WWF Deutschland
Nirgendwo sonst wird der Regenwald so schnell vernichtet wie in Indonesien. Allein in der Provinz Riau auf Sumatra werden täglich 460 Hektar Regenwald – eine Fläche von 32 Fußballfeldern pro Stunde – gerodet, um monotone Plantagen zur Herstellung von Papier und Zellstoff oder zur Gewinnung von Palmöl anzubauen. Weltbank-Schätzungen im Jahr 2000 sagten das Ende der asiatischen Tiefland-Regenwälder in wenigen Jahren voraus. Dann stünden auch Sumatra-Tiger und andere seltene Waldbewohner vor dem Aus.
Um das zu verhindern, verstärkte der WWF 2003 seine bereits laufenden Anstrengungen erheblich – mit einem Aktionsprogramm für den besonders artenreichen Regenwald von Tesso Nilo. In einem "Feuerwehreinsatz" gelang es dort, eine der Hauptbedrohungen für den Regenwald, den illegalen Holzeinschlag, zu verringern. Außerdem konnten Abholzungen in Teilen eines Wald-Korridors verhindert werden, der die letzten Rückzugsgebiete der vom Aussterben bedrohten Elefanten und Tiger verbindet.
Im August 2004 wurden die Anstrengungen des WWF belohnt: Die indonesische Regierung erklärte insgesamt neun Regenwaldregionen im ganzen Land zu Schutzgebieten – 1,3 Millionen Hektar Regenwald, eine Fläche fast so groß wie Schleswig-Holstein. Darunter das 38.000 Hektar große Kerngebiet von Tesso Nilo: Es wurde zum Nationalpark erklärt. Dies gelang auch, weil zuvor der WWF den dort bislang agierenden Holz- und Papierunternehmen in zähen Verhandlungen einen Einschlagsstopp abgerungen hatte.
Damit machte Indonesien einen wichtigen Schritt vorwärts, seine reichhaltige Biodiversität zu erhalten. Unter anderem verstärkte die Regierung in 41 Nationalparks das Management der Schutzgebiete, um der illegalen Jagd, Fischerei und Rodung Einhalt zu gebieten. Viele der Schutzgebiete sind letzte Refugien für seltene Arten wie Orang-Utan, Sumatraelefant, Sumatratiger oder Schabrackentapir. Dafür hat der WWF das Land mit der Auszeichnung "Geschenk an die Erde" geehrt.
Der WWF beließ es aber nicht dabei: Im Oktober 2004 startete die Umweltstiftung eine Kampagne zur Rettung der letzten 400 Sumatra-Tiger. Unterstützt von Sandra Maischberger informierte der WWF über Plakate, Großbildschirme in U-Bahn-Stationen, Werbespots im Fernsehen, in Kinos und im Internet über die dramatische Situation der Raubkatzen und warb um Spenden. Erfreuliches Fazit: Viele tausend Menschen folgten dem Aufruf, die Säge zu stoppen, und wurden neue WWF-Förderer.
Gleichzeitig führte der WWF weitere Verhandlungen mit den beiden vor Ort für die großflächigen Kahlschläge mitverantwortlichen Papier- und Zellstoffriesen APP und APRIL. APP verweigert nach wie vor auf eine verantwortungsvolle Nutzung umzustellen und der WWF rät allen Unternehmen, die bereits eine verantwortungsvolle Beschaffungspolitik haben, nicht in Geschäfte mit Unternehmen, die eine Wald zerstörerische Praxis betreiben, zu treten. Aber es gibt auch erste winzige Erfolge: APRIL hat sich verpflichtet ,besonders schützenswerte Wälder nicht mehr kahlzuschlagen und diese Wälder nicht in Plantagen umzuwandeln.
Zum Schutze der verbliebenen Naturwälder auf Sumatra hat der WWF während der Weltnaturschutzkonferenz in Barcelona im Oktober 2008 gemeinsam mit vier Ministern und weiteren hochrangigen Vertretern der indonesischen Regierung ein Abkommen unterzeichnet. Erstmals ist es auf diese Weise gelungen, ein verbindliches politisches Abkommen für ganz Sumatra, der sechstgrößten Insel der Welt, zu schließen.
Die „Sumatra-Deklaration“ soll der dramatischen Waldzerstörung und dem einhergehenden Artensterben Einhalt gebieten. Die verbliebenen Waldflächen auf Sumatra sollen danach weitgehend unter Schutz gestellt werden, Umwandlung in Plantagen verboten sein und weitere Nutzungen unter streng nachhaltigen Gesichtspunkten stattfinden. Der Deklaration vorausgegangen war die Vergrößerung des Tesso Nilo Nationalparks auf nunmehr 83.000 Hektar. Damit wird sich die Fläche des Regenwald-Schutzgebiets mehr als verdoppeln. Durch ein Dekret des indonesischen Forstministers im Oktober 2009 wurde dies endgültig beschlossen.
Doch die derzeitigen Entwicklungen zeigen, dass die Papier- und Zellstoffkonzerne nicht davor zurückschrecken, sich diesem Abkommen entgegenzustellen und versuchen immer wieder aufs Neue, die Erlaubnis zur Abholzung und Umwandlung von Naturwald in Plantagen zu erhalten – oder schaffen durch teils illegale Maßnahmen Tatsachen. So wurde 2008 eine Holztransportstraße quer durch eines der letzten großen zusammenhängenden Waldgebiete Sumatras gebaut. Allein dadurch gingen geschätzte 20.000 Hektar des ursprünglichen Regenwaldes im Bukit Tigapuluh-Ökosystem (Provinz Jambi) verloren. So wird der Lebensraum vieler bedrohter Großsäugerarten wie Elefanten, Tiger und Orang-Utan gefährdet.
Letztlich sind wir alle mitverantwortlich: Der weltweite Papierverbrauch steigt stetig. Und somit auch der Druck auf den wichtigsten Rohstoff zur Produktion, das Holz. Wir als Verbraucher, aber auch die Hersteller von Papierprodukten sollten vermehrt auf recycelte Papiere setzen oder aber Papier mit dem FSC-Siegel nutzen, dessen Holzrohstoff aus garantiert nachhaltiger Waldwirtschaft stammt.
Der WWF engagiert sich mit Nachdruck dafür, dass der Nationalpark Tesso Nilo auf 100.000 Hektar weiter ausgeweitet wird. Die bereits bestehenden insgesamt fünf Schutzgebiete sollen durch Regenwald-Korridore verbunden werden – viele Kilometer lang und mindestens zwei Kilometer breit. Durch sie wären vor allem große Tiere wie die letzten 400 Sumatratiger nicht in kleinen Waldinseln inmitten monotoner Plantagen voneinander getrennt. Denn nur, wenn ihre Reviere ausreichend groß und miteinander verbunden sind, können sie sich dauerhaft fortpflanzen.
Auch über das Erhalten dieser Regenwald-Korridore außerhalb der Schutzgebiete inmitten bereits gerodeter Ödnis verhandelt der WWF mit den Unternehmen und der indonesischen Regierung. Trümpfe in den Verhandlungen könnten die Bilder von Tigern sein, die dort mit automatischen Kameras gemacht wurden. Denn sie belegen, dass dort tatsächlich Tiger ihr Revier haben – was wiederum ein Beweis für den hohen ökologischen Wert dieser Wälder ist. Und weil die Unternehmen sich hoffentlich bald verpflichten, genau solche besonders wertvollen Regenwaldflächen stehen zu lassen, sind diese Tiger-Schnappschüsse fast so etwas wie ein Gutschein für deren Rettung vor der Säge.
Zugleich arbeitet der WWF an runden Tischen gemeinsam mit Regierung und lokaler Bevölkerung zusammen, um diese davon zu überzeugen, für den Erhalt ihrer letzten Regenwälder aktiv zu werden und diese nicht des kurzfristigen Profites wegen zu verschachern.
Titel: Sumatra - Tesso Nilo
Link: http://www.wwf.de/themen/kampagnen/sumatra-tesso-nilo/