutlich zum Winterschlaf nach Italien zurückgewandert. Vielleicht kehrt er im Frühling zurück. Und vielleicht kommt er dann nicht mehr alleine.
Mark Schulman,
Managing Editor bei WWF International


