Fragen an den Eisbären-Experten Geoff York

Geoff York. © WWF
Geoff York. © WWF

1. Das Überleben der Eisbären ist stark gefährdet. Warum?

Die Verbrennung fossiler Brennstoffe, die Freisetzung von klimawirksamen Kohlenwasserstoffen in der Erdatmosphäre, extensive Landwirtschaft und Abholzung der Wälder – all dies zusammen verursacht eine Veränderung des Klimas, die die größte Bedrohung für Eisbären darstellt: das schnelle Abschmelzen des arktischen Seeeises. Wissenschaftler haben innerhalb von zehn Jahren registriert, dass seit 1978 das arktische Sommereis um 7,7 Prozent zurückgegangen ist und das dauerhafte Seeeisgebiet um bis zu 9,8 Prozent kleiner geworden ist. An einigen Stellen hat man festgestellt, dass das Seeeis merklich dünner geworden ist, um 32 Prozent und mehr gegenüber dem Eis in den 60er und 70er Jahren. Was noch wichtiger ist: Das Eis schmilzt früher im Jahr und bildet sich später. Dadurch verkürzt sich die Zeit, die den Eisbären zur Verfügung steht, um auf dem Eis zu jagen und sich Fettreserven für den Sommer und den Herbst zuzulegen. Die Zeiträume, in denen die Eisbären ohne Nahrung auskommen müssen, werden also länger – die körperliche Konstitution der Tiere wird dadurch geschwächt. Kurz gesagt, ist also der Verlust ihres Lebensraums als Folge der globalen Erwärmung in der Arktis der wichtigste Faktor, der das zukünftige Überleben der Eisbären beeinflusst.

2. Warum ist das WWF-Projekt so wichtig für die Arterhaltung der Eisbären und die gesamte Arktis?

Der WWF arbeitet seit über zwanzig Jahren in der gesamten Arktis und hat sich hier als starke Stimme zur Bewahrung von Artenvielfalt, Schutzgebieten, Wildbestand und der Kultur der indigenen Bevölkerung etabliert. Wir sind als einzige nichtstaatliche Umweltschutzorganisation in allen arktischen Ländern aktiv und als permanenter Beobachter im Arktischen Rat vertreten. Wir arbeiten auf verschiedenen Ebenen zum Schutz der Eisbären: Wir betreiben Forschung, wir klären die Öffentlichkeit auf und wir tun alles, um direkte Bedrohungen der Eisbären, ihres Lebensraums und ihrer Beute abzuwehren. Außerdem rufen wir Regierungen, Unternehmen und Privatleute dazu auf, ihren Ausstoß an CO2 und anderen Treibhausgasen zu reduzieren – schließlich sind das die wichtigsten Ursachen für die Erwärmung der Arktis.

Eisbär-Patrouille. © Geoff York / WWF
Eisbär-Patrouille. © Geoff York / WWF

3. Wie wird man Eisbär-Experte?     

Durch die Kombination von Ausbildung und Erfahrung. Ich persönlich bin Diplom-Biologe und besitze mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Eisbärforschung in Alaska.

4. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit einem Eisbären?

Natürlich! Meine erste Begegnung fiel in den Herbst 1997. Ich arbeitete damals für den US Geological Survey, es war meine erste Saison in der Feldforschung. Wir flogen in einem Hubschrauber entlang der Küste zwischen Pruhoe Bay und dem Dorf Kaktovik in Alaska. Schon bald konnten wir ein Eisbärweibchen ausmachen und einfangen. Ich war erstaunt wie sauber und weiß sie war – Eisbären sind einfach ganz erstaunliche Tiere.

5. Was fasziniert Sie persönlich an Eisbären?

Wenn ich in der Arktis arbeite, staune ich jedes Mal aufs Neue darüber, wie ein so großer Bär in einer Umgebung wachsen und gedeihen kann, die für uns Menschen im Grunde lebensfeindlich ist. Für Eisbären ist es ein Paradies, dessen Fülle verborgen unter dem Packeis liegt.

© Sindre Kinnerød / WWF
© Sindre Kinnerød / WWF

6. Was fasziniert Sie an der Arktis?

Die Arktis ist ein erstaunliches Land mit überwältigender Weite und endlosem Himmel. Sie ist immer noch weitgehend von Menschen unberührt. Man steht auf einer Erhöhung, schaut über die Tundra oder das Packeis und entdeckt nirgends auch nur ein Anzeichen davon, dass irgendjemand jemals hier gewesen sein könnte. Die Arktis ist ein ein faszinierendes Gebiet, das in seinem kurzen Sommer vor Leben wimmelt und in dem im Winter eine tosende Stille herrscht.

7. Haben Sie bereits sichtbare Veränderungen in der Arktis bemerkt?

Ja, allerdings. In den vergangenen zehn Jahren während unserer Frühlingsexpeditionen wurde das Eis immer dünner. In manchen Jahren ist es sogar unmöglich für uns in der Arktis zu arbeiten: das Eis ist mit breiten Rinnen offenen Wassers durchzogen, die wir nicht gefahrlos überqueren konnten. Die Veränderungen beeinflussen auch unsere Forschungsarbeit während der Herbstmonate. In den 90er Jahren haben wir routinemäßig im Herbst gearbeitet, etwa bis das Seeeis im Oktober zurückgekommen war. Jetzt friert es viel später, und wir können unsere Herbstforschung in Alaska nicht mehr fortführen.