
- Wasserstelle mit Solarpanels und Windanlage in Tunesien. © WWF-Canon / M. Gunter
CO2-Kompensation: Augenwischerei oder wirksamer Klimaschutz?
Seit der Klimawandel aus der öffentlichen Debatte nicht mehr wegzudenken ist, sprießen Angebote zu Kompensation von Treibhausgasemissionen wie Pilze aus dem Boden. Vor allem Flugreisenden wird angeboten, ihre Emissionen durch eine Spende für Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern auszugleichen. Doch wie viel hilft das dem Klima? Welche Angebote sind seriös? Wann und wie ist Kompensation sinnvoll?
Was ist Kompensation?
Theoretisch ist es für die Atmosphäre unseres Planeten nicht von Belang, an welchem Ort der Erde CO2 in die Luft geblasen wird. Mit der Kompensation handelt es sich aber nicht um eine absolute Reduktion, sondern ausschließlich um einen Ausgleich– im Englischen auch als „Offsetting“ bezeichnet: den Ausstoß einer bestimmten Menge an Treibhausgasemissionen, der hierzulande entsteht, wird in Entwicklungsländern verhindert. Zu diesem Zweck gibt es Projekte, zum Beispiel in Indien einen Windpark anstelle eines Kohlekraftwerks zu bauen. Individuen oder Unternehmen, die ihre eigenen Emissionen kompensieren wollen, geben Geld für solche Projekte. Durch das Geld wird die Menge an Treibhausgasen eingespart, die der Spender verursacht hat Dieser Transfer wird über den Handel mit so genannten „Zertifikaten“ gesteuert. Der Besitz eines „Zertifikats“ berechtigt den Inhaber dazu, eine bestimmte Menge an Treibhausgasen auszustoßen. Man spricht daher auch von Emissions- oder Verschmutzungsrechten. Wer Geld für ein solches Klimaschutzprojekt gibt, erwirbt also solche Zertifikate. Damit für ein solches Projekt Zertifikate vergeben werden dürfen, muss es schon in Betrieb sein und eine CO2-Einsparung nachweisen können.
Der Vorteil dieses Prinzips ist, dass Emissionen dort eingespart werden, wo es wirtschaftlich am günstigen und am leichtesten umsetzbar ist. Doch Kompensation ist leider auch mit einigen Unsicherheiten behaftet. So muss zum Beispiel sichergestellt sein, dass ein Projekt nur deshalb umgesetzt wird, weil es die zusätzliche Finanzierung durch den Kompensationsmechanismus erhält. Der Fachbegriff für dieses wesentliche Kriterium ist „Zusätzlichkeit“. Ist diese nicht gegeben, steigen – global betrachtet – die Emissionen. Ist der oben genannte indische Windpark ohnehin schon in Planung, verursacht hierzulande ein Unternehmen weiterhin genauso viel CO2 wie vorher, da es sich im falschen Glauben wiegt, durch eine Geldzahlung seine Emissionen ausgeglichen zu haben.
Ebenen der Kompensation
Kompensation bzw. den Handel mit Emissionszertifikaten aus Klimaschutzprojekten gibt es auf zwei verschiedenen Ebenen: der „regulierte“ und der „freiwillige“ Markt. Der erste findet auf staatlicher Ebene im Rahmen des Kyoto-Protokolls statt. Das nennt drei so genannte „flexible Mechanismen“, die den Unterzeichnerstaaten zu Erreichung ihrer Reduktionsziele zur Verfügung stehen und den Handel mit Emissionsrechten möglich machen: „Emissionshandel“, „Clean Development Mechanism“ (CDM) und „Joint Implementation (JI)“. Die beiden letztgenannten sind reine Kompensationsinstrumente.
Man spricht von einem regulierten Markt, da dieser von einer Behörde der Vereinten Nationen – bei CDM dem CDM Executive Board und bei JI dem Joint Implementation Supervisory Committee – gesteuert und kontrolliert wird. Diese Behörde regelt auch, nach welchen Methoden CO2-Einsparungen gemessen werden. Anbieter von Klimaschutzprojekten, die auf dieser Ebene Zertifikate verkaufen möchten, müssen vom CDM Executive Board bzw. JI Supervisory Committee anerkannt werden. Das können staatlichen Träger, Unternehmen oder Nichtregierungsorganisationen sein. Solche Projekte bieten Zertifikate an, die Teil des offiziellen Emissionsregisters eines Landes sind. Diese Zertifikate werden auf Englisch CERs bzw. ERUs genannt – „Certified Emission Reductions“ und „Emission Reduction Units“.
Die zweite Ebene ist der so genannte freiwillige Markt außerhalb des Kyoto-Systems. Die hier erzielten Emissionsreduktionen können nicht im Rahmen des offiziellen Emissionshandels verkauft oder erworben werden. Hier gelten daher auch nicht die Qualitätsstandards der Vereinten Nationen. Im Grunde kann jeder ein Klimaschutzprojekt ins Leben rufen und den Geldgebern eine Bescheinigung oder Zertifikat ausstellen, dass durch ihr Geld eine bestimmte Menge an Treibhausgasen eingespart wurde. Die Zertifikate dieses Marktes werden daher auch nur als VERs – „Verified Emission Reductions“ – bezeichnet. Die Emissionsreduktionen sind also nur durch private Organisationen „verifiziert“ und nicht durch die UN „zertifiziert“.
Der freiwillige ist nach wie vor deutlich kleiner als der regulierte Markt. 2009 wurden auf dem freiwilligen Markt Zertifikate mit einem Volumen von 94 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent und einem Wert von 387 Millionen US-Dollar gehandelt. Dagegen hatte der regulierte Markt im selben Jahr ein Volumen von 8.625 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent und die entsprechenden Zertifikate einen Wert von 144 Milliarden Dollar Allerdings ist der freiwilligen Markt für viele Unternehmen, die Kompensation als Teil ihre Marketingstrategie einsetzen, attraktiv. Viele Unternehmen verschaffen sich anhand solcher Projekte gerne ein grünes Image, ohne ihre eigentliche Wirtschaftsweise tatsächlich ökologischer zu gestalten.
Da dieser Markt nicht reguliert wird und es keine einheitlichen Qualitätsstandards gibt, tummeln sich dort viele Anbieter, bei deren Projekten die tatsächliche Einsparung von Treibhausgasen fragwürdig und umstritten ist – wie im Fall der Aufforstung von Wäldern. So sollte jeder, der über Kompensation nachdenkt, wissen, nach welchen Kriterien er vorgehen muss und wie das System der Kompensation funktioniert.

