Wandernde Tierarten

Geheimnisse der Weltenbummler gelüftet: Gesund bleibt nur der Vagabund

Albatros. © James Frankham / WWF-Canon
Albatros. © James Frankham / WWF-Canon

Die schiere Not treibt zahllose Tiere zur Wanderschaft an – in ferne Überwinterungs- oder Fortpflanzungsgebiete im Wechsel der Jahreszeiten, auf der Suche nach besseren Nahrungsquellen oder unter dem Druck konkurrierender Artgenossen.

Über die kurze Zeit des arktischen Sommers explodiert das Leben in der Tundra. Frisches, saftiges Grün lockt die Pflanzen fressenden Karibus und Milliarden von Insekten bieten Vögeln eine beinahe unerschöpfliche Nahrungsquelle. Doch im Herbst verwandelt sich diese grüne Oase innerhalb weniger Wochen in eine Kältewüste, in der es dann keine reichen Nahrungsangebote mehr gibt.

Dieses rasche Versiegen der Nahrungsquellen zwingt Karibus, Küstenseeschwalben, Ringelgänse und andere Tiere, sich in den wärmeren Süden aufzumachen, wo es den Winter über für sie ausreichend Nahrung gibt. Im folgenden Frühjahr lockt die kurze Zeit des Überflusses die Tiere wieder in den Norden - dorthin, wo sommers offenbar auch die Konkurrenz der anderen Arten nicht so hoch ist wie weiter südwärts.

Wo also, wie in der Arktis und Subarktis, das Klima und damit auch das Nahrungsangebot über das Jahr hinweg besonders stark schwankt, sind auch die meisten Tierarten zwangsläufig auf ein Vagabundenleben eingestellt.

Berühmte Wanderer: Saiga-Antilopen (Saiga tatarica). © WWF / Pavel Sorokin
Berühmte Wanderer: Die Saiga-Antilopen. (Saiga tatarica). © WWF / Pavel Sorokin

Gebären müssen sie woanders

Andere Tierarten nehmen lange Wanderungen auf sich, um an sicheren Orten ihren Nachwuchs zu zeugen, zu gebären und aufzuziehen. Lachse etwa ziehen sich zum Laichen in die entlegenen Quellgebiete von Flüssen zurück. Ostpazifische Grauwale nutzen im Sommer die reichen arktischen Gewässer als Nahrungsquelle. Ihren Nachwuchs bekommen sie aber im Winter, im warmen Wasser geschützter Lagunen an der Westküste Mexikos.

Die Grüne Meeresschildkröte im Atlantik zum Beispiel zieht es jedes Jahr von ihren weit entfernten Nahrungsgründen Brasiliens an die Strände ihrer heimatlichen, einsamen Insel Ascension mitten im Ozean zurück. Dort paaren sich die Tiere und vergraben ihre Eier, sicher vor Beutegreifern, im Sand.

Woher wissen Tiere, wohin sie wandern müssen?

Womöglich haben sie eine Wandertradition entwickelt, weil sich ihre einst nah beieinander liegenden Nahrungs- und Fortpflanzungsgebiete beziehungsweise Winter- und Sommerregionen durch geologische oder klimatische Änderungen weiter entfernt haben. Das bis heute andauernde Auseinanderdriften des afrikanischen und des südamerikanischen Kontinents seit über 100 Millionen Jahren könnte etwa dazu geführt haben, dass die Grüne Meeresschildkröte – deren Vorfahren damals bereits die Erde bewohnten – immer längere Wege zwischen ihrem Nahrungs- und Brutgebiet zurücklegen musste.

Der ostatlantische Vogelzug wiederum könnte seinen Ursprung in den Eiszeiten des Pleistozäns haben (von vor zwei Millionen bis vor 10.000 Jahren), in denen die arktischen Gletscher und die ihnen vorgelagerten, nahrungsreichen Tundren bis nach Norddeutschland reichten. Als diese sich, mit einsetzender Erderwärmung, langsam nach Norden zurückzogen, könnten viele Zugvögel gefolgt sein.

Wie wissen die Tiere, wann sie starten müssen?

Die Bereitschaft zum Wegziehen ist den Zugvögeln und den meisten anderen
Tieren angeboren. Der genaue Termin wird meist durch die Temperatur
und den Stand der Sonne ausgelöst. Die Vögel werden unruhig und versammeln sich dann an bestimmten Stellen, um in kleineren Gruppen oder ganzen Schwärmen zu starten.

Wie finden sie über so lange Strecken den richtigen Weg?

Das ist bis heute nicht genau erforscht. Von Zugvögeln weiß man aber inzwischen, dass sie gleich vier Möglichkeiten haben, sich zu orientieren:

  1. Sie haben wie zum Beispiel das Rotkehlchen oder Tauben einen inneren Kompass, mit dem sie das Magnetfeld der Erde spüren.
  2. Vögel wie die Grasmücken können ihre Flugrichtung nachts am Sternenhimmel erkennen.
  3. Auch der Stand der Sonne ist eine wichtige Orientierung – was selbst bei dichten Wolken funktioniert, denn Vögel können die UV-Strahlung der Sonne spüren.
  4. Einige Vögel erkennen von oben Landmarken, die sie auf ersten Flügen gelernt haben – also bestimmte Berge oder den Lauf eines Flusses. In der Regel besitzen Vögel mehrere dieser Orientierungsmöglichkeiten. Dafür muss ein kleiner Vogel ein Gehirn wie ein Großcomputer haben.
Grauwal. © Gustavo Ybarra / WWF-Canon
Grauwal. © Gustavo Ybarra / WWF-Canon

Wenn der Mensch in die Quere kommt

All diese Anpassungen, über unvorstellbar lange Zeit hinweg, machen wandernde Tiere in unserer zersiedelten, immer enger werdenden Welt zusehends verwundbarer. Denn sie sind auf ihrem Weg vielerlei neuen Gefahren ausgesetzt. Oftmals gefährden einzelne Maßnahmen vor Ort das Überleben einer gesamten Tierart. Das gilt für Wale genauso wie für Langstreckenflieger. Zu den Gefahrenpotentialen zählen vor allem Lebensraumveränderung und -zerstörung sowie die unkontrollierte Jagd.

Wandernde Tierarten brauchen viel Raum zum Leben. Zugvögel sind auf Rast- und Futterplätze entlang ihrer Zugwege angewiesen. Wandernde Landsäugetiere brauchen Freiflächen, die nicht von Straßen und Siedlungen durchzogen werden. Wandernde Meeressäuger und Fische benötigen neben genügend Nahrung außerdem saubere und unverbaute Meere, Küsten und Flüsse.