Wie Pilze funktionieren
Ein unterirdisches Internet

- Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides). © www.pilzepilze.de
Die Pilze bilden im Pflanzenreich neben den Bakterien und Blaualgen, den Flechten, Moosen, Farnen und Samenpflanzen eine eigene Hauptgruppe.
Pilze besitzen kein Blattgrün für die Photosynthese und können aus diesem Grund keine Kohlehydrate, also eigene Nährstoffe, erzeugen. Darum sind Pilze bei ihrer Ernährung auf lebende oder tote Organismen angewiesen und erfüllen damit eine wichtige Aufgabe im Kreislauf der Natur.
Durch Fäulnis und Zersetzung zerlegen sie Tiere und Pflanzenreste wieder in ihre ursprünglichen Bestandteile. Mit Bakterien konkurrieren Pilze oft um Nahrung und Lebensraum. Deshalb haben sie gegen sie Abwehrkräfte entwickelt. Und zwar solche, die auch Menschenleben retten wie die Penicillium-Schimmelpilze. Diese werden heute in der Medizin als Antibiotika eingesetzt.
Pilze pflanzen sich durch Sporen fort. Das sind Zellen, die so winzig sind, dass man sie nur unter dem Mikroskop beobachten kann. Sie entstehen durch Verschmelzung verschiedengeschlechtlicher Pilzzellen oder durch Selbstbefruchtung. Nur wenn die Spore auf einen geeigneten Nährboden fällt und Feuchtigkeit und Temperatur „stimmen“, entsteht ein Pilzgeflecht. Was nur selten der Fall ist. Deshalb auch lassen sich Speisepilze auch so schwer züchten.
Um das Überleben der Art zu sichern, muss ein Pilz Milliarden von Sporen erzeugen. Das ist die Staubwolke, die zum Beispiel einem Bovist entsteigt, wenn man auf ihn tritt. Er gehört zur Klasse der Ständerpilze. Hier entstehen die Sporen in keulenförmigen bechern. Zu den Ständerpilzen gehören die meisten unserer Waldpilze.
Ohne Pilz kein Brot – und kein Schnaps
Zur Klasse der Schlauchpilze mit ihren schlauchförmigen Sporenträgern gehören zum Beispiel die Hefepilze, ohne die wir auf Brot und alkoholische Getränke verzichten müssten.
Zu den Schlauchpilzen gehören aber auch schädlichen Pilzarten: Die Giftstoffe des Schimmelpilzes Aspergillus flavus, so genannte Aflatoxine, führen beim Menschen zu Leberschäden. Der echte Mehltaupilz wiederum kann, tritt er in Massen auf, ganze Getreidefelder vernichten.
Die Rätsel der Pilze
So wie die Apotheke Regenwald schwindet und mit ihr noch unentdeckte Pflanzen und Substanzen, so verschwinden mit manchen Pilzen möglicherweise unentdeckte Wirkstoffe zur Krankheitsbekämpfung oder zum natürlichen Schutz von Nahrungspflanzen. Nur ein keiner Teil der geschätzten 100.000 Pilzarten ist bislang chemisch untersucht.
Noch bergen Pilze eine Fülle von Rätseln: Warum zum Beispiel ist der Kahle Krempling in Russland ein viel verkaufter Marktpilz, in Deutschland dagegen giftig, mitunter sogar tödlich? Warum können manche Pilze pilztötende Stoffe (Fungizide) entwickeln, ohne selbst daran zugrunde zu gehen? Und schließlich: Warum werden Pilze so alt wie kein anderes Lebewesen auf der Erde?
Die letzte Frage haben – zumindest zum Teil – Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg beantworten können. Einige langlebige Pilzkulturen entledigten sich in der Energiezentrale ihrer Zellen, den Mitochondrien, eines für die Alterung wichtigen teils der Erbsubstanz durch Mutation. Das ist vermutlich kein Prozess, der sich auf höhere Lebewesen wie den Menschen übertragen lässt.
Fazit: Pilze sind empfindliche Umweltsensoren, und sie bergen genetisch einen erheblichen Teile des Lexikons des Lebens. Pilze stellen mit ihren Netzwerken lebenswichtige Verbindung im Ökosystem her – wie ein natürliches unterirdisches Internet. Grund genug für uns, künftig noch mehr in Zusammenhängen zu denken und beim Naturschutz die Pilze nicht zu vergessen.

