Interview mit Carlos Drews über die Erforschung der Lederschildkröten im Atlantik

Projektleiter Carlos Drews. © WWF-Canon
Projektleiter Carlos Drews. © WWF-Canon

Der Biologe Dr. Carlos Drews ist WWF-Koordinator für den Meeresschildkrötenschutz in Lateinamerika und der Karibik. Zu seinen Aufgaben gehört auch das vom WWF-Deutschland geförderte Projekt zum Schutz der Lederschildkröten im Atlantik. Im Rahmen des Projektes sollen die Wanderrouten der Lederschildkröten genauer erforscht werden.

WWF: Du bist gerade aus Panama zurückgekommen, wo Du beim Anlegen von Satelliten-Sendern an Lederschildkröten geholfen hast. Mit Hilfe der Sender, deren Signale von Satelliten aufgefangen und zurück zu einer Empfangsstation auf der Erde geschickt werden (Telemetrie), sollen die Wanderrouten der Lederschildkröten aufgezeichnet und erforscht werden. Wie werden die Schildkröten gefangen und wie läuft das Anlegen eines solchen Senders ab?

Drews: Die Lederschildkröten werden nicht gefangen. Während das Weibchen die Eier ablegt, wird das Gurtzeug mit dem Sender angebracht - wir haben nicht mal 20 Minuten zur Verfügung, bevor die Schildkröte sich bewegt, das Nest zuschüttet und ins Meer kriecht. Das Anlegen muss vorher gut geübt sein, die Mannschaft muss perfekt aufeinander abgestimmt sein, jeder Handgriff muss sitzen. Für uns war es weitaus stressiger als für die Lederschildkröte.

In Uruguay dagegen sieht die Situation etwas anders aus. Hier gibt es keine Nistplätze, denn die Strände sind zu kalt dafür. Leute des Schildkrötenschutzteams von Karumbe, einer Meeresschildkrötenschutzorganisation in Uruguay, mit der wir zusammenarbeiten, fahren in Fischerbooten mit und warten, bis eine Lederschildkröte sich in den Langleinen verfängt. Sie wird dann beim Einholen der Leinen befreit und an Bord des Schiffes auf Verletzungen untersucht, bei Bedarf auch medizinisch versorgt. Bei dieser Gelegenheit konnte im Juni ebenfalls einem Tier ein Sender umgeschnallt werden. Nun können wir die auf den Namen "Marina" getaufte Schildkröte verfolgen.

WWF: Werden die Schildkröten durch das Anlegen der Gurte nicht bei der Eiablage gestört oder später bei ihren Wanderungen im Meer durch den Sender behindert?

Drews: Nein, die Tiere werden kaum beeinträchtigt. Die Eiablage wird nicht unterbrochen - die Schildkröte führt alle Aktivitäten, auch die der Nestbedeckung, ohne sich stören zu lassen bis zum Ende durch. Im Meer liegt ihr der Sender mit dem Gurtzeug wie ein kleiner stromlinienförmiger Rucksack auf dem Rücken, sie wird dadurch kaum behindert. Und auch bei der Paarung sollte es keine Probleme geben, da der Sender weit vorne am Nacken liegt. Einige kleinere Hautabschürfungen sind jedoch wahrscheinlich nicht auszuschließen - wir denken dennoch, dass der Naturschutzwert dieses Unterfangens viel höher zu bewerten ist als diese möglichen kleinen Verletzungen.

WWF: An Land kommen ja nur die Weibchen in einem zwei- bis dreijährigen Zyklus zur Eiablage, daher wissen wir auch viel mehr über das Verhalten und die Bestände der Weibchen als über das der Männchen oder der Jungtiere. Welche Möglichkeit haben wir, auch über die männlichen Lederschildkröten mehr zu erfahren? Können auch sie mit einem Satelliten-Sender ausgestattet werden?

Drews: Wenn man sie als Beifang aus dem Wasser zieht, ja. Das Team vor Uruguay könnte Glück haben, wenn es sich bei einer der im Beifang gefangenen Lederschildkröten um ein Männchen handelt. Auf diese Weise könnte man auch einem Männchen einen Sender anlegen.

WWF: Welches ist gegenwärtig die Hauptbedrohung der Lederschildkröten im Atlantik?

Drews: Tasächlich der Beifang. Es gibt eine hohe Anzahl an Lederschildkröten, die "aus Versehen" mit den Langleinen der kommerziellen Fischerei gefangen oder verletzt werden. Leider sterben dadurch viele dieser ungewollt gefangenen Meeresschildkröten.

WWF: Wie kann man das ändern?

Drews: Schon leicht abgewandelte Fanghaken (so genannte Circle-Hooks) reduzieren den Beifang an Meeresschildkröten beträchtlich. Bei diesen neu entwickelten Haken ist die Spitze nach innen gebogen und sie sind etwas größer, so dass die Schildkröten sie kaum noch verschlucken und die Haken sich nicht an ihnen verfangen können. Der Fischereierfolg wird dadurch nicht beeinträchtigt.

WWF: Helfen uns auch die Telemetrie und die Kenntnisse über die Wanderrouten?

Drews: Ja, denn es ist wichtig, gewisse Zonen zu bestimmten Zeiten für die Fischerei zu sperren - die Entscheidung, welche Zonen wann unter Schutz gestellt werden müssen, wird erst durch die Kenntnis der Wanderrouten und des Verhaltens der Lederschildkröten möglich sein. Deren Erforschung ist daher eines unserer wichtigsten Ziele mit diesem Projekt.

WWF: Was fasziniert Dich an den Lederschildkröten besonders?

Drews: Sie sind extrem gut an das Leben im Meer angepasst - 120 Millionen Jahre Evolution haben eine Tierart hervorgebracht, die nicht nur stromlinienförmig, sondern dazu auch in der Lage ist, sich als Reptil in kalten Gewässern aufzuhalten. Sie haben alle Ozeane der Welt erobert und legen gigantische Strecken zurück - 10.000 bis 12.000 Kilometer. Und trotzdem kehren sie zur Eiablage wieder an den Strand zurück, an dem sie selber geschlüpft sind. Wie sie das schaffen, wissen wir bis heute nicht genau. Ihr Umgang mit einem Habitat, das ganze Ozeane umfasst, ist faszinierend.


Das Gespräch führte Birgit Felgentreu