Parasol (Macrolepiota procera). © www.pilzepilze.de
Parasol (Macrolepiota procera). © www.pilzepilze.de

Pilze: Die Drahtzieher im Verborgenen

Ihre ökologische Bedeutung ist immens

Gleich zweimal musste im Frühjahr 1992 das Guinness-Buch der Rekorde in einem Punkt umgeschrieben werden: Nicht Blauwal oder Mammutbaum, sondern ein Pilz ist seither das größte bekannte Lebewesen der Welt.

Zuerst entdeckten Wissenschaftler im März 1992 in einem Eichenwald im US-Bundesstaat Montana Armillaria bulbosa, einen Verwandten des Hallimasch, einem auch bei uns häufig auftretenden Speisepilz. Er erstreckte sich im unterirdisch im Boden über eine bis dahin unvorstellbare Fläche von 15 Hektar, wog mindestens zehn Tonnen und war runde 1.500 Jahre alt.

Nur zwei Monate später wurde dieser Rekordfund übertrumpft: Am Fuße des Mount Adams in den Rocky Mountains stießen Biologen im Erdreich auf einen Hallimasch-Pilz, der sogar noch 40mal (!) größer war als der unterirdische Riese in Montana. Armillaria ostoyae, so sein Name, erstreckte sich mit seinem Netzwerk über eine Fläche von 600 Hektar – so groß wie 800 Fußballplätze. Dieser Gigant war „nur“ 1.000 Jahre alt.

Gute Partnerschaft

Bis heute wissen wir nur wenig über Steinpilz, Stinkmorchel und Co. Immer deutlicher aber wird die ökologische Bedeutung der über 100.000 verschiedenen „blattgrünfreien Lagerpflanzen“ (Meyers Lexikon). Was wir aus der Erde sprießen sehen, ist nur der Fruchtkörper. Der weit größere Teil der Pflanze liegt, ähnlich wie beim Eisberg, unter der Oberfläche.

Erst neue molekulargenetische Verfahren ermöglichten es Anfang der neunziger Jahre, Pilz-Individuen auseinander zu halten, die ausgedehnte Netzwerke unter der Erde zu entwirren und einem bestimmten, sichtbaren Pilzkörper an der Erdoberfläche zuzuordnen – daher die plötzlichen Rekordfunde.

Viele Pilze sind Drahtzieher im Verborgenen: Mit einem Geflecht aus feinen Fäden, dem Mycel, dringen sie tief in Laub und Boden ein und verknüpfen sich mit den kleineren Wurzeln der Bäume und anderer Pflanzen. Diese so genannten Mykorrhizen leben symbiotisch – wie ungleiche siamesische Zwillinge: Die Pilze versorgen die Bäume mit Nährstoffen wie Mineralsalzen, Phosphat und vor allem Stickstoff, und eröffnen ihnen so ein viel größeres Einzugsgebiet, als ihre Wurzeln alleine erreichen könnten. Eiche und Birke, Kiefer oder Fichte würden ohne „ihre“ Pilze verkümmern.

Pilze verarbeiten totes, manchmal auch lebendes Holz und setzen dabei gewaltige Mengen an Nähr- und Mineralstoffen um – zum Wohl der Wälder. Sie können tote, organische Materie abbauen und wie Bakterien Humus produzieren. Pilze sind gleichsam der Infusionsapparat der Bäume. Im Gegenzug erhalten die Pilze von den Pflanzen lebenswichtige Kohlehydrate. Die meisten Pflanzen nutzen Pilze als natürliche Kraftquelle.

Viele verschiedene Pilze sind ein Zeichen für ein gut funktionierendes Ökosystem. Doch seit über dreißig Jahren geht die Zahl gesammelter Arten in Deutschland zurück. Und auch die Zahl der Vorkommen ist rückläufig: Wo gibt es zum beispiel noch großflächige Vorkommen von Pfifferlingen in Deutschland? Die Angebote auf den Märkten stammen heute fast ausschließlich aus Osteuropa.

Manche Pilzart ist bereits großflächig aus Regionen verschwunden. Arten wie der Elastische Klumpfuß und der Duftende Afterleistling sind an ihren Standorten in Süddeutschland bereits versschwunden. Mehr als 130 Arten in Deutschland gelten als vom Aussterben bedroht.