Dramatisches Naturschauspiel vor Alaska: Weil ihr eigentlicher Lebensraum, das Packeis, geschmolzen ist, müssen sich tausende Walrosse auf einen schmalen Landstreifen retten. Telefonkommentar von Geoff York, WWF USA.
Die Folgen für Ökosysteme, Tiere und Pflanzen
Ganze Lebensräume rund um den Globus stehen vor dramatischen Veränderungen. Als akut bedroht hat der WWF bereits 1992 Korallenriffe eingestuft. Korallenriffe sind durch die ungewöhnlich warmen Wassertemperaturen der letzten Jahre schon jetzt weltweit stark geschädigt. Sie bleichen bei steigender Wassertemperatur rascher aus und sterben ab.
Das südostasiatische Meeresgebiet „Coral Triangle“ hat in den vergangenen 40 Jahren bereits 40 Prozent seiner Korallenriffe und Mangrovenwälder in den Küstenregionen verloren. Für die Biodiversität dieser Erde ist dies eine Katastrophe, denn das Korallendreieck besitzt die größte Vielfalt an Arten und Ökosystemen weltweit. Wenn der gefährliche Klimawandel nicht bald durch effektive Lösungen aufgehalten wird, werden die Korallenriffe in diesem Meeresgebiet bis zum Ende dieses Jahrhunderts verschwunden sein.
Mangrovenwälder an tropischen Küsten verkraften nur einen moderaten Anstieg des Meeresspiegels. Der WWF schätzt jedoch, dass die Wasserhöhe bis 2100 mehr als einen Meter ansteigen wird. Für viele Regionen wäre das überaus dramatisch: Die indischen Sundarbans, die ausgedehntesten Mangrovensümpfe der Welt, könnten dann beispielsweise völlig verschwinden. Küstenlebensräumen und Inselpopulationen wie etwa Tuvalu oder den Seychellen droht der Untergang.
In Borneos Regenwäldern führt neben gezielter Brandrodung auch eine anhaltende Trockenheit zu furchtbaren Bränden. [

- Vom Klimawandel bedroht: Der Rote Panda. © WWF / Peter Prokosch
Auswandern oder Aussterben?
Der Klimawandel trifft alle Lebensformen. Die Vegetationszonen zum Beispiel werden sich bei „Business as usual“ (das entspricht plus drei Grad Celsius bis zum Jahr 2100 im globalen Durchschnitt) um schätzungsweise über 400 Kilometer polwärts verschieben. Tiere müssten den Pflanzen folgen – was in unseren dicht bevölkerten und bebauten Regionen für viele von ihnen kaum möglich wäre. Im Bergland verschöbe sich die Vegetation bei gleichem Temperaturanstieg um bis zu 500 Meter nach oben. Ein Zehntel der Berge bewohnenden Pflanzen- und Tierarten der Erde wäre betroffen – zum Beispiel Rote Pandas, Moschustiere und Kragenbären.
Schon jetzt führt etwa in Kanada der immer früher einsetzende Frühling dazu, dass die besten Weiden schon vertrocknet sind, wenn die Karibuhirsche zum Kalben kommen. Zugvögel wie die Knutts Nordamerikas finden lebenswichtige Rastplätze in Küstennähe wie die an der Mündung des Delaware immer öfter überschwemmt vor. Und Eisbären müssen immer länger auf das für sie lebenswichtige Packeis warten, das ihnen im Frühling die Rückkehr über das Meer in ihre Robbenjagdgebiete ermöglicht. Ihre körperliche Kondition lässt nach, die Geburtenrate geht zurück, nur wenige Jungtiere überleben. Sollte der arktische Ozean für längere Perioden ganz eisfrei bleiben, müssen die Eisbären der südlichen Arktis verhungern. Nach neuen Daten vom WWF und der Universität Cambridge könnte dies bereits innerhalb des nächsten Jahrzehnts der Fall sein. Bis zum Jahre 2050, so schätzt der WWF, könnten zwei Drittel der Eisbärpopulationen gestorben sein.
Die Veränderungen in der Arktis wirken sich wiederum auf den Klimawandel aus, und zwar weitaus dramatischer als bisher angenommen. So prognostiziert die WWF-Studie „Arktische Rückkopplungen: Auswirkungen auf das globale Klima“, dass ein Viertel der Weltbevölkerung in Zukunft von Überflutungen betroffen sein könnte. Auch ein gewaltiger Anstieg von Treibhausgasemissionen wird befürchtet. Denn in den gefrorenen Böden der Arktis ist doppelt so viel Kohlenstoff gespeichert, wie in der Atmosphäre enthalten ist. Eine aufwändige Studie der Universität Leeds hatte bereits im Jahre 2005 ergeben, dass bis 2050 über eine Million Tier- und Pflanzenarten aussterben werden, falls der Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 und damit die globale Erwärmung nicht deutlich gebremst würden.
Der WWF sieht sich damit in seinen Analysen bestätigt: Der vom Menschen verstärkte Treibhauseffekt und der dadurch bedingte Klimawandel stellen die größte aller Bedrohungen für die Artenvielfalt auf unserem Planeten dar. Die Gefährdung der natürlichen Lebensräume ist zugleich eine Gefährdung unserer Nahrungs- und damit Existenzgrundlage.


